Rheinland-Pfalz „Schlappohr“ auf Freiersfüßen
«KAISERSLAUTERN.» Bruno Walzer ist Cheftierpfleger des Wildparks Betzenberg in Kaiserslautern. Als er am vergangenen Freitag am Luchsgehege vorbeikam, zählte er zu seiner Überraschung bis drei, wo er sonst nur bis zwei kommt: Tummelten sich doch im Gehege plötzlich drei erwachsene Katzen mit den charakteristischen Pinselohren, obwohl nur zwei auf seiner Verpflegungsliste stehen. Offensichtlich war ein fremder Kostgänger über den Zaun geklettert. Während Kofu, der angestammte Luchsmann im Gehege, hinterher humpelte, hatte es sich der Eindringling in der Nähe von Weibchen Chiara gemütlich gemacht. Ganz klar: Es hatte eine Keilerei unter Männern gegeben, bei der Kofu den Kürzeren gezogen hat. Ein Halsband ließ auch keinen Zweifel daran, woher der Wind weht: Mit dem darin eingebauten Ortungsgerät können Beutezüge und Liebespfade jener Luchse nachvollzogen werden, die seit dem Sommer 2016 im Pfälzerwald ausgewildert wurden. Mit in der Slowakei und der Schweiz eingefangenen Exemplaren soll diese Katzen-Art im Pfälzerwald wieder heimisch werden. Und der Wildpark-Eindringling trug ein solches GPS-Halsband. Nachdem also Bruno Walzer am Freitag bis drei gezählt hatte, informierte er sofort das pfälzische Luchs-Team, das die Wiederansiedlungsaktion betreut. Am Gehege eingetroffen, war den Experten gleich klar, wer da über den Zaun geklettert war: Das rechte Ohr ist geknickt – also kann das nur der aus den Karpaten stammende Lucky sein. Das Schlappohr hat er sich bei einer früheren Auseinandersetzung eingehandelt. Was mag Lucky wohl zum „Fensterln“ in den Wildpark getrieben haben? Luchse sind die meiste Zeit des Jahres zwar Einzelgänger, erläutert Projekt-Leiterin Sylvia Idelberger. Aber vor allem in den Monaten Februar und März erwacht das Interesse am anderen Geschlecht. Während dieser Ranzzeit ist vor allem den Männchen kein Weg zu weit, um eine Partnerin aufzuspüren und sich mit ihr zu paaren. Und auf einem dieser Streifzüge fand Lucky nun die Wildpark-Bewohnerin Chiara unwiderstehlich. Das Glück war freilich nur von kurzer Dauer. Zwei „Kuder“ genannte männliche Luchse in einem Gehege – das kann nicht lange gut gehen. Um üblen Verletzungen vorzubeugen, musste einer rasch wieder aus dem Wildpark ausziehen. Die Mitarbeiter des Luchs-Projektes versuchten zunächst, dem wilden Lucky durch ein offen stehendes Tor den Weg zurück in die Freiheit zu weisen. Doch der dachte nicht daran, „seine“ Chiara schon wieder sitzen zu lassen. Das verschaffte Lucky zwar eine weitere gemeinsame Nacht mit seiner jüngsten Eroberung. Doch musste er am Samstag Bekanntschaft mit dem Blasrohr des Luchsteam-Mitstreiters Michael Back machen. Es war nämlich kein Liebespfeil, sondern eine Narkosespritze, die der erfahrene Jäger treffsicher dem Eindringling per Luftdruck schickte. Nachdem Lucky so ins Land der Träume versetzt worden war, nutzte das Projektteam die Gelegenheit gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen erhielt er ein neues Sendehalsband. Denn die Batterien seines alten Gerätes hatten das Ende ihrer Lebenszeit erreicht. Als Angehöriger der ersten Luchsgeneration im Pfälzerwald ist das Verhalten des inzwischen vierjährigen Männchens aber von besonderem wissenschaftlichen Interesse. Außerdem nutzten die Betreuer Luckys Schlafpause für einen Gesundheitscheck. „Er ist gut genährt und hat ein wunderschönes Fell“, sagte Projektleiterin Sylvia Idelberger, worüber sie sich sichtlich freut. Danach wurde der abenteuerlustige Kuder in einer Kiste wieder in sein 400 Quadratkilometer großes Revier südlich von Kaiserslautern verfrachtet. Dort herrscht ebenfalls kein Mangel an Weibchen: Sechs erwachsene Luchsinnen leben mittlerweile in der Pfalz. Und fünf Männchen dürften dort momentan auf Brautschau sein. Obwohl er im Juli 2016 im zarten Alter von nur einem Jahr in die Pfalz umgezogen ist, hat Lucky bereits früh bewiesen, dass er seinen Mann stehen und sich gegen seine Geschlechtsgenossen durchsetzen kann. Momentan befindet er sich zum dritten Mal auf Freiersfüßen: 2017 zeugte er mit dem aus der Slowakei stammenden Weibchen Kaja die Sprösslinge Filou und Palu. Im vergangenen Jahr wurde er sogar Vater von drei Jungtieren. Damals war die Schweizer Luchsin Rosa seine Angebetete. Im Lauterer Wildpark stimmt die Anzahl der Luchse nun wieder. Zumindest vorerst. Ob nämlich Chiara Nachwuchs von Lucky auf die Welt bringen wird – das werden wir – und Kofu – erst in etwa 70 Tagen wissen.