Interview
Schiefer als der Turm von Pisa – und doch kein Rekord?
Was lief schief beim Schiefen Turm von Dausenau?
Von der Jury des Guinness-Buchs wurde die Anerkennung mit der Begründung abgelehnt, es handle sich bei unserem Turm um eine Ruine.
Ist der Schiefe Turm von Pisa doch nicht der schiefste der Welt?
Der Dausenauer Turm hat den Rekord von Suurhusen – der Kirchturm in dem ostfriesischen Ort hat eine Neigung von 5,19 Grad – geringfügig übertroffen und sollte daher als schiefster Turm der Welt gelten.
Wer kam auf die Idee, ihn für den Rekord vorzuschlagen?
Altbürgermeister Jürgen Linkenbach hat sich viel Mühe darum gemacht. Zweimal hat er es versucht, in den Jahren 2007 und 2010. Das liegt also bereits einige Jahre zurück.
Wie mussten Sie die Neigung des Turms belegen?
Eine Messung 2003 ergab eine Abweichung um 5,8 Gon beziehungsweise 5,22 Grad. Der Turm wird seitdem regelmäßig vermessen und auf Bewegungen kontrolliert.
Haben Sie sich davon mehr Aufmerksamkeit für das Dorf erhofft?
Auf jeden Fall. Wir hätten uns gefreut, wenn wir durch eine solche Eintragung berühmt geworden wären. Dafür hätten wir das touristische und kulinarische Angebot anpassen müssen.
Hat die Guinness-Aktion die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner geweckt?
Sicherlich. Es waren viele an der Aktion beteiligt, unter anderem der historische Verein. Die Enttäuschung war schon groß, dass es nicht gelungen ist.
Müssen Sie die Entscheidung der Guinness-Redaktion akzeptieren oder gibt es die Möglichkeit zur Gegenmaßnahme?
Ich war damals noch nicht politisch tätig, aber das mussten wir wohl hinnehmen. Der Austausch fand damals in englischer Sprache statt. Das stellt für mich kein Problem dar, da Englisch meine Muttersprache ist. Vielleicht sollten wir das Thema bald wieder aufnehmen.
Welche Geschichte hat „Ihr“ Turm?
Er wurde von der Stadt Dausenau ab 1248 bis 1358 als Teil der Stadtmauer gebaut. Ursprünglich war der Turm etwa 25 Meter hoch. Nachdem seine Schräglage stärker wurde, wurden einige Meter abgetragen.
Wieso ist denn dieser Turm überhaupt so schief?
Es ist bergseitig auf massivem Fels, talseitig auf steinigem, lehmhaltigem Boden gebaut, was schon früh zu einer leichten Neigung geführt hat. Zudem brach zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Pforte unterhalb des Turms zusammen, dadurch verlor der Turm seinen Halt. Und ein weiterer Grund führte zu der Schieflage: Die Lahn wurde schiffbar gemacht und der Grundwasserspiegel veränderte sich.
Wird er irgendwann einstürzen?
Das werden wir zu verhindern wissen. Tatsächlich ist es so, dass wir einen geotechnischen Bericht vorliegen haben aus dem hervorgeht, dass wir die Standsicherheit optimieren müssen. Eine Sanierung des Turms steht zudem an. Er muss verfugt werden. Das kostet unsere kleine Gemeinde viel Geld
Kann man ihn besteigen?
Leider nein, allerdings träume ich davon, dass wir das ändern können. Das wäre sicherlich nicht einfach, aber ich möchte das wieder thematisieren – spätestens in der anstehenden Dorfmoderation.
Wie oft gehen Sie als Bürgermeisterin zu dem Turm?
Ich gehe jeden Tag daran vorbei, da das Rathaus genau gegenübersteht. Man kann genau gegenüber im Oktogon unter der Kaisereiche sitzen und ihn bewundern. Auch kann man einen Rundgang über die 1,3 km lange Stadtmauer unternehmen und die anderen sechs Türme sehen.
Ist er Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Definitiv. Das ist toll, so ein Denkmal im Ort zu haben. Der Turm ist übrigens unser Wahrzeichen.
(Interview: Antonia Kurz)