Pfalz
Psychotherapie: Bald noch weniger Angebote für Kassenpatienten?
„Die Kürzung ist fatal, eine Entwertung unserer Arbeit und ein falsches Signal vor allem an junge Kollegen“, sagt Sabine Bettinger. Die 64-Jährige ist seit fast 20 Jahren niedergelassene Psychotherapeutin in Kaiserslautern. Sie ist zugleich Mitglied in den Landesberufsverbänden BDP und VPP. Beide Verbände fordern die Rücknahme der Kürzung. Sie sprechen von einer „skandalösen Entscheidung“. Und dabei wird der Protest keineswegs bleiben.
Der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung ist groß. Die Wartezeiten auf eine Therapie können mehrere Monate betragen, bei Bettinger sogar mehr als ein Jahr. Bei knappem Angebot und steigender Nachfrage wollen die Krankenkassen nun sparen.
Ab dem 1. April sollen die Honorare für ambulante psychotherapeutische Leistungen nach dem Willen der Krankenkassen bundesweit um 4,5 Prozent sinken. Das hat ein gemeinsamer Ausschuss der Kassen als Geldgeber und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) als Interessenvertretung der Ärzte und Psychotherapeuten festgelegt. Weil die KBV allerdings gegen die Kürzung ist – die Krankenkassen hatten zunächst sogar eine Reduzierung um zehn Prozent angestrebt –, musste in einem erweiterten Ausschuss zusammen mit Unparteiischen ein Kompromiss gefunden werden. Unter dem Vorsitz des Kölner Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem wurde gegen den Willen der KBV die Kürzung beschlossen.
Krankenkassen: Zu teuer
Der Spitzenverband der Krankenkassen GKV begründet den Schritt mit den zuletzt in dem Bereich überdurchschnittlich stark gestiegenen Ausgaben, es brauche daher eine Anpassung. Für die psychotherapeutische Versorgung würden bundesweit 4,6 Milliarden Euro aufgewendet – das entspreche fast zehn Prozent der Ausgaben für die ambulante ärztliche Versorgung. In Rheinland-Pfalz sagt der Verband der Ersatzkrankenkassen, dass die Honorare für psychotherapeutische Leistungen seit 2013 um 52 Prozent gestiegen seien, während der Zuwachs bei den ärztlichen Leistungen im selben Zeitraum nur bei 33 Prozent gelegen habe.
Allerdings bilden Psychotherapeuten „das Schlusslicht in der Verdienstskala der Fachbehandler“, sagt dagegen Andreas Staub, Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche in Freinsheim (Kreis Bad Dürkheim). Er sitzt im Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung in Rheinland-Pfalz sowie in der Landes-Psychotherapeutenkammer. „Die sprechende Medizin wird wieder abgewertet zugunsten hoch technisierter Leistungen“, sagt Staub. Dabei sei reden, also ambulante Psychotherapie, für das Gesundheitssystem relativ günstig.
Kritiker: Therapeuten verdienen viel weniger
Staub rechnet vor: Im Schnitt habe eine Hautarztpraxis 2022 rund 240.000 Euro Gewinn gemacht; eine psychotherapeutische Praxis dagegen lediglich rund 90.000 Euro. Die Ausbildungszeiten seien für Ärzte sowie Psychotherapeuten ähnlich. Die meisten Psychotherapeuten sind studierte Psychologen und haben sich danach fünf Jahre weitergebildet. Es gibt allerdings auch Ärzte unter den Psychotherapeuten.
Constanze Kolditz, 44, aus Grünstadt im Kreis Bad Dürkheim ist eine der 1744 niedergelassenen Psychotherapeuten in Rheinland-Pfalz. Der Frauenanteil in dem Beruf liegt laut Kassenärztlicher Vereinigung bei 77 Prozent; bei denen, die Kinder und Jugendliche behandeln, sogar bei 80 Prozent. Kolditz will sich jetzt noch einmal gut überlegen, ob sie ihren Plan umsetzt und einen Kassensitz kauft, damit sie künftig auch Kassenpatienten behandeln kann. Diese Sitze sind streng reglementiert, pro Kommune gibt es nur eine bestimmte Anzahl. Rund 50.000 Euro kann man für einen Sitz veranschlagen.
Kassenpatienten haben jetzt schon Nachteile
Die Nachfrage sei sehr groß, sagt die 44-Jährige. Bisher arbeitet sie angestellt in einem Krankenhaus, und in ihrer Praxis bietet sie als Selbstständige Leistungen nur für Privatpatienten oder Selbstzahler an. Damit lässt sich mehr verdienen. Zwischen 134,07 und 167,58 Euro darf sie für eine 50-minütige Therapiesitzung abrechnen – für Kassenpatienten wären es für dieselbe Leistung nur 119,89 Euro Honorar. 80 Kassenpatienten hätten im vergangenen Jahr bei ihr angefragt – „ich musste sie alle ablehnen“. Die Versorgungslage könnte für Kassenpatienten wegen der Honorarkürzung also noch schlechter werden.
Der Protest: Demos, aber auch Klage angedroht
Die Kassenärztliche Vereinigung breitet jetzt eine Klage gegen den Beschluss vor. Das Bundesgesundheitsministerium könnte die Kürzung noch kassieren – sofern ein rechtlicher Fehler vorliege, betonte das Ministerium von Nina Warken (CDU) auf Anfrage. Für eine Prüfung habe man zwei Monate Zeit. Unterdessen organisieren die Berufsverbände der Psychotherapeuten Demonstrationen. In Heidelberg gehen sie heute auf die Straße, in Mainz am Donnerstag.