Kaiserslautern / Pirmasens / Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer AfD-Hochburgen: „Einfache Parolen treffen genau ins Herz“

AfD-Stand in Kaiserslautern mit Direktkandidat Sebastian Münzenmaier (Mitte).
AfD-Stand in Kaiserslautern mit Direktkandidat Sebastian Münzenmaier (Mitte).

Im Wahlkreis Kaiserslautern gewinnt die AfD bei den Zweitstimmen. Auch in Pirmasens und Germersheim machen sehr viele ihr Kreuz bei den Blauen. Nicht erst seit Sonntag.

251 Bundestagswahlkreise zählte Westdeutschland bei der Wahl am Sonntag. Am Ende hatte die AfD zum ersten Mal zwei davon bei den Zweitstimmen gewonnen – den Wahlkreis 122 Gelsenkirchen und den über 300 Kilometer entfernt liegenden Wahlkreis 208 Kaiserslautern. Damit schafften es beide in die bundesweiten Nachrichten.

Wie stark sich der Wahlkreis 208 mit der Stadt Kaiserslautern, den Kreisen Kusel und Donnersbergkreis sowie drei Verbandsgemeinden im Kreis Kaiserslautern heraushebt, macht auch der Blick auf die Rheinland-Pfalz-Karte beim Zweitstimmenergebnis deutlich: Alles ist schwarz, dazwischen eine blaue Insel. Die AfD hat im Wahlkampf alles dafür mobilisiert. Fast wäre es ihr sogar noch gelungen, mit dem Wahlkreiskandidaten Sebastian Münzenmaier das Direktmandat zu holen.

Empfänglich für einfache Lösungen

Warum eine strukturschwache Region prädestiniert für AfD-Wähler zu sein scheint, hat Justus Bender, Politikredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, schon 2017 herausgearbeitet: Das Vertrauen in Landes- und Bundespolitik ging verloren, die Menschen fürchten um ihre Existenz, fühlen sich abgehängt, wollen mehr Ordnung – und sind daher besonders empfänglich für einfache Lösungen.

In der Westpfalz mahnt die Kommunalpolitik seit langem, dass der Region langfristig geholfen werden muss. Es gibt eigene Initiativen, wie die Vereine Zukunftsregion Westpfalz und Ärzte für die Westpfalz, oder die Idee eines Masterplans. Das reicht aber nicht aus, um die AfD zu stoppen, weil damit zum Beispiel auch nicht der drohende Verlust Tausender Arbeitsplätze in der saarländischen Industrie, ein großer Arbeitgeber auch für die Westpfalz, gebannt wird.

Eloquente Antworten für den „kleinen Mann“

Das hat die AfD spätestens nach der Kommunalwahl 2024 erkannt. Sie profitierte gleichzeitig davon, dass es salonfähig geworden ist, eine rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme Partei zu wählen. Auf dieser Welle surfte sie durch den Wahlkreis 208. Während andere Parteien froh sein konnten, wenn der eine oder andere Passant an ihrem Wahlstand stoppte, konnte sich die AfD vor Andrang kaum retten. 60, 70, 80 Leute, alles Fans, waren keine Seltenheit, und mitten in der Party stand ein junger Direktkandidat, für den es ein Leichtes war, dem „kleinen Mann“ gegenüber wortgewandt und eloquent aufzutreten. Hauptsache Grenzen dicht, Kopftuch weg, Bürgergeld ebenso. Prominente Schützenhilfe bekam er reichlich: Ob Tino Chrupalla und Alice Weidel als Bundesvorsitzende oder Landeschef Jan Bollinger – die AfD ließ keinen Zweifel am Muster-Wahlkreis Kaiserslautern.

Dass die Ampelparteien dem wenig entgegensetzen konnten, verwundert nicht. Doch hätte die CDU Weidel, Münzenmaier und Co. Paroli bieten können und müssen. Das scheiterte aber schon daran, dass ein unbekannter CDU-Direktkandidat nominiert wurde, der chancenlos war und auch kaum prominente Unterstützung erhielt. Im Prinzip hatte die CDU den Wahlkreis Kaiserslautern schon aufgegeben, bevor der Wahlkampf überhaupt losging. Oder war sie sich eines Sieges sicher? Egal wie, hat sie die Manege freigegeben für eine AfD, die ihre Chance zu nutzen wusste.

Angst und finanzielle Sorgen
Das Winzler Viertel in Pirmasens.
Das Winzler Viertel in Pirmasens.

Auch Pirmasens ist eine AfD-Hochburg – und nicht erst seit Sonntag. 31,9 Prozent der Wahlberechtigten in der ehemaligen Schuhstadt haben bei der AfD ihr Kreuz gemacht – in keiner kreisfreien Stadt in Rheinland-Pfalz waren es prozentual mehr bei den Zweitstimmen. Das sind über zehn Prozentpunkte mehr als die Partei am Sonntag auf Bundesebene holte (20,8 Prozent). Zwar legte die AfD überall zu gegenüber der Wahl 2021, aber nirgends so sehr wie in Pirmasens: plus 16,5 Prozentpunkte.

Wer aber mit Wählern spricht, erfährt: Häufig sind es finanzielle Sorgen oder die Angst, eine bezahlbare Wohnung zu finden, die die Menschen umtreiben in einer Stadt mit hoher Arbeitslosenquote (12,6 Prozent) sowie doppelt so vielen Unternehmerinsolvenzen wie im Landesschnitt. Und mehr ausländischen Mitbürgern.

Ein Mann vor dem Bekleidungsgeschäft C&A meint, es brauche eine bessere Wohnungspolitik. „Ich suche eine kleinere Wohnung, aber viele werden schon unter der Hand weitergegeben“, sagt der 35-jährige Koch. Der Mann wirkt deutlich älter. „Ich kann zum Glück bei der Arbeit essen.“ Seine drei Zimmer für 1200 Euro seien ihm zu teuer. „Ich kann verstehen, warum die AfD gewählt wird, auch wenn ich die nicht wähle“, sagt eine Arzthelferin, 45, in der Innenstadt. „Aschaffenburg oder München kann auch hier passieren“ – sie spricht von der Angst vor Messerattacken. An diesem Dienstag ist es grau, die Schule ist bald aus. In Pirmasens gehen deutlich mehr junge Menschen auf ein Gymnasium als andernorts in Rheinland-Pfalz, aber überproportional viele gehen auch ohne Berufsreife von der Schule ab.

„Schnell gefrustet“

Eine Frau, die seit Jahrzehnten mit Jugendlichen arbeitet, erinnert sich, wie „radikal“ ihre Gruppe debattiert habe über das tragische Ereignis in Aschaffenburg, bei dem Ende Januar ein zweijähriges Kind und ein Mann starben. „Für den Täter forderten sie die Todesstrafe. Keiner wollte verstehen, dass ein politisches System mit derlei harten Sanktionen auch ihre Freiheiten einschränken könnte.“ „Und“, sagt die 60-Jährige „die Leute sind weniger genügsam als früher“. Kinder, Auto, Haus mit Garten und natürlich Urlaub – wer das selbst gesteckte Ziel nicht erreiche, sei schnell gefrustet. „Die AfD mit den einfachen Parolen trifft da genau ins Herz.“ Eine 20-jährige Ukrainerin eilt zum Deutschkurs und eine indische Krankenschwester bald zur Arbeit im Krankenhaus. Sie mögen die Stadt, sagen sie.

Für Inge Seebach, 69 und gelernte Erzieherin, ist die AfD „das kleinste Übel“. Sie habe „Steuern bis zum Anschlag gezahlt“, sagt sie. „Ich hoffe, dass die jetzt was für uns tut.“ Sie besitze zwei Immobilien, eine müsse sie noch abbezahlen. Um ihren Lebensstandard als geschiedene Frau zu halten, arbeite sie noch als selbstständige Lebensberaterin. Auch im Winzler Viertel, einem ärmeren Bezirk, wo renovierte Häuschen neben Wohnblocks mit schmutziger Fassade stehen, bekennt eine 62-jährige frühere SPD-Wählerin sich zur AfD. „Die anderen Parteien, vor allem die Ampel, haben nur Scheiße gebaut. Es gibt zu viele Asylanten und sie sollen arbeiten“, findet sie. Früher habe sie in der Schuhfabrik gearbeitet, später als Reinigungskraft, heute sei sie arbeitslos und krank. Finanziell komme sie gerade so über die Runden.

„Die wollen ernst genommen werden“

Und dann ist da noch Andreas Hermann Dillinger aus dem Winzler Viertel. Der ehemalige verbeamtete Postbote stellt gleich klar: „Ich wähle die nicht.“ Die mögliche Gefahr durch AfD-Funktionäre und Faschisten wie Björn Höcke in Thüringen sei hier niemandem bewusst. Das langjährige SPD-Mitglied versucht AfD-Anhänger von anderen Lösungen zu überzeugen und hilft Bürgergeldempfängern beim Amt. Er kritisiert „seine SPD“ ebenso wie die CDU, die den Oberbürgermeister in Pirmasens stellt, die Kirchen oder Lehrer. Gleichgültigkeit, Sonntagsreden zu Eröffnungen wie dem nahen Quartierszentrum „Patio 11“ seien falsch und ein Grund des Übels. „Die Pirmasenser sind nicht blöd und sie sind Schaffer. Und sie wollen ernst genommen werden.“

Gefühl der Entfremdung
 Die Marktstraße in Germersheim.
Die Marktstraße in Germersheim.

Die Hoffnung darauf, ernst genommen zu werden – die gibt es auch in Germersheim. Eine 39-Jährige hat aus diesem Grund zum zweiten Mal in ihrem Leben gewählt: die AfD. Denn sie will, dass sich etwas ändert in Deutschland. „Man fühlt sich wie in einem fremden Land“, sagt sie. Dass sie für die Wahl der AfD – die in Germersheim mit 34,6 Prozent landesweit ihr bestes Zweitstimmen-Ergebnis unter allen Städten eingefahren hat – „als Nazi abgestempelt“ werde, findet sie schlimm: „Bloß weil ich mir Sorgen um meine Kinder mache.“ Sie kenne keinen, der nicht AfD gewählt habe, erzählt die dreifache Mutter: Sogar die gebürtigen Polen und Russen in ihrer Arbeit, die den deutschen Pass hätten, hätten ihr Kreuzchen bei den Blauen gesetzt. Dass der hohe Ausländeranteil in Germersheim ein Grund für das hohe AfD-Ergebnis sein könnte, hört man oft und: „Man sieht keine Deutschen mehr in der Stadt.“ Rund 6600 Ausländer leben in der knapp 22.000 Einwohner zählenden Kreisstadt am Rhein.

Gute Infrastruktur – woran liegt es dann?

Es ist eine Stadt, die hübsch hergerichtet worden ist. „Das Stadtbild hat sich sehr zum Positiven geändert“, findet Jürgen Ruckstuhl, der seit 1993 ein Fahrradgeschäft in der Stadt führt: „Die Struktur stimmt.“ Krankenhaus, Schulen, ein Bahnhof, Ärzte – alles da.

Woran liegt es dann? In der Kneipe hat man auf diese Frage viele Antworten. „Ich habe 48 Jahre lang geschafft und kriege nicht mehr Geld als ein Bürgergeldempfänger“, sagt ein 64-jähriger Neu-Rentner. Die Miete werde höher, Strompreis, Heizkosten steigen: „Irgendwann sitzen wir auf der Straße. Und für die Asylanten, da wird alles gebaut.“ Es gibt viele Fragen am Tresen: Wie kann man die Atomkraftwerke abschalten? Was bringt es, wenn Deutschland einen Radweg in Peru finanziert? Warum dauert es so lange, einen Facharzttermin zu bekommen? Die Antworten darauf werden dann im Wahlbüro gegeben. Früher, sagt ein 61-Jähriger, habe er SPD gewählt. „Jetzt wähle ich was anderes.“

Uralte Wunden

In Germersheim hat die AfD nicht zum ersten Mal ein gutes Bundestagsergebnis erzielt: 2017 bekam sie 22,1 Prozent, 2021 19,8 Prozent und schon in den 1990er Jahren waren die Republikaner mit 13 Prozent dort relativ stark. Und trotzdem: „Es ist nicht so, dass die Leute hier ausländerfeindlich sind“, sagt eine 28-Jährige, deren Eltern aus Marokko zugewandert sind: Sie persönlich – in Germersheim geboren, zur Schule gegangen und arbeitend – sei zufrieden, merke aber eine gewisse Gereiztheit: „Es wird immer angespannter in Germersheim.“

Auch Werner Seessle spürt eine „Distanz“ – und zwar zwischen den Russlanddeutschen und den Muslimen in der Stadt. „Es sind uralte Wunden da“, stellt er fest. Der 75-Jährige, der seit 15 Jahren Chef der Tafel ist, die in Germersheim und den umliegenden Dörfern rund 1500 Menschen versorgt, betont das Verbindende. Er will gar nicht wissen, wie viele Migranten oder AfD-Wähler unter den 500 Familien sind, die Lebensmittel von der Tafel holen: „Ich helfe Menschen. Nicht politischen Ansichten.“ Keine schlechte Haltung in diesen Zeiten.

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