Interview
Pandemie-Experte: „Niemand traut sich mehr zu husten“
Herr Bornhofen, als Arzt und Leiter des Landauer Instituts für Hygiene und Infektionsschutz haben Sie immer wieder vor einer Influenza-Pandemie gewarnt. Mittlerweile leiten Sie das hessische Stadtgesundheitsamt Offenbach und kämpfen mit den Folgen der Corona-Pandemie. Waren Sie, als Sie vor elf Jahren die Pfalz verließen, auf eine Pandemie vorbereitet?
Alle Gesundheitsexperten haben mit einer schwierigen Situation gerechnet, aber nicht in dieser Form. Wir hatten vor allem die Grippeviren im Blick. 2009/10 mussten wir dann ja auch die Schweinegrippe bewältigen. Damals gab es viel Kritik an der Gesundheitspolitik. In den danach überarbeiteten Pandemieplänen steht eigentlich alles drin, was zu tun ist.
Was ist an der Corona-Pandemie so ungewöhnlich?
Auch nach einem Jahr kennen wir das Virus noch nicht so richtig gut. Mit seinen Wandlungen stellt es uns ständig vor neue Herausforderungen. Vieles ist den Medizinern immer noch unklar. Es wird alles getan, um einerseits das Coronavirus zu bekämpfen und andererseits den erkrankten Menschen zu helfen, aber die Lage bleibt weltweit angespannt.
Sind Sie noch im Pandemie-Beirat beim Robert-Koch-Institut (RKI)?
Nein. Es gibt ihn aber noch, den Expertenbeirat Influenza. Ich war sechs Jahre Mitglied und wundere mich ein bisschen, dass der Beirat so wenig genutzt wird. Bei Grippe und Corona ist ja vieles vergleichbar. Das große Gremium, in dem Virologen, Immunologen und andere Spitzen-Fachleute sitzen, könnte die Politik beraten.
Wie entsteht denn ein Pandemieplan?
Der Pandemieplan hat zwei Teile. Teil 1 mit den Maßnahmen wird von den Gesundheitsministerien von Bund und Ländern erarbeitet. Teil 2, das ist der wissenschaftliche Teil, wird vom RKI gemeinsam mit Gesundheitsexperten aufgestellt. Jeder Satz wird geprüft und durch Studien belegt. Die Länder können dann ihre eigenen Pläne darauf aufbauen, und die Kommunen sollen das lokal umsetzen. Derzeit scheint es aber keine konkreten aktuellen Pandemiepläne für die einzelnen Bundesländer zu geben.
Wie schätzen Sie das Coronavirus ein?
Es ist ein ,schlaues’ Virus, das die menschlichen Schwächen zu nutzen scheint. Momentan sterben viele alte Menschen und jüngere mit Vorerkrankungen. Am gefährlichsten wird es, wenn man eine besonders große Ladung Viren tief in die Lunge einatmet. Dann kann man sehr schwer erkranken. Daher bleiben Schutzmaßnahmen wie Masken und Abstand so wichtig. Wir haben es hier mit einer echten Pandemie zu tun, die mit allen technischen Möglichkeiten bekämpft werden muss. Genauso wichtig ist es, die Viren genau zu untersuchen, um neue Erkenntnisse zu den Mutationen zu gewinnen.
Grippeviren spielen derzeit beim Infektionsgeschehen fast keine Rolle. Liegt das wirklich an der Distanz?J
Ja. Influenzaviren haben es momentan schwer, sich zu verbreiten. Menschen halten überall Abstand. Schauen Sie sich doch die Bilder im Fernsehen an. Sonst gab es zur Jahreswende viele Konzerte von Rock bis Klassik, bei denen die Leute eng nebeneinander standen. Es wurde aus vollem Hals mitgesungen, getanzt und natürlich auch heftig gehustet. Früher hat man im Theater manchmal vor Husten nichts mehr mitbekommen. Heute traut sich das niemand mehr, selbst im Bus. Die aktuellen Coronaviren können sich leichter als Grippeviren ausbreiten, weil sie schon sehr weit verteilt sind und Menschen ohne Symptome sie verbreiten können.
Der Politik wird oft vorgeworfen, dass sie den Sommer verschlafen habe. Sehen Sie das auch so?
Nein, es wurde überall weitergekämpft, um das Virus in Schach zu halten. Es gab Quarantäne und Kontaktverfolgung. Hätte man im März und April nicht gehandelt, wären die Krankenhäuser total überlastet gewesen. Trotzdem haben sich auch Fachleute wie die Virologen immer wieder geirrt. Manche Politiker haben sich aufs Glatteis führen lassen, die dachten im Sommer, Corona sei vorbei. Ich hätte anfangs auch nicht gedacht, dass die Pandemie uns so lange in Atem hält. Wir haben es geschafft, die Kurve flach zu machen. Aber dadurch dauert es, bis es ganz vorbei ist.
Wie sieht es inzwischen in den Gesundheitsämtern aus?
Von meinen ursprünglich 33 Mitarbeitern haben sich sechs mit Infektionskrankheiten befasst. Jetzt beschäftigen sich bei uns um die 100 Mitarbeiter nur mit Corona. Ein ernstes Thema waren die Reiserückkehrer aus dem Balkan, die im Herbst viele Viren mitgebracht haben. Wir sind jetzt immer noch am Rand der Kapazitäten, tun aber alles, um effizienter und schneller zu werden. Das geht sicher allen Gesundheitsämtern so.
Haben die Gesundheitsämter von Corona profitiert?
Zumindest wurde das Personal aufgestockt. Viele Jahre wurden Mitarbeiter eingespart. Jetzt war plötzlich niemand mehr da, um die Arbeit zu bewältigen. Wir haben aber immer noch ein gravierendes Problem.
Welches ist das?
Ärzte an Krankenhäusern werden besser bezahlt als Ärzte in den Gesundheitsämtern. Bei der Grundvergütung macht das 1000 Euro Unterschied im Monat. Entsprechend schwer ist es, Personal zu bekommen. Gerade junge Leute mit Familie überlegen es sich dreimal, ob sie auf unsere Ausschreibungen reagieren.
Ein anderes Problem ist offenbar die digitale Vernetzung?
Ja und Nein. Seit dem Jahr 2000 wurde im Zusammenhang mit dem Infektionsschutzgesetz mit Hilfe des RKI ein digitales System aufgebaut. Da haben auch in Rheinland-Pfalz alle Gesundheitsämter toll mitgezogen. Diese alte Software ist gut für die Meldung an die Landesstelle und das RKI. Bei der Kontaktpersonennachverfolgung und der Kommunikation zwischen den Gesundheitsämtern hat sie aber ihre Schwächen. Jetzt soll eine neue ergänzende Software eingeführt werden, die vom Helmholtz-Institut entwickelt wurde, um in Afrika Ebola zu bekämpfen. Einige Kollegen sind nicht begeistert, dass sie auf ein neues System umschulen sollen. Ich bin der Meinung, dass wir es trotzdem tun sollten, um noch besser untereinander kommunizieren zu können. Das System muss aber mit dem RKI-System kompatibel sein.
Was würden Sie noch unternehmen, um die Pandemie zu bekämpfen?
Ich weiß, es klingt hart, aber man sollte darüber nachdenken, eine Woche – noch besser zwei – noch mehr stillzulegen. Die Leute sollten Vorratskäufe tätigen, danach wäre mal wirklich alles dicht. Das Virus könnte sich dann nicht weiterverbreiten, weil kein frisches „Opfer“ mehr zur Verfügung stünde. Das könnte etwas bringen, ist aber schwer zu vermitteln, weil ein Teil der Bürger gar kein Verständnis für die Corona-Maßnahmen hat.
Sollten nicht mehr Städte das Tübinger Modell, das mit viel Aufklärung und Schnelltests auf Marktplätzen arbeitet, umsetzen?
Das Modell ist sehr gut. Leider können es nicht alle Städte finanzieren.
Wie bewerten Sie die Impfbereitschaft beim Pflegepersonal?
Meiner Meinung hängt das stark von den Vorbildern ab. Wenn die Leitung eines Pflegeheims keine Angst hat und sich impfen lässt, dann lassen sich auch die Pflegekräfte impfen. Wir haben in Offenbach bislang über 1000 Menschen geimpft und hatten keine schweren Reaktionen. Manche Leute hatten Angst, sie könnten Versuchskaninchen sein, aber als sie gesehen haben, wie gut es gelaufen ist, haben sie sich doch noch impfen lassen. Ich stehe voll hinter der Corona-Impfung. Ein gewisses Restrisiko gibt es immer. Das gilt nicht nur für Impfungen.