Rheinland-Pfalz Mit Hut und Rad über den Rhein
«LUDWIGSHAFEN.»Seit dem Wochenende blühen an der Weinstraße die ersten Mandelbäume. Im Februar vor 90 Jahren war es dagegen wochenlang bitterkalt: In Ludwigshafen wurden minus 21,1 Grad gemessen. Mit ungewöhnlichen Folgen: Der Rhein sieht aus, als wäre er „in Eis gepanzert“, notierte damals der Ludwigshafener Generalanzeiger.
Das im 20. Jahrhundert im Bereich des pfälzischen Rheinufers einmalige Naturereignis löste einen Massenansturm aus. Die Bahn karrte vor allem am Wochenende des 15. und 16. Februar Schaulustige in Sonderzügen zum Eiswunder herbei. Die Menschenmenge übertreffe „bei weitem die Zahl der Wurstmarktbesucher“, schätzte Mitte Februar 1929 das Pfälzer Tageblatt. Bei Speyer wurden eilig Buden aufgeschlagen, an denen es Würstchen, Glühwein und Süßigkeiten gab. Bei Ludwigshafen verlegte eine Brezelverkäuferin ihr Einsatzgebiet auf den Rhein, der Klang von Schifferklavieren wehte über den Strom. Eine 80-jährige Mannheimerin, die schon in den Wintern 1879/80 und 1894/95 den zugefrorenen Fluss betreten hatte, wagte – begleitet von ihrem Sohn – die dritte Eiswanderung ihres Lebens über den Rhein. Die Ausflügler erschienen meist mit ihrem „Sonntagsstaat“ samt Hut und Mantel zur Eispromenade. Auf einem alten Foto ist auch ein Mann zu erkennen, der ein Fahrrad über den Rhein schiebt. Viel Freude wird er dabei nicht gehabt haben. Denn der Fluss war nicht zu einer glatten, sondern zu einer recht zerklüfteten Oberfläche gefroren. Könnte sich ein solches Naturschauspiel wiederholen? Das ist zwar nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich. Durch den Ausbau des Oberrheins hat sich dessen Fließgeschwindigkeit erhöht. Außerdem sorgen die warmen Einleitungen von Kläranlagen und Kraftwerken dafür, dass sich der Fluss nicht allzu sehr abkühlt. Und schließlich dürften auch die steigenden Durchschnittstemperaturen dafür sorgen, dass der Rhein so schnell nicht mehr zufriert.