Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Mannheims OB Specht: Gedenkort auf Marktplatz soll an Messerattacke erinnern

Die Stadt möchte auf dem Marktplatz einen dauerhaften Gedenkort für den ermordeten Polizisten Rouven Laur etablieren – in Abstim
Die Stadt möchte auf dem Marktplatz einen dauerhaften Gedenkort für den ermordeten Polizisten Rouven Laur etablieren – in Abstimmung mit dessen Familie.

Fast vier Monate liegt die Messerattacke auf dem Marktplatz in Mannheim zurück, bei der ein Afghane mutmaßlich aus religiösen Motiven den jungen Polizisten Rouven Laur erstochen hat. Jörg Schmihing hat Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) gefragt, welche Spuren die Tat in der Stadt hinterlassen hat.

Mannheim Ende Mai, jetzt Solingen vor wenigen Wochen – was haben Sie empfunden, als Sie vom Mordanschlag eines weiteren mutmaßlichen Islamisten erfahren haben?
Es war eine schreckliche Nachricht, die in mir die Erinnerung an das Marktplatzattentat wieder ganz deutlich wachgerufen hat. Die Tat in Solingen zeigt erneut, wie wichtig es ist, gegen jede Form von Extremismus und Gewalt einzustehen. Solche Taten erschüttern uns alle – aber sie dürfen uns nicht lähmen. Sie erinnern uns daran, wie wichtig gesellschaftlicher Zusammenhalt und Präventionsarbeit sind. Beide Taten waren nicht nur ein feiger Angriff auf einzelne Menschen, sondern auch ein Angriff auf die Meinungsfreiheit und damit auf unsere freiheitliche Demokratie in Deutschland und Europa.

Wer viel in der Mannheimer Innenstadt unterwegs ist, kommt fast zwangsläufig immer wieder am Marktplatz vorbei. Wie erleben Sie persönlich diesen Ort ein gutes Vierteljahr nach der Tat?
Der Marktplatz ist für mich nach wie vor ein Ort des Gedenkens. Es kommen noch immer Menschen dorthin, um Blumen niederzulegen und sich über das Geschehene auszutauschen. Gleichzeitig ist inzwischen auch die Normalität zurückgekehrt: Der Wochenmarkt findet statt, und der Platz ist wieder ein beliebter Treffpunkt für die Bürgerinnen und Bürger. Die Stadt wird das Gedenken an Rouven Laur aufrechterhalten und hat bereits erste Vorüberlegungen für einen dauerhaften Gedenkort angestellt. Wir sind dabei zu der Einschätzung gekommen, dass der Marktplatz der richtige Ort dafür ist – der Ort des Geschehens wie auch der folgenden Trauer. Es ist mir aber wichtig, zunächst mit den Angehörigen über den Vorschlag zu sprechen, um zu erfahren, wie sie darüber denken. Die letzte Entscheidung trifft dann der Gemeinderat.

Sie haben bei der ersten Gedenkveranstaltung nach der Messerattacke auf dem Marktplatz sinngemäß gesagt, dass die Tat Mannheim verändern und prägen werde. In welcher Weise haben die Ereignisse das getan?
Die Ereignisse haben Mannheim zweifellos verändert: Sie haben uns die Zerbrechlichkeit unseres friedlichen Zusammenlebens vor Augen geführt und gleichzeitig gezeigt, wie stark unsere Gemeinschaft ist. In den Tagen nach der Tat gab es eine Welle der Solidarität und den gemeinsamen Wunsch, Extremismus keinen Raum zu geben. Wir haben den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen in Mannheim weiter intensiviert und setzen uns noch stärker für Präventionsarbeit gegen Radikalisierung ein. Denn es ist klar: Unsere Demokratie und unser Zusammenhalt sind unter Druck. Aber wir dürfen uns durch das Messerattentat nicht spalten lassen! Vielmehr müssen wir uns auf die lange Tradition des gesellschaftlichen und interreligiösen Dialogs in Mannheim zurückbesinnen und sie ganz im Sinne der Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt aufrechterhalten.

Mannheim sei geprägt von kultureller und religiöser Vielfalt und gutem Miteinander – das haben viele Redner damals betont. Ist nach dem 31. Mai das Misstrauen untereinander spürbar gewachsen? Wie begegnen Sie dem?
Zu dem schrecklichen Messerattentat am 31. Mai kommen die Ereignisse in Israel und dem Gazastreifen nach dem 7. Oktober und natürlich der russische Krieg in der Ukraine hinzu. In solchen globalen Konfliktsituationen ist es nur verständlich, dass die Verunsicherung wächst. Da ist es wichtig, diese Verunsicherung nicht in gegenseitiges Misstrauen zwischen verschiedenen Gruppen unserer Stadtgesellschaft umschlagen zu lassen. Wir setzen in Mannheim auf den Dialog und die Stärkung des Zusammenhalts. Direkt nach der Tat haben wir das Gespräch mit allen Gemeinschaften gesucht, um mögliche Missverständnisse und Vorurteile abzubauen. Dazu haben wir eingespielte Gesprächsstrukturen zwischen den Akteuren unterschiedlicher religiöser Gruppen genutzt, die auch in der Krise gut funktioniert haben. Unser Ziel ist es, die Vielfalt unserer Stadt als Stärke zu bewahren. Wichtig ist aber auch, dass wir die Integrationsarbeit gezielter steuern. Das beginnt schon in den Kitas und den Schulen. Hier müssen wir stärker am Puls der Zeit sein.

Hochrangige Politiker inklusive des Bundespräsidenten sind in den Tagen nach der Tat nach Mannheim gereist, haben mit der Familie des getöteten Polizisten Rouven Laur getrauert. Wie wichtig sind diese Besuche gewesen?
Die Besuche waren sehr wichtig, da sie der Familie von Rouven Laur, aber auch der gesamten Stadt gezeigt haben, dass wir in unserer Trauer und Betroffenheit nicht allein sind. Sie waren Zeichen der Solidarität und Anteilnahme. Diese Besuche haben uns als Stadtgemeinschaft in einer schweren Situation gestärkt und uns darin bestärkt, unseren Weg der offenen Gesellschaft und des friedlichen Miteinanders konsequent weiterzugehen.

Hat es Sie geärgert, dass Ihre Verwaltung mitten in Trauer und Entsetzen als Stadtverwaltung einen Rechtsstreit mit der AfD über deren zunächst direkt am Tatort geplante Kundgebung führen musste?
Wir haben den Marktplatz für die zwei Wochen bis zur Beisetzung von Rouven Laur zu einem Ort der Trauer und des ruhigen Gedenkens erklärt. Viele Menschen haben mir gesagt, dass ihnen das so kurz nach der Tat sehr wichtig war. Die Verwaltung wollte die angemeldete Kundgebung nicht verbieten, sondern nur auf den benachbarten Paradeplatz verlegen. So sollte das Demonstrationsrecht gewahrt bleiben und gleichzeitig ein würdiges Gedenken an Rouven Laur ermöglicht werden, ohne dass sein Tod politisch instrumentalisiert wird. Gott sei Dank ist das Gericht im Eilverfahren unserer Begründung gefolgt, dass es ein Persönlichkeitsrecht des Getöteten gibt, das es gegen die Versammlungsfreiheit abzuwägen gilt. Für das Sicherheitsgefühl in unserer Stadt wäre es sehr hilfreich, wenn wir absehbar aggressive Kundgebungen auch einmal an weniger gefährdete Orte verlegen können. Noch einmal: Es geht nicht darum, Demonstrationen zu verhindern, sondern darum, unbeteiligte Dritte besser zu schützen. Hier wäre eine zeitgemäße und vorsichtige Reform des Versammlungsrechts in Deutschland durchaus wünschenswert.

Die Politik reagiert auf die Attentate von Mannheim und Solingen mit verschärften Grenzkontrollen und strengeren Waffengesetzen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Sicherheitsmaßnahmen sind wichtig, und es ist richtig, dass der Staat auf solche Ereignisse reagiert. Doch Gesetze und Kontrollen allein reichen nicht aus. Denn es ist auch klar, dass wir solche Attacken von einzelnen radikalisierten Tätern nie mit letzter Sicherheit verhindern können. Wir können nur daran arbeiten, der Radikalisierung vorzubeugen und ihr mit aktiver Integrationsarbeit entgegenwirken. Mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser habe ich besprochen, dass wir in Mannheim ein Modellprojekt für systemische Radikalisierungsprävention entwickeln wollen. Dafür brauchen wir auch ein genaueres und aktuelles Bild von der gesellschaftlichen Lage in unseren Communities. Nur so können wir langfristig ein friedliches Zusammenleben sichern.

Zur Person

Seit einem guten Jahr ist der gebürtige Mannheimer Christian Specht (58) Oberbürgermeister seiner Heimatstadt. Unter seinen SPD-Vorgängern Peter Kurz und Gerhard Widder war der CDU-Politiker seit 2005 Bürgermeister und Erster Bürgermeister. Der Jurist hat maßgeblich an der Gründung der Metropolregion Rhein-Neckar und deren Basis, dem Staatsvertrag zwischen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen, mitgewirkt.

Oberbürgermeister Christian Specht bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz Anfang Juni.
Oberbürgermeister Christian Specht bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz Anfang Juni.
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