Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kolumne: Wie eine Kreisverwaltung die Ideen eines Ludwigshafener Philosophen nutzt

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Karikatur: Mercker

Die treuesten Anhänger eines großen, sprachgewaltigen und 1977 dahingeschiedenen Ludwigshafeners sitzen in der Bad Dürkheimer Kreisverwaltung. Die will jetzt der Bissersheimer Luitpoldlinde den ehrwürdigen und 1971 verliehenen Status eines Naturdenkmals entziehen. Auf dass der anno 1911 zum Ruhme des bayerischen Prinzregenten gepflanzte Baum gefällt werden könne – ein Schicksal, das ihn allerdings schon ereilt hat. Und zwar vor 18 Jahren. Womit sich der Kurstadt-Kreis ganz in die Tradition des neomarxistischen Denkers Ernst Bloch stellt.

Denn der hat intensiv über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen philosophiert. Und dabei zum Beispiel festgestellt: „Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind.“ So steht es in seinem Werk „Erbschaft dieser Zeit“ aus dem Jahr 1935. Was in diesem In-, Mit- und Durcheinander aus „schon“, „noch nicht“ und „immer noch“ herauskommt, mag, mit Bloch gesprochen, bisweilen „sehr merkwürdig, schief, von rückwärts her“ sein. Doch öffentlichen Verwaltungen eröffnen sich damit ungeahnte Möglichkeiten.

Hilfreich auch für Donald Trump

Die gegenwärtige US-Regierung etwa könnte beständig erklären, dass die jeweils neueste Twitter-Verlautbarung ihres Präsidenten nicht etwa falsch sei, sondern lediglich für den unbedeutenden Rest der Welt noch nicht oder nicht mehr zutreffe. Berlin dürfte feierlich seinen Hauptstadt-Flughafen eröffnen, obwohl in einer anderen Gegenwart ein paar Handwerker noch gewisse Restarbeiten erledigen müssen. Und die deutsche Bundesregierung würde die letzten Kernkraftwerke abschalten, aber trotzdem das Klima mit -frei erzeugtem Atomstrom schonen.

Umso bedauerlicher ist es, dass nur die Bad Dürkheimer Kreisverwaltung Blochs Denken praktisch zu nutzen weiß. Und auch sie hat es nach eigenen Angaben nur getan, um für ein kompliziertes Verfahren mehrere Fälle zu bündeln. Immerhin: Sobald sie bewirkt hat, dass ein verschwundenes Naturdenkmal verschwinden darf, wird ihr noch Größeres gelingen. Sie kann zum Beispiel verhindern, dass am Feuerberg Chemiebrühe ins Grundwasser sickert und die BASF ab 2017 rund 12,5 Millionen Euro ausgeben muss, um ihre Alt-Deponie wieder abzudichten.

Rettung für die römische Villa rustica

Also wird die Kreisverwaltung im Nachhinein strenge Auflagen für die Inbetriebnahme der Ende der 1950er-Jahre entstandenen Müllhalde erlassen. Und noch viel weiter in das hineinwirken, was philosophisch weniger geschulten Geistern als längst vergangene Vergangenheit gilt. Ihre Lebensmittelkontrolleure etwa werden garantieren, dass sich die Leininger Grafen auf ihrer feudalen Hardenburg nicht den Magen an den vielen Austern verderben, die sie sich im 16. Jahrhundert so reichlich per Eiltransport aus der Nordatlantik-Region liefern ließen.

Außerdem werden neue Brandschutz-Vorschriften für die römische Villa rustica in Wachenheim verhindern, dass dort das Feuer ausbricht, das im fünften Jahrhundert das Hauptgebäude zerstörte. Und von so viel Ungleichzeitigkeit kann auch der Haushalt des Kurstadt-Kreises profitieren. Denn 2021 wird wieder der mit 10.000 Euro dotierte Ernst-Bloch-Preis vergeben. Der Jury sei gesagt: Die treuesten Anhänger des großen, sprachgewaltigen und 1977 dahingeschiedenen Ludwigshafeners sitzen in der Bad Dürkheimer Kreisverwaltung.

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