Kultur Die afrikanische Sicht auf die Welt

Achille Mbembe.
Achille Mbembe.

Kürzlich hat Achille Mbembe in Düsseldorf den Gerda-Henkel-Preis erhalten. Mit 100.000 Euro zählt er zu den höchstdotierten Preisen in den Geisteswissenschaften. Morgen nun wird ihm der Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen verliehen. Politikwissenschaftler Mbembe, der dem Zusammenhängen zwischen Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus nachgeht, sei „einer der wichtigsten Denker des afrikanischen Kontinents“, heißt es von Seiten der Jury.

Im „Ethik des Passanten“ überschriebenen Schlusskapitel von Achille Mbembes Buch „Politik der Feindschaft“ heißt es, es gehe „in diesem ganzen Buch um die Gestalt eines Menschen, der sich bemühte, einen steilen Pfad zu erklimmen – der wegging, sein Land verließ, anderswo lebte, im Ausland, an Orten, die er zu einer echten Bleibe für sich machte und dadurch sein Schicksal mit dem jener Menschen verband, die ihn aufnahmen und in seinem Gesicht ihr eigenes erkannten, das einer kommenden Menschheit“. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der 61-Jährige an dieser Stelle seines Essays von sich selbst spricht. Denn der 1957 in Kamerun geborene Wissenschaftler hat sein Land und den Kontinent Afrika verlassen, hat in Paris an der Sorbonne studiert und dort in Geschichte promoviert. Nach Stationen in den USA, etwa an der Columbia University in New York, lehrt er seit 2011 an der Universität Johannesburg. „Afrika ist meine Heimat, und nirgendwo auf diesem riesigen Kontinent fühle ich mich fremd“, sagte er, als er vor drei Jahren in München mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt wurde. Im Jahr 2000 machte ihn sein Buch „Postkolonie. Zur politischen Vorstellungskraft im zeitgenössischen Afrika“ international bekannt. Es folgten 2013 „Kritik der schwarzen Vernunft“ und 2016 das oben zitierte „Politik der Feindschaft“. Die Hoffnung auf eine künftige Menschheit und die in einer universalen Identität bestehende Utopie, die sich in der Formulierung ausspricht, dass diese Menschen „in seinem Gesicht ihr eigenes erkannten“, prädestinieren Achille Mbembe für den mit 10.000 Euro dotierten Ernst-Bloch-Preis. Dabei malt der Historiker und Politikwissenschaftler Vergangenheit und Gegenwart keineswegs rosig, und es gibt in seinen Büchern nur wenige Hinweise, die geeignet wären, seiner utopischen Hoffnung in der Gegenwart Nahrung zu geben. Allenfalls zu nennen wäre da, dass er im Zeitalter der Globalisierung in seinen Betrachtungen mit dem Ende des eurozentrischen Weltbilds und der Gleichsetzung von Weltgeschichte mit europäischer Geschichte ernst macht. Achille Mbembes Sicht auf die Welt ist eine afrikanische. Mit dem Bemühen um eine gleichberechtigte Stellung Afrikas in der Weltpolitik ist Achille Mbembe freilich nicht der erste. Zu seinen Vorgängern gehört Léopold Senghor, der frühere Präsident des Senegal, der 1968 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Auf Senghor wie auf den Dichter und Schriftsteller Aimé Césaire, die gemeinsam das Konzept der Négritude entworfen haben, ein Konzept kultureller Selbstbehauptung Afrikas, beruft sich Mbembe so denn auch, wenn er Vorstellungen von einer künftigen entkolonialisierten Menschheit entwickelt. Auf keinen anderen jedoch beruft er sich so oft und vorbehaltlos wie auf Frantz Fanon, der vor allem durch sein Buch „Die Verdammten dieser Erde“ bekannt ist. Mit Fanon verbindet ihn die Empörung über den fortgesetzten europäischen Kolonialismus und Rassismus und eine schonungslose Darstellungs- und kämpferische polemische Schreibweise. In seinem Buch „Kritik der schwarzen Vernunft“ warnt Mbembe vor einer Zukunft, in der ein Großteil der Menschheit das Schicksal der Schwarzen im Zeitalter des Kolonialismus teilen wird und angesichts des technischen Fortschritts, insbesondere desjenigen der Digitalisierung, überflüssig wird und von Ausschluss, Verdummung und Erniedrigung bedroht ist. In „Politik der Feindschaft“ warnt er vor einem Ende der liberalen Demokratien, die zu diktatorischen Mitteln greifen und Mauern um sich errichten, paradoxerweise zum vorgeblichen Schutz von Recht, Verfassung und Freiheit. Darin sieht Mbembe eine Fortsetzung ihrer alten Kolonialpolitik. Statt Demokratie über den gesamten Erdball zu verbreiten, hätten sie Feindschaft, Andersheit, Rassismus praktiziert. Mbembe hingegen beschwört eine „allgemeine Menschheitsdemokratie“. Es sei, heißt es in der „Kritik der schwarzen Vernunft“, „ganz vergeblich, Grenzen zu ziehen, Mauern und Einfriedungen zu bauen, zu zergliedern, zu klassifizieren, zu hierarchisieren oder solche von der Menschheit auszugrenzen, die man abwerten möchte, die man verachtet, die uns nicht ähnlich sind oder mit denen wir uns, wie wir meinen, niemals verstehen werden. Es gibt nur eine Welt, und auf die haben wir alle ein Anrecht. Diese Welt gehört uns allen gleichermaßen“. Mbembes afrikanische Perspektive verstellt ihm allerdings bisweilen einen unvoreingenommeneren Blick, so etwa, wenn er mit der Bemerkung, unter der Herrschaft des Neoliberalismus treffe „die Gewalt des Kapitals nun auch Europa selbst“, den Eindruck erweckt, als hätten die europäischen Gesellschaften im Laufe ihrer Geschichte vom Kapitalismus ausschließlich profitiert und nicht auch dessen Schattenseiten kennengelernt. Oder wenn er bei seiner Beschreibung der Entwicklung der Konzentrationslager, diesem faschistischen Reimport aus dem brutalen Kolonialsystem nach Europa, den stalinistischen Gulag vergisst, der das einmal intendierte sozialistische Paradies auf Erden in eine Hölle verwandelt hat. In seiner Rede zur Verleihung des Gerda-Henkel-Preises hat Mbembe an die europäischen Nationen appelliert, die während der Kolonialherrschaft geraubten Kunstwerke den Afrikanern zurückzugeben. Welche Bedeutung eine solche Restitution für ihn hätte, machen über die Rede hinaus erst seine Bücher verständlich. Restitution, Wiedergutmachung und Gerechtigkeit, heißt es in der „Kritik der schwarzen Vernunft“, seien „Voraussetzungen für den kollektiven Aufstieg zum Menschsein“. Denn die Begriffe Reparation, Wiedergutmachung und Entschädigung bildeten „den Kern der Möglichkeit der Schaffung eines gemeinsamen Bewusstseins der Welt, das heißt der Herstellung universeller Gerechtigkeit“. Im alten Afrika diente als Symbol für die Menschheit das Samenkorn, das im Boden vergraben wird, stirbt und bei seiner Wiedergeburt Bäume, Früchte und das Leben hervorbringt. Auf einem solchen Stirb-und-Werde beruht Achille Mbembes Hoffnung. Termin und Lesezeichen —Preisverleihung ist morgen um 18 Uhr im Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum. —Achille Mbembe: „Politik der Feindschaft“; Suhrkamp, Berlin; 235 Seiten, 28 Euro.

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