Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Klimawandel: Der Wald leidet

Hans-Werner Schröck hat noch nie zuvor erlebt, dass so viele Buchen auf einmal absterben wie in den vergangenen drei Jahren. Die
Hans-Werner Schröck hat noch nie zuvor erlebt, dass so viele Buchen auf einmal absterben wie in den vergangenen drei Jahren. Die Buche ist der natürliche Hauptbaum in Deutschland. »Wenn die schwächelt, ist das ein erhebliches Warnsignal«, sagt der Forstwissenschaftler.

Der Wald in Rheinland-Pfalz hat drei sehr trockene Sommer hinter sich. Die Folgen in der Pfalz sind im Vergleich zu anderen Regionen noch überschaubar, aber dennoch zu sehen. Ein Forstwissenschaftler erklärt, wie er den Klimawandel sieht – und warum Verbesserung nur Schritt für Schritt möglich ist.

Hans-Werner Schröck parkt sein Auto am Wegesrand. Trüber Dunst hängt über dem Donnersberg, das bunte Laub an den Bäumen und auf dem Feldweg bringt allerdings ordentlich Farbe ins Spiel. Eisige Windstöße fegen durch die Baumkronen. Immer wieder regnet es orange und gelb herab. „Ja, der Herbst ist dieses Jahr besonders schön“, sagt der Forstwissenschaftler zur RHEINPFALZ, die ihn an diesem herbstlichen Vormittag auf den Donnersberg begleitet. „Das liegt daran, dass relativ lange relativ wenig Regen gefallen ist. Dann bleiben die Blätter länger gelb beziehungsweise die Färbung insgesamt ist intensiver.“ Seit 1988 ist Schröck in der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland-Pfalz in Trippstadt tätig.

Unerwartet viele Buchen abgestorben

Schröck zweigt vom Feldweg ab und erklimmt eine kleine Anhöhe. Rundherum nichts als Bäume, dazwischen allerdings immer welche, die bloß noch ihr dunkelbraunes Geäst präsentieren. „Hier sieht man, dass einige Bäume unter der Trockenheit der vergangenen drei Sommer sehr gelitten haben“, sagt er, bleibt stehen und deutet auf eine Buche. „Die hier ist frisch kaputtgegangen, die hatte in diesem Jahr sogar noch Bucheckern gebildet.“ Was viele Förster und Biologen in den vergangenen drei Jahren irritiert habe: Es seien mehr Buchen abgestorben als erwartet. „Denn immerhin ist die Buche die Hauptbaumart unserer natürlichen Waldgesellschaft“, verdeutlicht Schröck. Wenn Buchen unter Trockenheit leiden, mache sie das angreifbarer für den Prachtkäfer. So verhalte sich das auch bei Fichten mit dem Borkenkäfer.

Die Absterbeprozesse bei den Bäumen laufen je nach Art unterschiedlich ab, erklärt der Experte. „Die Eiche zum Beispiel hat sogenannte schlafende Knospen, die weiter unten austreiben können, wenn der Baum in der Krone abstirbt“, sagt Schröck. Besagte Knospen befänden sich unter der Rinde. Mit dieser Strategie wirke der Baum seinem totalen Absterben entgegen. Sie mache die Eiche zu einer flexiblen Baumart. Die Buche hingegen könne sich nicht so leicht revitalisieren: Von Trockenheit geplagte Buchen könnten von Pilzen befallen werden, die das Holz zersetzen. „Bei manchen Pilzarten kann es sein, dass die Buche innerhalb von wenigen Monaten kaputt ist“, sagt der Fachmann.

„Der Wald wird nicht weg sein“

840.000 Hektar Waldfläche gibt es im Land. Auf dieser Fläche seien in den vergangenen beiden Jahren Millionen von Bäumen abgestorben, sagt Ann-Sybil Kuckuk, Referentin vom Naturschutzbund (Nabu) Rheinland-Pfalz. Rund 80 Prozent der Bäume im rheinland-pfälzischen Wald seien mindestens geschädigt. Das Landesumweltministerium spricht von 9,7 Millionen Festmetern Schadholz seit 2018.

Für Hans-Werner Schröck ist der Klimawandel etwas, das sich nicht wegdiskutieren lässt: „Nach aktuellem Wissen ist er Fakt.“ Bis Ende des Jahres erwartet der Forstwissenschaftler in den Wäldern des Landes abgestorbene Bäumen auf insgesamt 25.000 Hektar Fläche. Schlimmer betroffen als die Pfalz seien jedoch die Regionen weiter im Norden des Bundeslands: Eifel, Hunsrück, Westerwald und Taunus. Der Grund: Unter der Trockenheit der vergangenen Hitzesommer leide allen voran die Baumart Fichte – und die sei in der Pfalz eben nicht so stark vertreten.

Wenn der Klimawandel weiterhin fortschreite, könnte es das Klima, das momentan in der Rheinebene herrsche, bis Ende des Jahrhunderts in weiten Teilen von Rheinland-Pfalz geben, sagt Schröck. „Der Wald wird sich deutlich verändern, das hat er ja schon in der Vergangenheit getan.“ Die Baumarten würden sich anders mischen, die Wuchskraft der Bäume könne sich reduzieren. Aber die Vegetationsform Wald werde nicht „weg sein“, betont der Forstwissenschaftler – das werde er nämlich immer wieder gefragt. Was er wiederum für denkbar hält, ist, dass auf ehemaligen Waldflächen Strauchlandschaften entstehen. Im Corona-Jahr erfreue sich der Wald jedenfalls einer besonderen Beliebtheit, stellt Schröck fest: „Ich habe noch nie so viele Menschen im Wald gesehen wie in 2020.“

Neue Baumarten als Lösung?

Auf dem Donnersberg sieht man auch schon einige Baumarten, die mit der Trockenheit besser zurechtkommen, zum Beispiel die Elsbeere oder der Französische Ahorn. „Die wären durchaus eine Alternative zu Buchen und Eichen“, sagt Schröck. Sie kämen von Natur aus allerdings nur als Einzelexemplare vor, seien nicht bestandsbildend.

Neue Baumarten zu etablieren ist eine viel diskutierte Strategie, mit der man dem Klimawandel beizukommen versucht. So gebe es zum Beispiel die Überlegung, in unseren Gefilden Baumarten anzusiedeln, die in ihrem Ursprungsland – zum Beispiel im Mittelmeerraum – nicht mehr wachsen können, weil es ihnen dort irgendwann zu warm wird, die dafür aber in Deutschland überlebensfähig wären, sagt Schröck. „Trotzdem sollte man nichts großflächig anpflanzen, was man gar nicht richtig kennt. Das muss mit Maß und Ziel geschehen.“

Ähnlich sieht das auch der Nabu: „Ohne ausreichende Kenntnisse über die ökologischen Auswirkungen verstärkt auf klimaresistente Arten zu setzen, ist aus Sicht des Naturschutzes ein hohes Risiko“, sagt Ann-Sybil Kuckuk. Die Waldtiere seien nämlich auf das heimische Ökosystem eingestellt, außerdem könnten mit neuen Arten auch Pilze und Schädlinge eingeschleppt werden.

Die in Frage kommenden Baumarten müssten überhaupt erst einmal auf ihre genetische Vielfalt geprüft werden, sagt Schröck. „Wenn das der Fall ist und man in Deutschland entsprechende Anpflanzungen gemacht hat, sieht man auch erst in 60 bis 100 Jahren, ob das Ganze von Erfolg gekrönt ist.“ Ein langer Prozess also.

Mehr Geld für den Wald

Das rheinland-pfälzische Umweltministerium erhält von der Bundesregierung inzwischen mehr Geld zur Unterstützung von Waldbesitzern, sowohl für kommunale und private, als auch für Wälder des Landes. Die GAK-Förderung (Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur) zur Bewältigung der Extremwetterschäden im Wald für 2020 wurde auf mehr als 16,5 Millionen Euro erhöht, sagt Ministeriumssprecherin Josephine Keller. 2019 habe sich die Förderung auf 4,5 Millionen Euro belaufen.

Fichten leiden am stärksten unter den trockenen Sommern.
Fichten leiden am stärksten unter den trockenen Sommern.
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