Pfalz „Keine Freunde, kein Leben mehr“: Wie eine Youtuberin ihre Einsamkeit überwunden hat

Ruhig und gut gelant, so kennen ihre Abonnenten MathemaTrick auf Youtube.
Ruhig und gut gelant, so kennen ihre Abonnenten MathemaTrick auf Youtube.

Susanne Scherer aus Kaiserslautern ist auf Youtube eine Berühmtheit. Als MathemaTrick zieht sie Hunderttausende in ihren Bann. Doch hinter den Kulissen kämpfte sie mit Einsamkeit und Ängsten.

Das Gespräch geht schon eine halbe Stunde, Susanne Scherer hat erzählt, wie sie auf Youtube mit Matherätseln und geometrischen Lektionen 600.000 Abonnenten fesselt. Ihre Videos haben teilweise bis zu drei Millionen Aufrufe. Eine halbe Stunde und sie sagt Sätze wie: „Ich habe mich allein gefühlt“, „Ich hatte keine Freunde, kein Leben mehr“, „Ich dachte, niemand interessiert sich für mich.“

Wer Susanne Scherer folgt, wird sie als MathemaTrick kennen. Als ruhige und fokussierte Nachhilfelehrerin im Netz. Ruhig und doch ungewohnt ehrlich. Denn sie spricht so offen wie selten jemand auf Youtube oder Instagram über Einsamkeit.

Eine Ausbildung beim FCK

Eigentlich, sagt sie, gebe es jetzt zwei Susannes.

Die alte Susanne, die Angst hat vor Begegnungen, Angst vor Veränderungen. Die Klarheit und Struktur braucht und Mathe gerade deshalb mag: „Weil es Regeln und Werkzeuge gibt, mit denen man arbeitet. Darin habe ich mich sicher gefühlt.“ Die an der TU in Kaiserslautern Mathe studierte und beim FCK eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht hat und nebenbei ihren Youtube-Kanal aufbaute.

Und die heutige Susanne, die ihre Wahlheimat Kaiserslautern und Mathe immer noch liebt, „aber viel häufiger ausbricht“.

MathemaTrick unter Strom

Schuld daran ist ausgerechnet Youtube. Oder die viele Arbeit, die hinter einem Kanal steckt. Von außen wirken solche Videos oft mühelos. Doch so leicht ist das Business nicht. Die Konkurrenz ist groß, die Ansprüche der Abonnenten sind es auch. „Mit einem Youtube-Kanal anzufangen, schaffen viele, aber kontinuierlich dabei zu bleiben, ist schwer. Gerade am Anfang, wo du vielleicht fünf Euro am Tag damit verdienst und die Vision halten musst, später davon leben zu können.“

Dieses Bild entstand, als Susanne Scherer die Marke von 100.000 Abonnenten knackte.
Dieses Bild entstand, als Susanne Scherer die Marke von 100.000 Abonnenten knackte.

Scherer kann irgendwann davon leben. Und sagt doch: „Das ist wie eine Sucht.“ Sie habe einfach immer mehr – und mehr – Videos gedreht, mit sechs bis sieben Arbeitsstunden pro Video. Eine Grenze zwischen Berufs- und Privatleben gibt es damals nicht. „Und irgendwann lag ich tot auf der Couch, konnte nicht mehr, und habe mich trotzdem geschminkt, als würde ich eine Maske aufsetzten, und bin vor die Kamera.“

An dieser Stelle finden Sie ein Video via YouTube.

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An die Videos von damals kann sie sich heute kaum erinnern. So viele sind es. So viele, in denen sie gut gelaunt wirkt und innerlich unter Strom steht. Leer und wütend ist. Meist auf sich selbst.

Dieser eine Moment

Und dann ist da der Moment mit den Plüschlamas. Scherer muss heute fast lachen, als sie davon erzählt, so surreal sei das gewesen. „Meine Mama hat mir einen Karton mit Plüschlamas nach Hause geschickt. Und ich war total überfordert. So riesen Kuscheltiere, aber wohin damit. Ich fing aus dem Nichts an, zu weinen, habe ins Kissen geschrieben, bin komplett zusammengebrochen und mein Freund stand irritiert neben mir.“ Eine viel zu große Reaktion für eine so kleine Situation.

Doch genau da, Anfang 2023, merkt Scherer, irgendwas stimmt nicht mit ihr. Sie hat ihre Emotionen nicht im Griff, fühlt sich einsam. Da sind keine Freunde, denen sie Dinge hätte erzählen können. Trotz der 600.000 Abonnenten.

Youtuberin sucht Antworten im Netz

Und sie macht genau das, was eine Youtuberin macht, sie sucht nach Antworten im Netz. Und sie fragt ihre Follower auf Instagram, wie man Freunde findet. Ob sie das Mut gekostet habe?

Nein, sagt Scherer, während sie mit den Fingern über den Tisch trommelt. Nein, weil ein anderer Schritt, so viel wichtiger war. „Zu verstehen, dass man eine zarte Seite haben kann, man sich verletzlich zeigen darf. Dass es in Ordnung ist, sich einsam zu fühlen. Das Sprechen darüber ist dann gar nicht schwer.“

 Weil es in Ordnung ist, sich einsam zu fühlen, teilt Susanne Scherer auch diese Momente mit ihren Followern.
Weil es in Ordnung ist, sich einsam zu fühlen, teilt Susanne Scherer auch diese Momente mit ihren Followern.

Seit fast zwei Jahren nimmt die 34-Jährige ihre Follower mit auf ihrem Weg aus der Einsamkeit. Sie erzählt ihnen in ihren Storys von ihren Ängsten. Von Therapiestunden und vom Salsa Tanzen, das sie angefangen hat, um wieder Freude zu empfinden. Und von kleinen Herausforderungen, die sich immer wieder selbst gibt wie „Mach einem Fremden ein Kompliment“ oder „Geh allein in eine Bar“.

Susanne traut sich ins Leben

Als drei Studenten aus Kaiserslautern ihr schreiben, sie zu einem Studienabend einladen, damit Scherer nicht länger allein ist, fragt sie ihre Community um Rat. „Soll ich hingehen?“ Heute sagt sie, „ich wollte mir das spielerisch erarbeiten.“ Sich langsam ins Leben trauen.

Und als im April 2023 ein {ungeskriptet}-Podcast online geht, spürt man, wie viel Urvertrauen ihr verloren gegangen ist. „Auf Männer war ich nicht gut zu sprechen“, sagt sie darin. Und offenbart, in ihrer Familie gab es sexuellen Missbrauch.

Angst vor Männern

Scherer weiß davon, seit sie vier ist. Schon als Kind hört sie: „Sei vorsichtig“, „Pass auf dich auf, achte auf deine Schwester.“ Auch ihr Stiefvater sei nicht sehr liebevoll gewesen und hatte ein Aggressionsproblem. „Das macht was mit einem, in so einem Umfeld aufzuwachsen“, sagt die 34-Jährige. „Ich hatte immer Angst. Vor Männern und vor Begegnungen.“

So viele sind einsam

Wie ihre Follower reagierten, als sie anfing, über solche Themen zu sprechen? „Sehr positiv. Ich habe Sprachnachrichten bekommen von jungen Mädchen, denen es ähnlich ging wie mir, das hat mich nachdenklich gemacht, so viele sind einsam. Auch junge Leute. “ Bis heute steckt hinter MathemaTrick kein Management, Scherer liest und beantwortet die Nachrichten selbst. Meist sind es Dankesnachrichten, weil jemand da draußen jetzt weniger an Mathe verzweifle.

Was sie tut, wenn die Angst kommt

Doch seit sie offen über Einsamkeit spricht, hätten die Nachrichten eine andere Tiefe. Sie selbst ist inzwischen auch eine andere, wie sie sagt. Im englischsprachigen Podcast „Melding Minds“ zitiert Scherer ihre Mutter, die ihr oft erzählt, was für ein liebes Kind sie gewesen sei. „Mit einem guten Herzen.“ Nachvollziehen konnte sie das lange nicht. „Inzwischen fühle ich dieses Kind aber wieder. Diese Freude und Neugier in mir.“

Und damit die Angst vor dem Leben nicht überhandnimmt, gibt sie sich noch heute kleine Herausforderungen mit auf den Weg. „Sobald ich Angst habe, mache ich die Sache jetzt extra“, sagt sie. Und lacht. Es ist das Lachen einer Neugierigen.

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