Meinung
Keine Überraschungs-Tests: Wie clevere Lehrer den Minister interpretieren
Bildungsminister Sven Teuber (SPD) hatte zum Schulanfang eine ganz besondere Mission unter dem Motto „Rettet die Schlagzeile“. Sein Vorhaben, am ersten Schultag die Abschaffung der unangekündigten Tests, der seit Generationen von Schülerinnen und Schülern gefürchteten „HÜs“, den Hausaufgabenüberprüfungen, als Meldung rauszuhauen, hat funktioniert. Die Information war neu, sie war für Hunderttausende junge Menschen, für deren Lehrkräfte und Eltern relevant – und sie hat die Gemüter erregt. So funktionieren die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie. Die Nachricht verbreitete sich am Montagvormittag in Windeseile.
Hätte Teuber die Schulleitungen bereits in der Vorwoche über sein Vorhaben informiert, die Sache wäre garantiert an Medien durchgestochen worden. Am Montagmorgen hätte Teuber keine Neuigkeit gehabt und alle hätten wieder vorrangig nach unbesetzten Lehrerstellen gefragt. Dieses Risiko wollte das Ministerium nicht eingehen und hat die Schulleitungen erst am Montagmorgen eineinhalb Stunden vor den Medien informiert. Um 8.30 Uhr ging ein zweiseitiger Brief in den Schulen ein.
Der Coup des Ministers
Das Schreiben, das der RHEINPFALZ vorliegt, beginnt mit länglichen Ausführungen darüber, wie bereichernd die Gespräche mit allen für den erst seit Mai amtierenden Minister Teuber gewesen seien. Schule müsse ein Ort sein, an dem „Lust auf Lernen und Leistung ohne Angst und mit Freude zusammengehen“. Erst auf der zweiten Seite kommt Teuber, selbst ausgebildeter Lehrer, Vater und Landtagsabgeordneter, auf den Punkt. „… sollen ab diesem Schuljahr 2025/26 auch schriftliche und mündliche Hausaufgabenüberprüfungen immer jeweils bereits bei der Erteilung der Hausaufgaben angekündigt werden“.
Schulleiterinnen und Schulleiter hatten an diesem ersten Tag nach den Ferien kaum Zeit, sich durch die Ministerprosa zur Nachricht vorzuarbeiten, geschweige denn, alle Lehrerinnen und Lehrer sofort zu informieren. So konnte es passieren, dass Lehrkräfte an diesem ersten Schultag vor einer neuen Klasse standen und keine Ahnung vom Teuber’schen Coup hatten. Beim Blick in renitente oder lustlose Schülergesichter ließen sie vielleicht durchblicken, dass sie im Fall wiederholt nicht gemachter Hausaufgaben eine unangekündigte HÜ schreiben lassen würden.
Lehrer auf den Barrikaden
Da an rheinland-pfälzischen Schulen, anders als in Hessen, keine Handys verboten sind, ist es theoretisch denkbar, dass die Eilmeldung zum Verbot der HÜs genau in diesem Moment bereits in der Schülerschaft kursierte und die Lehrkraft feixende bis mitleidige Blicke angesichts ihrer Ankündigung erntete.
Dass Teuber die Schlagzeile wichtiger war, als die frühzeitige Einbindung der Betroffenen, ist vielleicht einer der Gründe, warum Verbände auf die Barrikaden gegangen sind. Allen voran der Philologenverband, in dem hauptsächlich Gymnasiallehrer organisiert sind, und der Verband der Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen (VLBS). Die Verbände fühlten sich übergangen, weil das Thema vorher nicht diskutiert worden sei. Sie werteten den Schritt als Eingriff in die pädagogische Freiheit. Andere Lehrerverbände dagegen hatten die Entscheidung als überfälligen Schritt begrüßt.
Was der Minister schreibt und was nicht
Laut Bildungsministerium wurde im Vorfeld „in zahlreichen Gesprächen“ mit Lehrkräften, Eltern, Hauptpersonalräten, Gewerkschaften, Verbänden sowie mit der Landeselternvertretung „die Weiterentwicklung von schulischer Praxis (…) immer wieder erörtert“. Thema sei das mit der Bertelsmann-Stiftung erarbeitete Papier zu Veränderungen der „Lern- und Prüfungskultur“ gewesen. Von HÜs steht in dem Papier allerdings nichts. Und wie geht es nun weiter? Ob Teuber einen HÜ-Gipfel mit den brüskierten Verbänden einberuft, ist nicht bekannt. Findige Lehrkräfte allerdings verweisen auf die genaue Formulierung in Teubers Schreiben. Danach „sollen“ sie auf die unangekündigten Tests verzichten. Müssen steht da nicht.