Rheinland-Pfalz Jagdverband: Zunehmende Zerschneidung von Lebensräumen verantwortlich für Wildunfälle

Mainz/Schifferstadt (ros). Die Anzahl der Wildunfälle im Straßenverkehr ging in Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr deutlich zurück: um 8,6 Prozent auf nunmehr 20.365 Kollisionen. Anlass zur Entwarnung ist dies jedoch nicht. Denn die Anzahl der Wildunfälle mit Personenschäden blieb konstant. Es waren 224 Fälle – und damit ebenso viele wie im Jahr 2012. Jäger fordern, die Zerschneidung von Landschaften zu stoppen, in denen das Wild lebt.
Der Landesjagdverband und das Innenministerium weisen darauf hin, dass derzeit das Unfallrisiko besonders hoch ist. Nach der Zeitumstellung vor einer Woche kollidiere der abendliche Berufsverkehr mit den Nahrungsgewohnheiten der Wildtiere, die gerade in den Dämmerungsstunden oft auf Futtersuche seien. „Bereits bei 60 Stundenkilometern hat ein Wildschwein das Aufprallgewicht eines Nashorns“, verdeutlicht Landesjagdverbands-Sprecher Günther Klein die Gefahr. Deshalb sei angepasste Geschwindigkeit das beste Mittel, um Wildunfälle zu vermeiden. Auch der Bundesjagdverband hat dieser Tage seine Unfallstatistik vorgelegt: Danach hat sich die Gefahrenlage in Rheinland-Pfalz sogar verschärft. So gab es diesen Angaben zufolge landesweit 2880 Zusammenstöße von Fahrzeugen mit Wildschweinen. Das sind mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Grundlage der Statistik des Bundesjagdverbands ist das Jagdjahr, das jeweils von April bis März des Folgejahres geht. Die verschiedenen Bezugs-Zeiträume sind wohl die Erklärung für die unterschiedlichen Trends bei den Unfallzahlen von Landes- und Bundesjagdverband. Die hohe Anzahl von Wildunfällen sei ein Indikator für die zunehmende Zerschneidung von Lebensräumen durch Verkehrswege, sagt der Sprecher des Bundesverbandes, Torsten Reinwald. Wissenschaftler hätten im deutschen Straßennetz bundesweit 100 primäre und 30.000 sekundäre Konfliktstellen identifiziert. In der Pfalz gehören dazu zwei Abschnitte der A 6 in der Westpfalz; einmal bei Enkenbach-Alsenborn und zum anderen bei Waldmohr. Solche Konfliktstellen könnten mit Grünbrücken oder anderen Querungshilfen entschärft werden. Genau solche Maßnahmen sieht das „Bundesprogramm Wiedervernetzung“ vor, das die Bundesregierung im Februar 2012 beschlossen hatte. Der Jagdverband forderte jetzt die rasche Umsetzung dieses Programms. Dessen Ziel ist ehrgeizig: Bis 2020 will der Bund „die ökologische Durchlässigkeit von zerschnittenen Räumen“ erreicht haben. In dem Programm bekennt sich die Bundesregierung ausdrücklich zum Verursacherprinzip: Für die Zerschneidung der Lebensräume von Tieren sei das Bundesfernstraßennetz verantwortlich. Bei Neu- und Ausbauvorhaben von Straßen werde man deshalb das Ziel „Wiedervernetzung“ in Angriff nehmen. Diese Selbstverpflichtung hat die Bundesregierung allerdings unter einen Vorbehalt gestellt: Sie gilt „im Rahmen der verfügbaren Mittel“. Wie diese Einschränkung bei den beabsichtigten Wiedervernetzungen als Bremse wirkt, ist derzeit in der Vorderpfalz zu sehen. Die Autobahn 61 soll von Mutterstadt bis zum Rhein sechsspurig ausgebaut werden. Das Planfeststellungsverfahren für das Projekt läuft. Naturschützer fordern in diesem Zusammenhang den Bau einer Grünbrücke bei Schifferstadt. Sie soll vor allem der Wildkatze den Wechsel zwischen den Waldgebieten des Pfälzerwaldes und des Haardtrandes einerseits und den Rheinauen andererseits ermöglichen. Auch Schifferstadts Bürgermeisterin Ilona Volk (Grüne) befürwortet diese Maßnahme. Der Landesbetrieb Mobilität (LBM) lehnt dagegen bisher eine Grünbrücke in diesem Autobahnabschnitt ab. Wohl auch aus Kostengründen: Der LBM geht von fünf Millionen Euro aus. Das Infrastrukturministerium in Mainz, bei dem jetzt verschiedene Grünen-Landtagsabgeordnete nachgehakt hatten, blockt bei der Grünbrücken-Forderung ebenfalls: Der sechsstreifige Ausbau verstärke die Zerschneidung des Lebensraums gegenüber dem vierspurigen Bestand nur „geringfügig“. Dies hätten Gutachten ergeben. Statt dem Bau einer Grünbrücke soll deshalb bei Schifferstadt lediglich eine bestehende Unterführung an der A 61 „aufgeweitet“ werden, informierte Innenstaatssekretär Günter Kern (SPD) die Abgeordneten. Mit dieser Planung bleibt die rot-grüne Landesregierung hinter dem „Bundesprogramm Wiedervernetzung“ zurück. Denn das will die bestehenden Abriegelungen von Lebensräumen durch Bundesstraßen beseitigen und nicht nur zusätzliche Zerschneidungen abmildern. Dazu kommt: Die vom LBM vorgeschlagene Untertunnelung halten Naturschützer für völlig unzureichend. Solche Querungshilfen würden nur von wenigen Tierarten genutzt.