Soziales
Inklusion an Schulen: Arme hier, Reiche dort?
Unter Inklusion an Schulen versteht man das Recht von Schülern mit Handicap, am Regelschulbetrieb teilzunehmen. Es geht auf eine UN-Konvention zur Gleichstellung von Behinderten aus dem Jahr 2008 zurück, die auch Deutschland unterzeichnet hat. 299 der insgesamt circa 1600 Schulen im Land sind laut Angaben des SPD-geführten Mainzer Bildungsministeriums Schwerpunktschulen. Maximal vier Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf pro Klasse werden in diesen Schwerpunktschulen gemeinsam mit anderen Schülern unterrichtet. Außerdem gibt es in Rheinland-Pfalz noch 131 Förderschulen ausschließlich für Schüler mit besonderem Bedarf.
Armutsquote verdoppelt
In ihrer jüngsten von mehreren Studien – sie stammt vom November – bekräftigen die Berliner Sozialforscher nun zusammen mit Kollegen des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe in Bamberg ihre kritische Einschätzung konkret für Rheinland-Pfalz: Das in Deutschland einmalige System der sogenannten Schwerpunktschulen führe besonders in den Städten zu mehr sozialer Spaltung. Konkret heißt das: Der Anteil von Schülerinnen und Schülern aus ärmeren Familien hat sich an Schwerpunktschulen seit 2012 auf zwölf Prozent verdoppelt.
Eltern dürfen wählen – und tun das auch
Die Erhöhung der Armutsquote gerade an Schulen in den Städten machen die Forscher am Anteil der Schülerinnen und Schüler fest, die von einer Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind: „Wir haben uns dazu die Sozialdaten angeschaut, die das Land zur Verfügung stellt“, erklärt Marcel Helbig, Professor am Leibnitz-Institut in Bamberg. Er glaubt, dass der Anstieg der Armutsquote direkt damit zusammenhängt, dass eine Schule zur Schwerpunktschule wurde. Denn dafür seien häufig große Grundschulen in Städten ausgewählt worden, wo ohnehin schon viele Kinder aus einkommensschwachen Familien unterrichtet worden seien. Da aber Eltern die Grundschulen für ihre Kinder selbst wählen dürften, habe sich in der Folge die Sortierung nach Herkunft verstärkt. Soll heißen: „Wenn Eltern aus einkommensstarken Familien eine andere Grundschule in der Nähe haben, schicken sie ihre Kinder vermutlich lieber dahin“, sagt Helbig. Die Forscher plädieren als Konsequenz für inklusiven Unterricht an allen Schulen, nicht nur an ausgewählten.
Was die Arbeit an Schwerpunktschulen zudem erschwere, so Helbig: Lehrer und Fachkräfte müssten sich an einigen Schwerpunktschulen um Schüler mit einer Beeinträchtigung und um Schüler aus sozial schwierigen Verhältnissen kümmern – eine Herkulesaufgabe.
Ministerium: Wir sind auf gutem Weg
Elke Schott, Abteilungsleiterin im Bildungsministerium in Mainz, begründet die Standortauswahl für Schwerpunktschulen mit der Notwendigkeit, Ressourcen zu bündeln. „Wir unterstützten sozial besonders herausgeforderte Schulen mit mehr Personal“, sagt die Abteilungsleiterin. Die Anzahl an Förderfachkräften reiche allerdings nicht aus, um schon heute alle Schulen zu Schwerpunktschulen zu machen. Das Land setze daher verstärkt auf die Ausbildung von Fachkräften und prüfe, ob an der künftigen Universität Koblenz der Studiengang Lehramt an Förderschulen eingeführt werden kann. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Schott. Mit den Autoren der Berliner und Bamberger Studie wolle sie dennoch bald ein Gespräch suchen, kündigte sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG an.
„Baby der SPD“
Stefan Jakobs war bis 2018 Förderschullehrer an der Brüder-Grimm-Schwerpunktschule in Ingelheim, ist Mitglied der Lehrergewerkschaft GEW und beim Pädagogischen Landesinstitut in Speyer Berater für Inklusion. Er ist überzeugt, dass die Pläne der Landesregierung nicht ausreichen, um die Schwerpunktschulen zu stabilisieren. „Selbst wenn die Fakultät in Koblenz im kommenden Jahr anfängt, auszubilden, dauert es sechs Jahre, bis die Lehrkräfte fertig sind“, sagt der Experte. Er plädiert für eine Abkehr von den Förderschulen, damit die Fachkräfte anderswo eingesetzt werden können und Inklusion flächendeckend möglich wird.
Jakobs bezeichnet die Schwerpunktschule als ein „Baby der SPD“, das zunächst gedeihlich gewachsen sei. „Von 2002 bis 2015 haben sich die Schwerpunktschulen gut entwickelt. Der Gedanke war ja, dass es nach und nach immer mehr von ihnen geben sollte, bis irgendwann alle Schulen vorbereitet sind für die Inklusion.“ Der Ausbau aber stagniere seit einigen Jahren bei knapp 300 Schulen. Der SPD falle es nun schwer, umzusteuern, glaubt Jakobs, und die Ampelparteien FDP und Grüne hielten sich in der Bildungspolitik zurück. Die CDU-Opposition in Rheinland-Pfalz stehe wiederum fest hinter dem Förderschul-Konzept. „Wir hören aber leider keine Vorschläge, wie sie das mit der UN-Behindertenkonvention in Einklang bringen wollen“, sagt Stefan Jakobs.