Rheinland-Pfalz Hinterweidenthal: Exkursion in den Pfälzerwald

Die alte Buche ist quer über den Weg gestürzt. In einer Kernzone wie dem Quellgebiet der Wieslauter darf sie dort auch liegenble
Die alte Buche ist quer über den Weg gestürzt. In einer Kernzone wie dem Quellgebiet der Wieslauter darf sie dort auch liegenbleiben.

Eine Expedition in den „Urwald von morgen“ hatte das Haus der Nachhaltigkeit versprochen. Die Wildnis in den Kernzonen des Biosphärenreservats ist aber noch lange nicht so wild, wie das so mancher hoffen könnte, und sie wird es wohl auch nie werden. Wenn der Förster geht, sorgt die Buche für Ordnung im Wald, und das radikal.

Vor 15 Jahren wurde zwischen dem Luitpoldturm im Norden und Hinterweidenthal im Süden die Kernzone „Quellgebiet der Wieslauter“ ausgewiesen. Genau ins Herz dieses künftigen Urwaldes führt die Exkursion. Das Interesse ist gewaltig. Förster Bernd Herget dämpft allerdings gleich zu Beginn die Erwartungen. Das Gebiet habe sich zwar bestens entwickelt und sogar besser als erwartet. Undurchdringliche Wildnis, friedlich äsende Zwölfender und Hornissenschwärme gibt es aber dennoch nicht zu sehen.

Ein sich selbst überlassener Wald unterscheidet sich von einem bewirtschaftetem Staatswald in den Details

Der Wald sieht auf den ersten Blick fast wie jeder andere Buchenwald in der Westpfalz aus – mit Ausnahme der alle hundert Meter über den Weg gefallenen Bäume, die überklettert werden müssen. Und dann sind da noch die häufigeren krummen Bäume, mit Wülsten und abgebrochenen Ästen. Es wird eben nicht mehr durchgeforstet. Es sind die Feinheiten, die den Unterschied zwischen bewirtschaftetem Staatswald und einem sich selbst überlassenen Wald ausmachen. Das fängt beim Weg an. Der wird nicht mehr gepflegt. Die Gruppe ist auf dem früheren Westpfalzwanderweg unterwegs, wie an den Zeichen auf Felsen noch zu sehen ist. Der Weg selbst ist aber fast nicht mehr zu sehen. Hier läuft kaum noch jemand durch, und es ist auffällig, wie schnell so ein Wanderpfad durch die Erosion sich dem Hang angleicht. Bei steilem Gelände wird die Tour dann schnell nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. „Wenn hier ein Unfall passiert, holt Sie keiner raus“, warnt Herget. Hubschrauber könnten nicht landen und Rettungsfahrzeuge haben kaum noch eine Zufahrtsmöglichkeit.

Die Buche wird im Urwald von morgen die dominierende Art sein

Der Urwald von morgen wird ein reiner Buchenwald sein, und die Buche wird sehr streng alles andere verdrängen, sagt Herget voraus. Unter dem breiten Laubdach dieser Baumart werde weder die Eiche noch die Kiefer eine große Chance haben, und anderen Pflanzen dürfte es auch an Licht fehlen. „Die Buche ist da wenig tolerant. Die Eiche wird ausgedunkelt“, erklärt der Förster, der die natürliche Auslese nicht schlimm findet. Buchenwaldgesellschaften gebe es nicht so häufig in Deutschland. Einen entscheidenden Vorteil des Buchenwalddaches können die Expeditionsteilnehmer an dem schwülwarmen Tag erleben. Die Luft ist wunderbar frisch und deutlich kühler als am Waldrand oder gar in der Stadt. Vor 15 Jahren gab es neben der Buche noch viele Fichten, Douglasien, Lärchen, Kiefern und Eichen im Quellgebiet der Wieslauter. Die Fichten, Douglasien und Lärchen wurden seitdem im großen Stil entfernt. Das kann auf kleinen Flächen auch mal wie ein Kahlschlag aussehen. So eine Stelle besucht die Gruppe. Am Rand wurden neue Buchen gepflanzt. Herget ist sich sicher, dass die Wunde im sonst geschlossenen Waldteppich schnell verschwunden sein wird.

Die Natur heilt Wetterschäden selbst und lässt Wege wieder schnell zuwachsen 

Überhaupt arbeite die Natur extrem schnell im kommenden Urwald, schwärmt der Förster und verweist auf eine Fläche, die durch Windbruch auf zwei Hektar komplett platt gemacht wurde. Die dortigen Eichen wurden 2006 ausnahmslos umgemäht. Herget: „Das sah schlimm aus.“ Sieht es aber nicht mehr. Die kreuz und quer liegenden Eichenstämme seien innerhalb weniger Jahre regelrecht vom Boden aufgesaugt und verschluckt worden. „Da sieht man fast nichts mehr“, zeigt sich der seit 35 Jahren als Förster arbeitende Waldexperte begeistert. Genauso schnell arbeitete die Natur bei den Forstwegen. Bis auf die wenigen Wege zu der Hochspannungsleitung und der Erdgaspipeline sowie wenigen Rettungspunkten seien alle früheren Wege inzwischen unpassierbar. Da stehen drei Meter hohe Bäumchen, die die Natur ohne menschliches Zutun gepflanzt hat.

Es ist nur noch gezieltes "Wildtiermanagement" nötig

Und auch der Jäger gehört in der Kernzone der Vergangenheit an. Es gibt nur noch „Wildtiermanagement“. Ein Hochsitz am Wegesrand gammelt vor sich hin. Gejagt werde nur noch bei sensibel organisierten Drückjagden zwei- oder dreimal im Jahr, versichert der Förster, der sich vom Luchs und dem auch noch erwarteten Wolf eine Entlastung bei der Regulierung des Wildbestandes erhofft. „Wenn wir den Bär hier hätten ...“, träumt Herget noch eine Stufe weiter.

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