Rheinland-Pfalz „Heilsame Wirkung“

Placeholder-Image

Gärtnern statt Videospiele; reale Erde, Pflanzen und Wasser statt virtuelle Welten am Computerschirm: Das ist der Ansatz vieler Schulgartenprojekte. Lernziele für Kinder und Jugendliche sind dabei Umwelterziehung und Verbraucherbildung; es geht um soziales, praktisches und globales Lernen. Ansprechpartnerin für solche Projekte in Rheinland-Pfalz ist Birgitta Goldschmidt. Mit der Diplom-Geoökologin aus Koblenz sprach Rainer Rausch.

Frau Goldschmidt, seit wann gibt es Schulgärten?

Schon immer (lacht). Dieses Jahr wurde das 350-jährige Bestehen eines Schulgartens in Halle an der Saale gefeiert. Die Schulgartenbewegung erfuhr im 19. Jahrhundert und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Aufschwung. Kam dann wieder aus der Mode und wurde im Zuge der Ökobewegung vor 30 Jahren wieder aktuell. Was allerdings schnell wieder verging. Es wurde zu viel gebaut und zu wenig gepflegt. Welchen Hintergrund hat Ihre Arbeit? Der Garten kommt wieder ins Bewusstsein der Menschen. Durch den Anbau von Saisongemüse und regionaltypischen Obstsorten erlangen Hobbygärtner Ernährungssouveränität. Kinder erleben derzeit ein stärkeres virtuelles Leben als früher. Durch Schulgärten könnnen sie wieder mehr geerdet werden, lernen nachhaltigen Umgang mit der Natur und wie diese funktioniert. Die Gründung der Arbeitsgruppe Schulgarten Rheinland-Pfalz geht auf ein Projekt anlässlich der Bundesgartenschau (Buga) 2011 in Koblenz zurück, das ich seinerzeit initiiert habe, weil ich festgestellt hatte: Schulgärten gab′s kaum mehr. Wie wollen Sie mit dem Thema auf einen grünen Zweig kommen? Mit unserem Schulgarten-Projekt zur Buga haben wir ein Netzwerk von Schulgärten in Koblenz und Region errichtet und verankert. Ende 2012 waren immer noch 15 Koblenzer Schulen aktiv mit dabei. Im Juni 2012 fand am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz (DLR) in Neustadt-Mußbach eine große Tagung mit etwa 100 Teilnehmern zum Thema „Ernährung und Schulgärten“ statt. Mit dabei waren Vertreter von Umwelt- und Bildungsministerium und der Leiter der Gartenakademie des Landes. Wie ist die Resonanz seitens der Schulen? Es gibt sehr großes Interesse und sehr großen Unterstützungsbedarf. Viele Schulleitungen wollen das. Die „Arbeitsgruppe Schulgarten“ hat nach einer landesweiten Umfrage über 300 Rückmeldungen erhalten. Schulgärten sind ein wertvoller Lernort für Kinder – und generationenübergreifend: Wir können Großeltern, die Lust haben, ihr Wissen weiterzugeben, ebenso mit ins Boot nehmen wie Eltern für Bauaktionen oder Gießdienste in den Ferien. Ist ein bestimmter Schultyp vorrangig vertreten? Eigentlich geht es querbeet, aber natürlich sind die meisten Schulen mit Schulgarten Grundschulen, weil es davon einfach die meisten gibt. Aber auch gerade zum Beispiel für Förderschulen ist ein Schulgarten ein wertvoller Lernort. Neben praktischen Aspekten wie kleinen Lerngruppen treten hier berufliche Perspektiven, aber auch therapeutische Aspekte in den Vordergrund. Denn der Garten hat generell eine heilsame Wirkung auf Menschen. Wie kommt ein Schulgarten-Projekt auf den Weg? Die Initiative kann von der Schulleitung, von engagierten Lehrern oder auch Eltern ausgehen. Wer sich in der Planung und Umsetzung unsicher ist, kann sich an die Arbeitsgruppe Schulgarten RLP wenden, namentlich gerne direkt an mich. Die Kosten für die Schulgartenberatung trägt das Umweltministerium in Mainz. Auf der Homepage des Ministeriums kann auch der 140-seitige „Praxisratgeber Schulgarten“, herausgegeben vom Pädagogischen Landesinstitut in Speyer, kostenfrei heruntergeladen werden. Wenn sich eine Schule bei mir meldet, vereinbaren wir ein individuelles Beratungsformat, in der Regel ganz- oder halbtägige Veranstaltungen vor Ort wie beispielsweise Studientage oder Planungswerkstätten. Wichtig sind dann auch Aus- und Fortbildungsangebote für Lehrer und Lernwerkstätten für Referendare. Wie sollte ein Schulgarten aussehen? Idealvorstellungen sind immer die Kräuterspirale und ein Bauerngarten (lacht). Aber auch Waschbetonkübel können bepflanzt, Zimmerpflanzen vermehrt werden. Gemüsebeete und Beerenobststräucher können ebenso dazugehören wie Biotope, Stein- und Totholzhaufen. Herzstück eines Schulgartens sollte der Kompost sein, um Kreisläufe aufzeigen zu können. Welche Erfahrungen machen Kinder in Schulgärten? Kinder entwickeln eine positive emotionale Beziehung zur Natur und fangen an, lebendige Natur zu gestalten. Sie sind Herr über Leben und Tod, wenn es darum geht, unerwünschte Wildkräuter aus den Beeten zu entfernen. Kräuter, Erdbeeren und Kartoffeln sind klassische Elemente zum Einstieg in das Thema Garten. Durch Säen, Pflanzen, Gießen und Ernten merken die Kinder: Ich bekomme mich selber satt. Was können Sie für die Pfalz vermelden? Ein aktuelles Beispiel: Für die Grundschule Schwegenheim (Kreis Germersheim) gibt es eine Grobplanung, wie′s weitergehen soll mit dem sehr schönen Innenhof. Unterstützung gibt es hier wie in anderen Schulgärten auch vom ansässigen Obst- und Gartenbauverein. Im November ist die AG Schulgarten RLP mit einem Stand auf dem Landeselterntag in Frankenthal vertreten, und bei der Landesgartenschau 2015 wird es unter der Trägerschaft des BUND Rheinland-Pfalz einen so genannten „Smartgarden“ geben, der in Kooperation mit Schulen aus Landau und dem Elsass entstehen soll. (ain)

x