Rheinland-pfalz
Hambach-Fahne im Landtag erstrahlt in neuem Glanz
„Das ist für mich ein sehr bewegender Moment“, bekennt Hendrik Hering (SPD). Der Präsident des rheinland-pfälzischen Landtages steht am Mittwochnachmittag im neugestalteten Plenarsaal des Parlaments und beobachtet, wie die Kölner Textilrestauratorin Ulrike Reichert mit ihrem Team auf ein haushohes Gerüst klettert. Eine der schwarz-rot-goldenen Fahnen des Hambacher Festes von 1832 soll dort an der Stirnseite des Raumes wieder ihren Ehrenplatz in einer Vitrine einnehmen.
2016 war das geschichtsträchtige Tuch entfernt worden, weil Sanierung und Neugestaltung des Deutschhaus-Gebäudes anstanden. Und die Zeit wurde nicht nur dazu genutzt, um die Fahne 2018 in der Trierer Ausstellung aus Anlass des 200. Geburtstages von Karl Marx zu präsentieren. Vielmehr wurde sie auch sorgfältig restauriert.
„Eine Ikone der Demokratie-Geschichte“
„Die schwarz-rot-goldene Fahne ist eine Ikone der Demokratiegeschichte“, sagt Hering weiter. Die Teilnehmer dieser ersten Massendemonstration forderten 1832 Freiheit, Einheit und Demokratie. „Erhalten haben sie Zensur, Zuchthaus, Verfolgung und Exil.“ Diejenigen, die diese Fahne auf dem Weg zum Schloss geschwenkt haben, „mussten nicht nur mutig, sondern auch sehr stark sein“, vermutet der Präsident. Schließlich hängt die „Dreifarb“, wie die Trikolore beim Hambacher Fest genannt wurde, an einer 6,30 Meter langen Stange und misst 3,30 auf 2,40 Meter.
Ob die Fahnenstange ebenfalls im Original erhalten ist, wird Ulrike Reichert oben auf dem Gerüst gefragt. Die Restauratorin unterbricht kurz ihre Arbeit und meint: „Der Stoff ist an der Stange festgenäht. Das kann sein, dass auch sie noch aus der Zeit ist.“ Was war ihre größte Herausforderung bei der Restaurierung? Ulrike Reichert erinnert daran, dass der Baumwollstoff schon mehrfach bearbeitet wurde. Weil er brüchig geworden war, sei er früher mit neuem Trägergewebe stabilisiert worden. Dünne und brüchige Stellen seien von ihr nun verstärkt und instandgesetzt worden. Vor allem sei die Fahne sehr schmutzig gewesen. Mit Lasertechnik wurde sie entstaubt: „Die Farben glänzen jetzt wieder richtig“, freut sich Reichert.
Nicht zu übersehen ist freilich, dass dort, wo die „Dreifarb“ schwarz sein müsste, ein Braunton vorhanden ist. Ist diese „Fehlfarbe“ dem Zahn der Zeit geschuldet? Es gibt Vermutungen, dass Eisenpartikel mit den Jahren einen Wechsel von Schwarz zu Braun herbeigeführt haben könnten. „Eisenbestandteile hätten sich beim Lasern bemerkbar gemacht“, hält jedoch ein Mitarbeiter der Restauratorin dagegen. Und Ulrike Reichert schließt nicht aus, dass die Näherinnen 1832 mangels schwarzen Stoffes einfach auf braunen zurückgegriffen haben könnten.
Mit Hambach-Fahne an Aufstand in der DDR erinnert
Und wie kam die Hambacher Fahne in den Mainzer Landtag? – Sie war vom Historischen Verein der Pfalz dem Innenministerium des Landes überlassen worden, heißt es in einer Landtagsbroschüre. Innenminister Alois Zimmer (CDU) regte an, die Fahne am 18. Mai 1953 feierlich dem Parlament zu übergeben. Doch dazu kam es erst ein gutes Jahr später, nämlich am 15. Juni 1954. Die Fahne solle „hier im Landtag ihren Platz erhalten“, sagte Ministerpräsident Peter Altmeier (CDU) damals. Damit sie daran erinnere, dass „uns ... als erstes aufgetragen ist, die Einheit und Freiheit Deutschlands in freier Selbstbestimmung zu vollenden“. Anlass für die Fahnenübergabe war nämlich eine Gedenkstunde zum Volksaufstand in der DDR am 17. Juni des Vorjahres.
Wie viele Hambach-Fahnen existieren noch?
Die Frage, wie viele schwarz-rot-goldene Fahnen des Hambacher Festes heute noch existieren, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Sicher ist, dass die „Hauptfahne“ mit der Inschrift „Deutschlands Wiedergeburt“ in der Ausstellung im Hambacher Schloss zu bewundern ist. Eine weitere Fahne könnte im Historischen Museum der Pfalz in Speyer besichtigt werden, wenn dort dessen Neubau saniert wäre. Derzeit wird sie im Depot aufbewahrt, weil die neuzeitliche Ausstellungsfläche für Wechselausstellungen benötigt wird, erläutert Ludger Tekampe, der für die Neuzeit zuständige Sammlungsleiter.
Das wären also zusammen mit der Landtagsfahne bereits drei Exemplare. Eine vierte „Dreifarb“ befand sich im Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, bestätigt ein Gerichtssprecher auf Anfrage. Sie sei „etwa Mitte der 90er Jahre an die staatlichen Museen zu Berlin abgegeben“ worden. Dabei handelt es sich um 15 verschiedene Museen, teilt ein Sprecher in Berlin gegenüber der RHEINPFALZ mit. Man müsse schauen, welches Museum das Tuch erhalten haben könnte. Bisher nicht geantwortet hat der Deutsche Bundestag, ob in seiner Ausstellung im Deutschen Dom noch eine Hambach-Fahne zu sehen ist.
Bleiben noch die Exemplare, von denen man nicht sicher weiß, ob sie tatsächlich bereits beim Hambacher Fest dabei waren. Dazu zählt eine in Grünstadt aufbewahrte „Dreifarb“.
Adenauers Dachboden-Dreifarb
Hambacher Fahne „auf Bonner Speicher verstaubt“ – lautete die anklagende Überschrift in der RHEINPFALZ vom 9. März 1968. Der frühere rheinland-pfälzische Innenminister Alois Zimmer (CDU) hatte nach dem Tode Konrad Adenauers in Bonn nachgeforscht, was aus jener Hambach-Fahne geworden war, die er 1953 dem Bundeskanzler übergeben hatte. „Der Geist von Hambach verpflichtet“, hatte Adenauer damals verkündet.
Doch durch Zimmers Nachforschungen kam heraus, dass das wertvolle Geschenk aus der Pfalz schon bald nach seiner Ankunft im Palais Schaumburg, bis 1976 Sitz des Bundeskanzlers, in Ungnade fiel. Stattdessen wurde es auf den Speicher verfrachtet und dort vergessen. Was war der Grund für Adenauers Sinneswandel? – Nach der Ausstellung der Hambach-Fahne hätten sich Heimatfreunde aus anderen deutschen Landen gemeldet und um die Aufnahme ähnlicher historischer Gedenkstücke gebeten, zitierte Wochen später das Hamburger Magazin „Der Spiegel“ den Kanzleramtssprecher. Nur um niemanden zu verprellen, soll also die Fahne entfernt worden sein.
Nicht ausgeschlossen, dass diese Version des Regierungssprechers nur der Versuch war, die peinliche Affäre in ein gnädigeres Licht zu rücken. „Die Demokratie wurde in Hambach zwar in der Wiege geschaukelt, doch sie dankt es, groß geworden, der ’Pflegemutter’, der Pfalz nicht“, urteilte die RHEINPFALZ damals streng.