Rheinland-Pfalz GW717m ist nicht zu fassen

Die Bundesregierung will den Abschuss von Wölfen erleichtern. Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd fordert mehr: In
Die Bundesregierung will den Abschuss von Wölfen erleichtern. Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd fordert mehr: In Gebieten mit ausgeprägter Weidetierhaltung wie der Westpfalz sollte das Raubtier gar nicht erst heimisch werden dürfen.

Anfangs wurde die Rückkehr des Wolfes gefeiert. Seit aber in Nord- und Ostdeutschland immer mehr Weidetiere gerissen werden, formiert sich Widerstand. Die Bundesregierung will notfalls ganze Rudel abschießen lassen. Und der Bauernverband fordert, dass das Raubtier in Regionen wie der Westpfalz gar nicht erst geduldet werden sollte.

Sein Name lautet 717, genauer: GW717m. Den hat ihm das Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen gegeben. Dort werden Kotproben, Haare und andere Hinterlassenschaften von Wölfen analysiert, um Genprofile zu erarbeiten und Verwandschaftsstrukturen zu ermitteln. GW steht dabei für „Genetic Wolf“, 717 ist eine fortlaufende Nummer und m bedeutet „männlich“. GW717m muss ein schlimmer Finger sein, wie seine an Beutetieren hinterlassenen Genspuren verraten: Rund 40 Schafe, Ponys, ein Alpaka und selbst zweijährige Rinder hat dieser Wolf laut niedersächsischem Umweltministerium schon ins Jenseits befördert. Selbst Zäune, die aufgestellt wurden, um Weidetiere vor ihm und seinen Artgenossen zu schützen, konnten ihn nicht aufhalten. Da GW717m der Leitrüde eines Wolfsrudels ist, könnte seine verhängnisvolle Vorliebe für Nutztiere auch auf seine Sprösslinge abgefärbt haben. Deshalb hat das Umweltministerium in Hannover entschieden: GW717m ist ein „Problemwolf“ und soll „entnommen“, also abgeschossen werden. Das Beispiel zeigt, dass die als Erfolg des Artenschutzes gefeierte Rückkehr von Isegrim nach Deutschland auch mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden ist. Insbesondere in einem breiten Bogen zwischen Nordsee und Oder, wo die meisten der rund 60 Rudel in Deutschland leben, gehen die Emotionen hoch. Die Fronten verlaufen vor allem zwischen Nutztierhaltern und Tierschützern. Zusätzlich befeuert wird die Debatte durch einen Dauerstreit zwischen SPD und CDU in der Bundesregierung. Ende Mai hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) vom Kabinett einen Gesetzentwurf absegnen lassen, der den Abschuss der eigentlich streng geschützten Raubtiere erleichtern soll: Werden Schafe oder andere Nutztiere gerissen, sollen Wölfe eines Rudels auch dann getötet werden dürfen, wenn nicht klar ist, welches Exemplar zugebissen hat. Und zwar solange, bis die Risse aufhören. Selbst wenn das zur kompletten „Entnahme“ eines Rudels führt. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) geht das nicht weit genug. Sie fordert eine Eindämmung der Wolfsvorkommen – unabhängig von der Frage, ob es zu Nutztierrissen gekommen ist. Der Wolfsbestand verdoppele sich alle drei bis vier Jahre, wird Klöckner nicht müde zu betonen. In Deutschland würden inzwischen mehr als 600 Wölfe leben, bereits im Jahr 2016 seien mehr als 1000 Risse gezählt worden. In Rheinland-Pfalz ist die Lage vergleichsweise entspannt – noch? Hier hat gerade mal eine Wölfin Wurzeln geschlagen – ganz im Norden, auf einem aufgegebenen Truppenübungsplatz im Westerwald. Außerdem sind einzelne Tiere immer mal wieder nachgewiesen worden, die sich offenbar auf der Durchreise befanden. Dass sich hierzulande jemals ein ganzes Rudel ansiedeln könnte, bezweifelt der Landesjagdverband: „Rheinland-Pfalz ist aufgrund der vielen Straßen, Verkehrsachsen und intensiven Nutzung der Kultur- und Tourismuslandschaft kein Wolfserwartungsland.“ Wie auch immer: Der Gesetzentwurf des Bundesumweltministeriums „schießt über das Ziel hinaus“, heißt es im Mainzer Umweltministerium. Nach EU-Recht dürfe ein Wolf nur getötet werden, wenn klar ist, welches Rudelmitglied ein Schaf oder eine Ziege gerissen hat. Wo sich – wie im Westerwald – ein Wolf dauerhaft aufhält, fördere das Land bis zu 90 Prozent der Anschaffungskosten von Weidezäunen und Herdenschutzhunden. Außerdem sei nicht der Wolf das Hauptproblem der Nutztierhalter, sondern „die völlig unzureichende Bezahlung ihrer Produkte“. Dringend geboten sei deshalb die Einführung einer Weidetierprämie durch das Bundeslandwirtschaftsministerium. Ganz anders die Position des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd in Mainz. Wie Klöckner will auch er die Anzahl der Wölfe grundsätzlich begrenzen. Mehr noch: Es sollte wissenschaftlich geprüft werden, in welchen Regionen sich Wolfsrudel überhaupt ansiedeln dürfen. Wo „eine vernünftige Koexistenz“ zwischen Bewohnern, Nutztierhaltern und jagdbaren Wildbeständen nicht möglich erscheint, sollte es rechtlich erlaubt werden, die Raubtiere zu töten. In Grünlandregionen mit ausgeprägter Weidetierhaltung wie in der Westpfalz sollte gar nicht erst zugelassen werden, dass sich Isegrim dort niederlässt. Schützenhilfe erhält der Verband von den rheinland-pfälzischen Jägern: Das Aufstellen von meterhohen Zäunen zum Schutz von Weidetieren sei arbeitsaufwendig. Außerdem würden sie die Bemühungen stören, einen hofnahen Tourismus auf dem Land aufzubauen. Im benachbarten Baden-Württemberg, wo sich bisher ebenfalls nur ein einziger Wolf dauerhaft angesiedelt hat, machen inzwischen auch die Wanderer mobil: „Die Rückkehr des Wolfes gefährdet die Weidetierhaltung“, warnt der Schwarzwaldverein. Und das würde die Kulturlandschaft gefährden, „so wie wir sie kennen“. Denn: „Ein Nebeneinander von Wolf und Weidetieren kann es nicht geben.“ Der Tourismus könnte ebenfalls Schaden nehmen. Denn freilaufende Herdenschutzhunde, die Schafe gegen Wolfsattacken verteidigen sollen, könnten Wanderer erschrecken. Der Schwarzwald-Verein plädiert deshalb für „eine angemessene Bejagung“ des Wolfes, um dessen Scheu gegenüber dem Menschen zu erhöhen. Das scheint leichter gesagt als getan: Das niedersächsische Umweltministerium hat Problemwolf GW717m Ende Januar auf die Abschussliste gesetzt. Auf eine Erfolgsmeldung warten Weidetierhalter und verunsicherte Bürger zwischen Bremen und Hannover bis heute.

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