Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Groß-Razzia: Was die Bundespolizei in der Pfalz gefunden hat

„Hier hat um 8.10 bis 8.25 Uhr eine polizeiliche Durchsuchung stattgefunden.“ Kunden, die gestern Nachmittag bei dem Pirmasenser
»Hier hat um 8.10 bis 8.25 Uhr eine polizeiliche Durchsuchung stattgefunden.« Kunden, die gestern Nachmittag bei dem Pirmasenser Nagelstudio vorbeischauten, trafen auf verschlossene Türen und einen Zettel mit dem Hinweis auf die Durchsuchung in den Morgenstunden.

Mit über 800 Kräften ging die Bundespolizei gestern in mehreren Bundesländern gegen Menschenhandel, Prostitution und bandenmäßig organisierte Scheinehen vor. In Rheinland-Pfalz durchsuchten über 100 Beamte Wohnungen, Nagelstudios und einen Zirkus. Entdeckt wurden illegal eingewanderte Frauen und Männer, mehrere Drahtzieher und ein Inder, der wohl nur aus einem Grund geheiratet hat.

Kurz nach 8 Uhr war in dem Laden in der Pirmasenser Fußgängerzone nichts mehr so wie sonst. Wo sich normalerweise Frauen ihre Nägel lackieren oder Wimpern verlängern lassen, standen gestern plötzlich Beamte der Bundespolizei vor der Tür. Zeugen berichten, dass sie mit Maschinenpistolen ausgerüstet waren. Der martialische Auftritt der Beamten war Teil eines Schlags gegen Schleuser, die die Ermittler schon seit November 2018 im Blick haben. Mehr als 100 Bundespolizisten durchsuchten in diesem Zusammenhang gestern in Rheinland-Pfalz 16 Nagelstudios und Wohnungen. Einsätze gab es außer in Pirmasens noch in Zweibrücken, Kaiserslautern und Neustadt. In Zweibrücken trafen die Bundespolizisten in einem Nagelstudio in der Fußgängerzone einen 36-Jährigen an, der angab, Bulgare zu sein. Er gilt neben einem 49-jährigen Vietnamesen als Hauptbeschuldigter in dem Verfahren. Das Duo wohnt nach Informationen der RHEINPFALZ in Kaiserslautern, der angebliche Bulgare hat jedoch einen Nebenwohnsitz in Zweibrücken. Der 36-Jährige wurde erkennungsdienstlich erfasst: Von ihm wurden unter anderem Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht. Die Ermittler nahmen Immobilien von sieben Beschuldigten unter die Lupe.

Mit gefälschten bulgarischen Papieren im Nagelstudio

Die Tatverdächtigen stehen im Verdacht, mithilfe weiterer noch unbekannter Beschuldigter vietnamesische Staatsangehörige nach Deutschland eingeschleust und sie mit gefälschten bulgarischen Papieren in Nagelstudios beschäftigt zu haben. Bei den Einsätzen in der Pfalz und in Saarbrücken trafen die Bundespolizisten auf 18 Personen, die wohl auf diese Weise eingeschleust worden sind. Die Hälfte davon waren Frauen. Laut einem Sprecher der Bundespolizei kamen sie zur Identitätsfeststellung vorübergehend in Gewahrsam. Sie würden anschließend wohl in Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht. Dort sollen sie eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, um zu verhindern, dass sie – wie es wahrscheinlich bisher der Fall gewesen sei – ausgebeutet werden. Gegen sie wird außerdem ein Ermittlungsverfahren wegen unerlaubten Aufenthalts geführt. Die beiden Hauptverdächtigen sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß. In Ermittlungsverfahren in fünf Bundesländern ging die Bundespolizei gestern ab 7 Uhr mit insgesamt über 800 Einsatzkräften und zusammen mit den Staatsanwaltschaften Leipzig und Aachen sowie Europol gegen Menschenhandel, Prostitution und Scheinehen vor. Dazu wurden unter anderem 44 Wohnungen sowie etliche Bordelle durchsucht. Schwerpunkte waren Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

Hochzeit auf Zypern, in Ludwigshafen festgenommen

Die Beamten waren außerdem in Ludwigshafen gefragt. Dort wurden insgesamt vier Männer zumindest vorläufig festgenommen. Darunter ein Mann indischer Herkunft, der offenbar nur mit einem Ziel auf Zypern den Bund „fürs Leben“ eingegangen ist: sich eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu erschleichen, wie ein Sprecher der zuständigen Polizei in Pirna, Sachsen, auf Nachrage mitteilte. Der 30-Jährige sei demnach bereits seit 2017 in Deutschland. Die Ehe auf der Mittelmeerinsel mit einer Rumänin sei rechtskräftig geschlossen worden. Vermutlich aber nur, um dank der Europäerin dauerhaft hier leben zu können, so die Polizei. Oft würden in der Folge Papiere für eine Mietwohnung gefälscht – ebenso die Arbeitsnachweise der Frau, die dann bei der Ausländerbehörde vorgelegt werden müssen für seine Aufenthaltserlaubnis. Die Staatsanwaltschaft Leipzig ermittelt bereits seit Frühjahr 2017. Es geht um das banden- und gewerbsmäßige Einschleusen von Ausländern. Die Verfahren laufen gegen zwei Hauptbeschuldigte und 66 andere Verdächtige. 28 Menschen seien vorübergehend festgenommen worden, gegen mehr als doppelt so viele werde ermittelt, teilte die Bundespolizei in Leipzig mit. Vorgegangen werde hauptsächlich gegen eine Tätergruppe, die bandenmäßig Scheinehen zwischen EU-Bürgern und indischen sowie pakistanischen Staatsangehörigen organisierten. Hauptbeschuldigte sind ein 52-jähriger Pakistaner, der seit 1995 in Deutschland lebt, und ein 29-jähriger Inder, der 2010 nach Deutschland eingereist ist. Beide lebten zuletzt in Leipzig. Pro Schleusung einer Person habe die Bande zwischen 15.000 Euro und 22.000 Euro verlangt, heißt es seitens der Bundespolizei. Im Rahmen einer „Rundumversorgung“ seien die Geschleusten nach der Einreise auch bei Behördengängen begleitet worden.

Aus mit der Zirkuswelt: weitere Festnahmen

Im Rahmen des Großeinsatzes wurde gestern Mittag auch der Circus Barelli, der gerade ein Gastspiel in Ludwigshafen-Edigheim gibt, durchsucht. Dabei wurden drei Personen festgenommen. Den beiden Ukrainern und dem Moldawier wird vorgeworfen, sich illegal in Deutschland aufzuhalten. Das hat eine Sprecherin der Behörde in St. Augustin auf Anfrage bestätigt. Ihnen droht eine Strafanzeige. Daneben stehen zwei Deutsche, eine 44-jährige Frau und ein 39-jähriger Mann, womöglich im Verdacht, Zirkusarbeiter und Artisten ausgebeutet zu haben. Beweismaterial sei gesichert worden; die Auswertung laufe. Der Schwerpunkt dieser Polizeiaktion lag in Nordrhein-Westfalen. Es geht um Täter, die Scheinfirmen zur Vermittlung von Artisten und Tänzern aus Russland und Afrika betreiben. Fingierte Arbeitsverträge würden zum Visum-Antrag genutzt. Die beiden Hauptbeschuldigten – ein 51-Jähriger aus Simbabwe und eine 62-jährige Deutsche mit russischen Wurzeln – wurden verhaftet. Wann die Pfälzer Nagelstudios wieder öffnen, wird man sehen.

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