Rheinland-Pfalz
Germersheim: Neue Spur bei versunkener Lok
Die große Suchaktion nach der 1852 im Rhein bei Germersheim versunkenen ältesten deutschen Dampflok ist im Oktober spektakulär gescheitert: Auch als das Bergungsunternehmen im Flussbett fast zehn Meter tief gebaggert hatte, fand sich nichts. Doch jetzt gibt es vielleicht eine neue Spur: Denn vor 50 Jahren waren an dieser Stelle schon einmal Taucher im Einsatz.
Germersheim. Reno Bähr kennt die Geschichte von seinem Vater: „Die Taucher sind dort unten auf etwas riesengroßes Metallisches gestoßen, das sie nicht definieren konnten – entweder war es ein gewaltiger Anker oder vielleicht die Lok.“ Reno Bährs Vater erlebte im März 1968 als Augenzeuge mit, wie bei Germersheim ein gesunkenes Kiesschiff aus dem Fluss gezogen wurde. Es war eine der schwierigsten und aufwendigsten Bergungsaktionen, die es bis dahin am Rhein gegeben hatte – sie dauerte insgesamt 22 Tage. Das Binnenschiff, das 860 Tonnen Kies geladen hatte, war bei Rheinkilometer 387 plötzlich in der Mitte auseinandergebrochen und sofort gesunken.
Frachter auseinandergeschweißt
Zwei Hebekräne wurden angefordert, zeitweise arbeiteten vier Taucher im Fluss. Ihr Einsatz sei durch die enorme Strömung behindert worden, berichtete ein Mitglied des Teams damals der RHEINPFALZ. In elf bis zwölf Meter Tiefe sei es so dunkel gewesen, dass selbst mit Lichtquellen nichts anzufangen gewesen sei. Daher hätten die Taucher ihren Auftrag im wesentlichen nur durch Tasten erfüllen können. Der Auftrag: Die verbliebenen Verbindungen zwischen den beiden Frachter-Hälften mussten zunächst auseinandergeschweißt werden. Dann sollten die Taucher unter den großen Wrackteilen – das Hinterschiff war etwa 30, das Vorschiff etwa 40 Meter lang – jeweils schwere Stahltrosse durchziehen, mit denen sie ein Hebebock dann aus dem Wasser wuchten sollte. Reno Bähr weiß auch heute noch genau, was sein Vater über einen kritischen Moment der Bergungsaktion berichtet hatte: Mit Pressluft hätten die Taucher versucht, das Schiffswrack zu unterspülen, um die Trosse durchziehen zu können: „An einer Stelle sind sie wegen des metallischen Hindernisses nicht weitergekommen und mussten mehrfach ansetzen.“ Dann habe sich offenbar einer der Taucher in den Schläuchen verheddert. „Mein Vater hat das bemerkt und die Leute alarmiert, der eigentliche Helfer rauchte gerade eine Zigarette und hat nichts mitbekommen.“ Der Taucher habe seinem Vater dann die Taucherglocke geschenkt – als Dank dafür, dass er ihm das Leben gerettet habe.
Tage gut in Erinnerung
Diese Umstände der Bergungsaktion sind wohl der Grund, dass die Erinnerung an diese Tage im März 1968 in der Familie Bähr lebendig geblieben ist. Sohn Reno ist vor Jahren aus der Pfalz nach Brandenburg gezogen. Von der Suche nach der Dampflok hatte er nichts mitbekommen. Erst als deren spektakuläres Scheitern Anfang Oktober bundesweit Schlagzeilen machte, wurde er aufmerksam: „Das ist doch genau die Stelle im Rhein, wo die Taucher bei der Bergung des Kiesschiffs auf etwas unbekanntes, großes Metallisches gestoßen waren.“ Könnte an dieser Vermutung etwas dran sein? Was war das metallische Hindernis, das den Tauchern 1968 das Durchziehen der Stahltrosse im Rheingrund so erschwert hatte? Etwa die Dampflok? Zumindest der Ort stimmt. Das Kiesschiff sank bei Rheinkilometer 387, die Lok war zuletzt bei Rheinkilometer 386,75 im Flussbett vermutet worden. Volker Jenderny vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein, der seit Jahren einer der Motoren bei der Suche nach der Lok ist, war gleich elektrisiert, als er von dieser neuen Spekulation erfuhr: „Das ist eine hochinteressante Geschichte, davon wussten wir nichts; wir werden dem nachgehen.“
"Der Rhein" geriet in Vergessenheit
Die versunkene Lok beschäftigt seit Jahrzehnten die Phantasie der Eisenbahnfans. Sie war 1852 in Karlsruhe in der Fabrik Emil Kessler gebaut worden und – als habe man das spätere Missgeschick vorausgeahnt – auf den Namen „Der Rhein“ getauft worden. Bestimmt war die Maschine für die Eisenbahngesellschaft Düsseldorf-Elberfelder; weil es noch keine durchgängige Schienenstrecke Richtung Norden gab, wurde die Fracht per Lastensegler auf dem Rhein transportiert. 30 Kilometer hinter Karlsruhe geriet das Schiff in einen heftigen Sturm, die sechs Meter lange und 20 Tonnen schwere Lok rutschte zum Entsetzen der Besatzung bei Germersheim in den Rhein. Bergungsversuche scheiterten an den damals begrenzten Möglichkeiten. „Der Rhein“ geriet in der Vergessenheit. Erst über hundert Jahre später wurde die Geschichte dieses versunkenen Schatzes – „Der Rhein“ gilt inzwischen als die älteste noch existierende Dampflok Deutschlands – wiederentdeckt. Das Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein übernahm die Koordination der Suche: Man recherchierte in Archiven, unternahm immer wieder Bohrungen und Ortungsversuche vor Ort. Als Experte wurde 1993 der Geophysiker Bernhard Forkmann (Freiberg) gewonnen: „Wir mussten eine Menge Rückschläge hinnehmen, weil man die Lok lange Zeit im Uferbereich vermutete.“ Neues Kartenmaterial legte Jahre später nahe, dass sie doch nicht am Ufer, sondern im Flussbett steckt. Forkmann war sich aufgrund seiner Messungen schließlich sicher, die richtige Stelle gefunden zu haben: „Wir haben einen magnetischen Fußabdruck, der genau zu einem 20-Tonnen-Eisenkörper passt.“ Genau dort begann im August der Bergungsversuch mit Bagger, Stelzenponton, Tauchern und großen Pumpen. Doch das 500.000 Euro teure Projekt wurde zum Fiasko. An dieser Stelle sei keine Dampflok in der Rheinsohle, lautete schließlich die Feststellung von Wolfhard Neu, Geschäftsführer des Bergungsunternehmens OHF Hafen- und Flussbau (Au am Rhein). Geophysiker Forkmann war bestürzt und ratlos: „Ich kann mir nicht erklären, welche Anomalie wir bei unseren jahrelangen, wiederholten Messarbeiten bei Germersheim ausgemacht haben.“
Bis heute rätselhaft
Das ist bis heute rätselhaft. Aufgrund der Messdaten war die Lok unter einer Buhne vermutet worden. Diese war für die Bergungsarbeiten von OHF zunächst abgetragen worden. Danach war an dieser Stelle aber keine Anomalie mehr zu messen gewesen. Jendernys Schlussfolgerung: „Es muss etwas in dem Weggebaggerten gewesen sein.“ Man habe Steinbrocken mitgenommen, die derzeit untersucht werden. Dass die Lok – statt gut geschützt tief im Flussbett zu stecken über die Jahrzehnte hinweg in der Buhne verrottete – schließt Jenderny aus: „Rost kann man nicht messen, das kann es nicht sein, was uns bei den Messungen in die Irre geleitet hat.“ Für eine Erklärung kommt auch hier möglicherweise noch einmal die Bergung des Kiesschiffs im März 1968 ins Spiel. Als das Vorschiff aus dem Rhein gezogen worden war, legte der Hebebock das Wrackteil in ein etwa 1,70 Meter tiefes Buhnenfeld auf der pfälzisches Seite ab. Vermutlich ganz in der Nähe jener Stelle, an der das Team um Forkmann und Jenderny später eine Anomalie gemessen haben ...
