Rheinland-Pfalz „Fasten soll kein Grund für schlechte Leistungen sein“

Ahmet Yalcinkaya
Ahmet Yalcinkaya

«Ludwigshafen». Seit vergangener Woche befinden sich die Muslime im Fastenmonat Ramadan. Für praktizierende Gläubige bedeutet dies, tagsüber nichts zu essen und zu trinken. Eine Umfrage in der Pfalz unter Muslimen, Betrieben und Einrichtungen zeigt, welche Rolle das Fasten im Alltag spielt. Dabei stellt sich heraus: Manchmal ist das Hungern das geringere Problem.

Ahmet Yalcinkaya steht den ganzen Vormittag vor dem heißen Ofen im City Grill in der Ludwigshafener Innenstadt. Er backt dort die Fladenbrote. „Ja, es ist schwierig und anstrengend“, sagt der 63-jährige Türke. An den Fastenmonat Ramadan hält sich Yalcinkaya, der seit 25 Jahren in Ludwigshafen lebt. Er faste 30 Tage lang, also den gesamten Ramadan hindurch. „Aber wenn es Gottes Gebot ist, dann muss man da durch, wie schwierig es auch sein sollte.“ Auch Ilkay Güclü fastet im Ramadan. Güclü arbeitet in der Bäckerei Azak in der Ludwigshafener City. Auf das Essen und Trinken könne sie leicht verzichten. „Ich musste mich am ersten Tag hier für eine Stunde hinlegen und ausruhen. So erschöpft war ich. Mittlerweile aber hat sich mein Körper auf den Verzicht von Essen und Trinken gewöhnt“, berichtet die 38-Jährige. Doch das bedeute nicht, dass ihr das Fasten sehr leicht falle. „Was ich am meisten vermisse, ist Kaffee und Zigaretten. Der Mensch kann auf das Essen und Trinken verzichten. Das geht. Aber Kaffee und Zigaretten entbehren zu müssen, ja, das ist schon hart“, findet sie. Umsatzrückgänge von bis zu 30 Prozent Güclü berichtet auch, dass der Fastenmonat sich im Umsatz der Bäckerei bemerkbar macht. „Unsere Kunden sind hauptsächlich Migranten. Durch den Fastenmonat haben wir im Moment etwa 20 bis 30 Prozent weniger Kunden als sonst“, erzählt sie. Eine Erfahrung, die auch Yalcinkaya macht. Beim City Grill sei der Umsatz jedoch nur etwa fünf bis zehn Prozent zurückgegangen. Auch bei größeren Unternehmen spielt der Ramadan eine Rolle. Das Westpfalz Klinikum in Kaiserslautern gehört mit seinen über 4000 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern in der Pfalz. „Wir haben natürlich auch muslimische Mitarbeiter und Pflegekräfte“, sagt eine Sprecherin des Klinikums gegenüber der RHEINPFALZ. Allerdings sei die Anzahl der muslimischen Mitarbeiter nicht bekannt. Bei der Einstellung werde nicht nach der Religion gefragt. Einzig bei der Kirchensteuer erfasse das Klinikum die Konfession ihrer Beschäftigten. Deshalb kenne man nur die Anzahl der katholischen und evangelischen Mitarbeiter. „Uns sind im Alltag keine Probleme wegen des Ramadans bekannt“, sagt die Sprecherin: „Unsere Mitarbeiter können in den Pausen tun und lassen, was sie wollen.“ Die Antwort aus der BASF in Ludwigshafen hat einen ähnlichen Tenor. Das Chemieunternehmen ist mit seinen 40.000 Mitarbeitern in Ludwigshafen der größte Arbeitgeber in der Pfalz. Aber auch dort sei die Anzahl der muslimischen Mitarbeiter nicht bekannt. Wie eine BASF-Sprecherin sagt, werte das Unternehmen die Religionszugehörigkeit seiner Mitarbeiter nicht aus und könne deshalb nicht sagen, wer fastet. „Konflikte im Zusammenhang mit fastenden Kollegen sind uns nicht bekannt“, so die Sprecherin. Und bei Ikea in Kaiserslautern heißt es, dass die Vielfalt der Mitarbeiter die heutige Gesellschaft des Landes widerspiegele. Eine eigene Erhebung zum Thema Ramadan gebe es nicht. Das Unternehmen gehe offen mit der Vielfalt der Religionen um. Eine Sprecherin sagt: „Wo es betrieblich möglich ist, setzen wir Mitarbeiterwünsche um, sei es bei Urlaubswünschen zu gewissen religiösen Festtagen oder regelmäßige Gebetspausen zu speziellen Anlässen.“ Warum viele Schüler ihr Fasten geheim halten Das Thema Fasten stellt sich aber nicht nur Betrieben in der Wirtschaft, sondern auch im öffentlichen Dienst wie beispielsweise der Polizei. „In der Tat gibt es bei uns Kolleginnen und Kollegen, die fasten“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Rheinpfalz in Ludwigshafen. Allerdings seien bisher keine Fälle bekannt geworden, wo sich das Fasten auf die Leistungsfähigkeit negativ auswirkte. Ansonsten mache sich der Ramadan in der täglichen Polizeiarbeit nicht bemerkbar. Anders sieht es im Alltag in den Schulen aus. Dort ist das Thema Ramadan und Fasten unter Schülern viel stärker präsent. „Ja, der Ramadan ist ein großes Thema, allerdings wird es bei vielen geheim gehalten“, heißt es von der Integrierten Gesamtschule in Ludwigshafen-Gartenstadt auf Anfrage der RHEINPFALZ. Der Grund dafür liege darin, dass andere Kulturen und Religionen wenig über den Sinn und Zweck dieses Fastens kennen und es folglich an einem gewissen Verständnis fehle. Man habe sich im islamischen Religionsunterricht darauf geeinigt, dass das Fasten eine ganz private Sache ist und jeder selbst entscheiden darf, ob er oder sie darüber sprechen will oder nicht. Rund 210 muslimische Schüler besuchen diese Schule. Etwa 150 von ihnen nehmen am islamischen Religionsunterricht teil, 60 am Ethikunterricht. 20 befinden sich in der Oberstufe. Der Ramadan sei ein wichtiges Thema im Religionsunterricht. Zu Abstrichen bei der Leistung solle der Ramadan aber nicht führen, sagt Sana Tabaa, die an der Schule neben Deutsch und Englisch auch islamischen Religionsunterricht gibt. Deshalb gebe es dort auch für fastende Schüler keine Befreiung vom Sportunterricht. Tabaa unterstreicht: „Die Leistungen sollten gut werden und das Fasten soll kein Grund für schlechte Leistungen sein; wenn Leistungen nicht erbracht werden können, dann will Gott auch nicht, dass wir Muslime fasten.“ Es dürfe nur fasten, wer dazu in der Lage ist, also, erwachsen, gesund und stabil.

Ilkay Güclü
Ilkay Güclü
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