Rheinland-Pfalz „Für Opfer schmähliche Vorfälle“

Placeholder-Image

«Homburg/Kaiserslautern.» Nach den Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch durch einen Assistenzarzt am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg hat der rheinland-pfälzische Opferbeauftragte einen detaillierten Bericht von der Klinik verlangt. Damit wolle er Hilfsangebote für eventuell betroffene Kinder aus Rheinland-Pfalz prüfen, sagte gestern der Beauftragte Detlef Placzek: „Aus Opfersicht sind diese Vorfälle schmählich.“

Das UKS hatte am Montag angekündigt, acht Jahre nach einem ersten Missbrauchsverdacht gegen einen Arzt der Kinderpsychiatrie nun mögliche Opfer und deren Eltern zu informieren. Zwischen 2010 und 2014 soll der Assistenzarzt medizinisch nicht notwendige Untersuchungen im Intimbereich vorgenommen haben. Das Universitätsklinikum Homburg erstattete Ende 2014 Strafanzeige und kündigte dem Arzt fristlos. Der beschuldigte Arzt war von April 2014 bis zu seinem Tod im Juni 2016 in der Klinik für Neurologie im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern beschäftigt. Da der mutmaßliche Täter 2016 starb, mussten die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eingestellt werden. Das Universitätsklinikum und die Staatsanwaltschaft hatten damals entschieden, möglicherweise betroffene Patienten nicht über den Verdacht zu informieren. Auch die Staatskanzlei in Saarbrücken als Rechtsaufsicht wurde nicht informiert. Der Missbrauchsskandal am Homburger Klinikum beschäftigt inzwischen auch die saarländische Landespolitik. „Die Entscheidung, den Assistenzart nach ersten Hinweisen weiterhin Untersuchungen an Kindern durchführen zu lassen, ist nicht nachvollziehbar“, sagte die parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion, Petra Berg. Es sei erschreckend, dass die Anweisung, Untersuchungen nur noch im Beisein von Dritten durchzuführen, nicht eingehalten worden sei. Zudem seien „eklatante Mängel in der Informationspolitik“ der damaligen Leitung des Universitätsklinikums zutage getreten. Linken-Fraktionsvorsitzende Oskar Lafontaine kritisierte derweil die Landesregierung und warf ihr vor, den Opferschutz sträflich vernachlässigt zu haben. Das Universitätsklinikum hatte die langjährige Nicht-Information der möglichen Opfer und ihrer Eltern damit begründet, „dass mit einer Information über eventuell nicht medizinisch notwendige Untersuchungshandlungen Patientinnen und Patienten mehr geschadet als genutzt werde, wenn als normal empfundene Untersuchungen nachträglich in einem anderen Licht erscheinen“. Unterdessen sind weiter viele Fragen offen, das Krisenmanagement des Homburger Universitätsklinikums funktioniert offensichtlich nicht. Auf die Frage, wie es zu dem dem angeblich „einwandfreien“ Arbeitszeugnis des Beschuldigten kommen konnte, mit dem er sich am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern bewarb, gab es auch gestern keine Antwort aus dem Homburger Klinikum. Der Pressesprecher des UKS, Roger Motsch, sagte am Abend, dass er den Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Professor Alexander von Gontard, der dies beantworten könne, weder telefonisch noch per Email erreichen könne. Wie die „Saarbrücker Zeitung“ berichtet, läuft gegen Gontard ein Disziplinarverfahren. Das wollte der UKS-Sprecher weder dementieren noch bestätigen. Zur Frage, warum denn der ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des staatlichen Klinikums, Professor Wolfgang Reith, den Sachverhalt nicht selbst aufklären könne, sagte Motsch, dass jetzt eine „gewisse Verunsicherung im Haus“ bestehe. Das Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern hat nach eigenen Angaben bislang zwar keine Hinweise auf Missbrauchsfälle durch den Arzt, der von 2014 bis 2016 auch dort beschäftigt war. Trotzdem wurde vorsorglich eine Hotline für möglicherweise Betroffene, Angehörige und Mitarbeiter eingerichtet. Dort kann die Ombudsfrau Sybille Jatzko erreicht werden. Sie berät nach eigener Aussage seit rund 30 Jahren traumatisierte Menschen. Sollte sich jemand bei ihr über die Hotline melden, sind das nach Einschätzung von Jatzko wahrscheinlich Eltern eventuell betroffener Kinder. „Die Beobachtungen der Eltern sind unheimlich wichtig.“ Im Gespräch gehe es dann darum, die Geschichte dieser Menschen zu erfahren. Je nach Ergebnis könne dann beispielsweise geholfen werden, eine therapeutische Unterstützung zu finden oder eine Akteneinsicht zu ermöglichen. Info Hotline Westpfalz-Klinikum: 0151 6882 5769 und sybille@jatzko.de

x