Rheinland-Pfalz
Explosive Konflikte
Der Sprengstoffanschlag von Enkenbach-Alsenborn weckt Erinnerungen an einen Fall vor zehn Jahren: Nachdem Kunden ihm wegen angeblichen Pfuschs Zahlungen verweigert hatten, warf ein Handwerker Sprengsätze gegen zwei Häuser in Viernheim und Weinheim. Gibt es Parallelen?
Der 64-jährige Allgemeinmediziner aus Enkenbach-Alsenborn (Kreis Kaiserslautern) hatte laut Polizeiangaben am Freitagvormittag vermutlich eine vor der Tür deponierte Sprengfalle aufgehoben; durch die damit ausgelöste Explosion starb er laut derzeitigem Ermittlungsstand. Dass in der Nacht zuvor ein Landschaftsgärtner im benachbarten Mehlingen aus bisher ungeklärten Gründen gestorben war, beschäftigte die Polizisten des Präsidiums Westpfalz ebenfalls. Der dritte Vorfall nur zwei Tage später, ein Sprengstoffanschlag durch offenbar manipuliertes Kaminholz auf eine Familie in Otterberg, ließ die Beamten vollends aufhorchen und nach weiteren Zusammenhängen suchen.
Kein völlig unbeschriebenes Blatt
Und die Ermittlungen ergaben recht eindeutig: Der Landschaftsgärtner Bernhard Graumann hatte sowohl zu dem Arzt als auch zu der Familie in Otterberg Beziehungen. Und zwar problematische, wie Polizeisprecher Bernhard Christian Erfort gestern erläuterte: In der persönlichen Beziehungen zu dem Arzt habe es Konflikte gegeben, und zu der Otterberger Familie sei es aus geschäftlichen Gründen zu Meinungsverschiedenheiten gekommen. Jene hatte offenbar die Gärtnerei mit einer Dienstleistung beauftragt, die nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten abgelaufen war. Graumann scheint kein völlig unbeschriebenes Blatt gewesen zu sein, im Ort kursierten bereits zuvor diverse Geschichten über ihn. Dass er in den 1980er-Jahren durch eine Schusswaffe einen Menschen verletzt haben soll, kommentierte Polizeisprecher Michael Hummel nicht: „Das kann ich weder bestätigen noch dementieren.“ Ebenso wie weitere Gerüchte, die „im Moment nicht ermittlungsrelevant sind“.
Viernheim 2009: "Ich dachte, es sei Krieg"
Die Polizei hat bei ihm zu Hause neben Waffen auch Schwarzpulver gefunden. Ob er dies legal erworben hat, wusste die Polizei gestern noch nicht. Graumann war jedoch in der Mittelalterszene aktiv; so war es laut Gleichgesinnten nichts Ungewöhnliches, dass er Waffen und Schwarzpulver besaß und auf Mittelaltermärkten für Böller- und Kanonschüsse sorgte. Geschäftliche Differenzen hatten auch in jenem Fall eine Rolle gespielt, der die Rhein-Neckar-Region im August 2009 über einen Tag lang in Atem gehalten hatte: Im Morgengrauen hatte damals ein 45-jähriger Installateur im südhessischen Viernheim und im benachbarten Weinheim (Rhein-Neckar-Kreis) in Militärkleidung und mit Gasmaske aus Ärger über zurückbehaltenen Lohn Sprengsätze gegen zwei Häuser geworfen und um sich geschossen. Die Familie in Weinheim befand sich zum Glück zu dem Zeitpunkt im Urlaub. Anders in Viernheim. Dort schilderte die Bewohnerin später: „Ich hatte Todesangst, ich dachte, es sei Krieg.“ Die Frau war nach der Explosion in den Morgenstunden vom Balkon rund drei Meter tief in den gepflasterten Hof gesprungen und hatte später den damals sechs Jahre alten Sohn aus seinem Zimmer befreit.
28 Stunden Nervenkrieg
Nach den Sprengstoffanschlägen hatte sich der Installateur in seiner Wohnung verschanzt, dort saß er auf einem Pulverfass aus gehorteten hochexplosivem Sprengstoff, Handgranaten, Munition und Waffen. 2010 wurde der Handwerker vom Landgericht Darmstadt wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen Waffengesetze zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Der Vorsitzende Richter Volker Wagner schilderte damals in der Urteilsbegründung noch einmal, wie knapp Viernheim einer Katastrophe entkam: „Das war Stalingrad im Zweiten Weltkrieg kurz vor dem Ende“, sagte Wagner über die Lage. „Das wäre ein furchtbares Szenario geworden, wenn der erste Polizeibeamte in die Wohnung gegangen und alles in die Luft geflogen wäre“, beschrieb Wagner die tödliche Gefahr: „Das wäre ein Fiasko geworden.“ Der Handwerker hatte den Spezialeinsatzkommandos der Polizei damals einen fast 28 Stunden dauernden Nervenkrieg geliefert. Dann gab er auf und ließ sich festnehmen. Im Prozess zeigte er keine Reue: Nach Vorstrafen und einer gescheiterten Ehe hatte er sich offenbar vom Leben benachteiligt gefühlt. „Für mich ist es die größte Angst, von oben herab behandelt zu werden.“ Zudem habe er einen „Hass auf die Justiz“ entwickelt. Er habe sich „schamlos ausgenutzt“ gefühlt, als ihm die beiden Kunden wegen handwerklicher Mängel Lohn vorenthielten. Außerdem habe er vor lauter Schulden in Höhe von 25.000 Euro weder ein noch aus gewusst. „Ich war wie ein Hamster, wie in einer Tretmühle“, schilderte der Angeklagte im Prozess seine damalige Situation.