Rheinland-Pfalz
Explosion in Edigheim: Ein Gasrohr mit papierdünner Wand
Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher: Vor der Ludwigshafener Gasexplosion im Oktober 2014 haben sich Arbeiter einen üblen Fehler geleistet, doch zum Unglück wäre es oder so gekommen. Denn die Wand der Leitung war schon so dünn, dass sie in jedem Fall geplatzt wäre. Wie es dazu kam, ist eine Frage, auf die auch fünf Jahre später noch niemand eine Antwort gibt.
Alles in Ordnung, im Prinzip jedenfalls: So lässt sich zusammenfassen, was Ende 2012 bei der Inspektion einer Pfälzer Gas-Fernleitung herauskommt. Durch die ist für die Routinekontrolle ein Messgerät geschickt worden, dessen Sensoren prüfen, wie stabil alles noch ist. Und im Bereich des Ludwigshafener Stadtteils Edigheim haben sie tatsächlich eine potenzielle Schwachstelle entdeckt. Doch die Daten besagen: Von ursprünglich 8,8 Millimetern Rohrwand sind selbst da noch mindestens fünf Millimeter vorhanden. Was für das Prädikat „betriebssicher“ locker ausreicht. Trotzdem lässt die Betreiber-Firma Gascade – hinter ihr stehen Unternehmen wie die BASF und die russische Gazprom – im Oktober 2014 Arbeiter anrücken, die sich die Stelle näher anschauen sollen. Dafür allerdings müssen sie das Rohr erst einmal ausgraben. Und dabei leisten sie sich einen groben Fehler. Mit einem Bagger rammen sie Spundwände in den Boden: Auf gut Glück, denn sie wissen gar nicht, wo genau unter ihnen die Leitung verläuft. Weshalb sie die auch prompt durchlöchern. Und es gleich darauf zu einer verheerenden Gasexplosion kommt.
Ein Gutachter stellt das Unglück nach
Deren Bilanz: zwei Tote, 22 Verletzte und ein Sachschaden in Millionenhöhe. Was zuvor passiert ist, können sich Ermittler anschließend schnell zusammenreimen. Und doch wird die Staatsanwaltschaft fast fünf Jahre brauchen, ehe sie die Sache zu den Akten legt. Erst am vergangenen Donnerstag hat sie verkündet, dass das Verfahren abgeschlossen ist. Denn für den scheinbar so einfachen Fall hat sie gleich sechs Fachleute engagiert, die zwölf Gutachten lieferten. Und die sich Experimente ausdenken mussten, die so noch niemand angestellt haben dürfte. Der Brandursachenforscher Dirk Ley zum Beispiel – er war auch ein wichtiger Experte im Prozess um die Explosionskatastrophe im BASF-Nordhafen – baute auf einem abgesperrten Areal die Unglücksstelle in etwa nach und ließ Druckluft durch Rohre strömen. So wollte er rekonstruieren, was in Edigheim passiert war. Und, vor allem: was passiert wäre, wenn niemand Spundwände in die Leitung gerammt hätte. Denn laut Staatsanwaltschaft steht fest: In der Nähe der von den Arbeitern verursachten Leckstellen war die Rohrwand nicht einmal mehr einen Millimeter dick.
Nur die Erde hielt das Rohr zusammen
Zusammengehalten wurde die Leitung demnach nur noch von der Erde, die auf ihr lag: Was ein Fachmann im Auftrag der Ermittler schon am Schreibtisch ausgerechnet hatte, haben schließlich auch Leys Experimente bestätigt. Das bedeutet: Der Gasdruck hätte das Rohr bei den Arbeiten im Oktober 2014 auch platzen lassen, wenn der Bautrupp alles richtig gemacht hätte. Weshalb vier für dessen Vorgehen verantwortliche Personen ohne Strafe davonkommen. Denn niemand kann wegen eines Unglücks vor Gericht gestellt werden, das auch ohne seinen Fehler eingetreten wäre. Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall damit erledigt. Allerdings hat sie Erkenntnisse schon längst nach Mainz geschickt, auf dass sie dort Beachtung finden. Denn das rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerium ist als Aufsichtsbehörde für die Energiewirtschaft zuständig. Und mithin auch für das Leitungsnetz, zu dem das Unglücksrohr gehört: eine 57-Kilometer-Verbindung, die von Ludwigshafen bis in die Südpfalz reicht. Seit 1994 liefert sie Erdgas für Industriebetriebe sowie für die regionale Energieanbieter, die Privathaushalte versorgen.
Ursprünglich diente die Leitung als Öl-Pipeline
Doch im Boden liegt sie schon viel länger: seit Anfang der 1960er-Jahre, zunächst diente sie als Öl-Pipeline. Dass der Funktionswechsel ihr geschadet haben könnte, schließt die Betreiber-Firma Gascade aus: So eine Umwidmung sei „gängige Praxis“, sagt eine Sprecherin. Bleibt die Frage, was stattdessen passiert war. Für die gibt es zwei denkbare Antworten. Entweder das Unheil hatte sich schon länger angebahnt, dann waren die Werte der Kontrollmessung im Jahr 2012 falsch. Oder sie waren richtig – und eine Gasleitung ist binnen kürzester Zeit zu einem Rohr mit papierdünnen Außenwänden verkümmert. Die Gascade-Sprecherin allerdings schließt beide Varianten aus – ohne eine andere zu liefern, sie sagt: Die letzten Ermittlungsergebnisse lägen dem Unternehmen noch nicht vor, „sodass wir dazu noch nicht Stellung beziehen können“. Das Mainzer Wirtschaftsministerium wiederum steht auf dem Standpunkt, für Ursachenforschung gar nicht zuständig zu sein. Stattdessen verweist eine Sprecherin darauf, was die Behörden nach dem Unglück getan haben: Sie ließen die Leitung 2015 noch einmal prüfen. Ergebnis: Alles in Ordnung.