Rheinland-Pfalz
Er gibt den Tätern ein Gesicht: Uwe Kinn ist seit 30 Jahren Phantombildzeichner
Es ist eine Horror-Vorstellung, Opfer eines Verbrechens zu werden. Oftmals kann es danach zur Aufklärung des Falles beitragen, wenn die Polizei ein Phantombild des Täters anfertigt. In Rheinland-Pfalz ist dafür Uwe Kinn (52) verantwortlich. Als einer von zwei Phantombildzeichnern ist er beim Landeskriminalamt für ganz Rheinland-Pfalz zuständig. Ein riesiges Gebiet, das ihm hohe Mobilität abverlangt. Termine mit Betroffenen nimmt er nicht nur in seinem Büro in Mainz, sondern auch in den örtlichen Polizeidienststellen oder sogar bei Zeugen zu Hause wahr. Ganz egal, ob an der Mosel, in der Eifel oder in der Südpfalz.
Empathie als zentrale Kompetenz
Als Phantombildzeichner ist Kinn zu großen Teilen auf psychologischer Ebene gefordert. Vor seinen Sitzungen mit Zeugen müsse er diese gut auf den Termin vorbereiten, sagt er. Bei vielen sei das Erlebte noch präsent: „Es ist eine Chance für die Zeugen, ihren Beitrag zu leisten, aber es kostet auch Kraft.“ Man brauche ein gutes Auge dafür, was man den Leuten zutrauen könne und was nicht, sagt Kinn. Zum Einstieg ins Gespräch lasse er die Betroffenen deswegen erstmal erzählen. „Ein Zeuge, der erzählt, ist ein Zeuge, der sich öffnet“, sagt der Phantombildzeichner. Wenn der Zeuge locker werde, helfe ihm das immens. „Es gibt aber auch Fälle, bei denen ich eine Pause machen muss. Dann kommt es auch mal vor, dass ich sage, dass wir Schluss für heute machen. So können die Zeugen durchatmen.“ In solchen Situationen mitfühlend zu sein, sei eine wichtige Fähigkeit, sagt der Spezialist. Er ist überzeugt: „Man kann sicherlich vieles schulen und auf Signale achten, aber ohne einen Grundzugang zur Empathie wird es schwer.“
So entsteht ein Phantombild
Für das Erstellen der Bilder werden den Betroffenen verschiedene Frisuren, Augenpartien und Münder gezeigt. Kinn achtet genau auf die Reaktionen. Unterstützung bekommt er aus dem menschlichen Gehirn, genauer aus einem Teil davon, der Amygdala. Sie ist Teil des limbischen Systems und für die Kampf-oder-Flucht-Reaktion des Menschen zuständig. Sie speichert emotionale Erinnerungen – und lässt Zeugen erschrecken, wenn sie auf dem Phantombild mit Merkmalen konfrontiert werden, die dem Täter ähnlich sind. „Die Amygdala ist eine Art Frühwarnsystem“, sagt Kinn. Für ihn sind die Reaktionen der Zeugen hilfreich, um mit seinem Phantombild möglichst nah an das Aussehen des Verdächtigen heranzukommen.
Was die Amygdala jedoch nicht speichert, sind Farben. Auch deshalb wird bei Phantombildern auf diese verzichtet. Sie werden grundsätzlich in Schwarz-Weiß angefertigt. Das hat aber nicht nur mit dem menschlichen Gehirn zu tun, sondern hat auch pragmatische Gründe. Haarfarben etwa könnten bei unterschiedlicher Lichteinstrahlung anders erscheinen, was das Ergebnis verfälschen würde, erklärt Uwe Kinn. In seiner Datenbank hat er hunderte Augenpartien, Münder und Nasen, um seine Phantombilder anzufertigen. Auf seinem IPad kann er bestimmte Bereiche händisch abändern, wenn der Zeuge die Ähnlichkeit noch nicht sieht. Ein zeichnerisches Talent ist aber selbst mit neusten digitalen Methoden unabdingbar.
Wie oft ein Phantombild zur Aufklärung eines Falles führt, sei schwer zu sagen, erklärt Kinn, der schon mehr als 3000 Phantombilder angefertigt hat. Denn um die Ermittlungen zu unterstützen, kann ein Phantombild auf verschiedene Weise wirken. So könne es zum Beispiel hilfreich sein, indem es eine sehr hohe Ähnlichkeit zur gesuchten Person aufweise. „Es kann aber auch gut sein, weil ein bestimmtes Merkmal besonders gut getroffen ist“, sagt Uwe Kinn. Auch in die gegenteilige Richtung kann das Bild wirken, indem es Verdachtsmomente gegen eine Person entkräftet, weil zu viele Unterschiede bestehen. Bei einigen der den Tätern ähnlichsten Phantombildern von Uwe Kinn kamen die Zeugen aus einer bestimmten Altersklasse: Es waren Kinder. „Ich vermute, das liegt daran, dass Kinder genau hinschauen. Sie sind neugieriger als Erwachsene.“ Ein weiterer Vorteil: Kinder haben eine weniger ausgeprägte Schambarriere und schauen sich Personen genauer an.
Wie wird man Phantombildzeichner?
Um Phantombildzeichner zu werden, gibt es nicht etwa eine standardisierte Ausbildung. „Der Beruf ist so exotisch, dass es nur ein interne Ausbildung gibt“, sagt Uwe Kinn. Er selbst sei anfangs ein ganz normaler Polizist gewesen. Nachdem er Mitte der 1990er Jahre von seiner Heimatstadt an der Mosel nach Mainz versetzt wurde, erfuhr er von seinem damaligen Vorgesetzten, dass eine Stelle als Phantombildzeichner frei wurde. „Da saß dann damals jemand an einem Apple-Computer, das war so ungewöhnlich.“ Uwe Kinn konnte zeichnen und kam so zu der Stelle. Noch bevor das Zeichnen digitalisiert wurde, arbeitete die Polizei mit einem System, das aus Fotostreifen bestand, die jeweils einem Gesichtsmerkmal zugeordnet waren. Man konnte die einzelnen Partien wie in einem Buch übereinander legen. Seit zehn Jahren hat Kinn mit Celine Lintz Unterstützung an seiner Seite, fast 20 Jahre hatte er den Job alleine erledigt und war der einzige Phantombildzeichner in Rheinland-Pfalz. Insbesondere bei Sexualdelikten sei es aber sinnvoll, dass er eine weibliche Kollegin an seiner Seite hat, sagt Uwe Kinn.