Rheinland-Pfalz Ein Punker mit Appetit auf Pferdeäpfel
Die Haubenlerche ist bescheiden: Brachen, Gewerbegebiete oder ländlich geprägte Ortsränder genügen ihr als Kinderstube für den Nachwuchs. Trotzdem ist der Singvogel mit der steilen Federfrisur auch in Rheinland-Pfalz vom Aussterben bedroht. Der Haßlocher Biologe Oliver Röller spürt den Nischen nach, in denen die letzten ihrer Art überleben.
«HASSLOCH.»Die Genügsamkeit der Haubenlerche kommt nicht von ungefähr: Ihre ursprüngliche Heimat sind Steppen und Halbwüsten. Vom Ausbau des mitteleuropäischen Verkehrsnetzes im 19. Jahrhundert profitierte sie enorm. Mit den „Schotter-Wüsten“ entlang der rasch wachsenden Eisenbahnstrecken entstand für den Bodenbrüter hierzulande ein neuer Lebensraum. Auch die kargen Ränder der ausgebauten Landstraßen wusste der Vogel zu schätzen. War es doch die Hochzeit der Kutschen und Fuhrwerke, deren vierbeinige „Zugmaschinen“ jede Menge Pferdeäpfel hinterließen. Die darin enthaltenen Haferreste boten der Haubenlerche reichlich Nahrung. Früher war sie laut Peter Berthold, dem ehemaligen Leiter der Vogelwarte Radolfzell, aber auch in Dörfern und Städten zahlreich anzutreffen. Und zwar überall dort, wo für sie Futter abfallen konnte. Also beispielsweise an Druschplätzen, an Bahnhöfen mit ihren Vieh- und Getreideverladestellen oder bei Scheunen und Marktplätzen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war die Art in der Pfalz „ein häufiger und weit verbreiteter Brutvogel“, stellt der Haßlocher Biologe Oliver Röller fest. Das galt vor allem für die Rheinebene. Doch in den folgenden Jahrzehnten gingen die Bestände dramatisch zurück. Jedenfalls, wenn man von der Kriegs- und Nachkriegszeit Mitte des 20. Jahrhunderts absieht: Die Trümmerwüsten und Baulücken, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, wusste die Haubenlerche als „innerstädtische Biotope“ zu schätzen, wie in der „Vogelwelt von Rheinland-Pfalz“ der Naturschutz-Organisation Gnor nachzulesen ist. Seitdem ist ihr flötend-zwitschernder Gesang auch in der Pfalz immer seltener zu hören. Laut der Roten Liste der Brutvögel dürfte es im ganzen Bundesland nur noch 20 bis 40 Paare geben. Die Ursachen dafür sind laut Gnor vielfältig. Der Einsatz von Spritzmitteln und die intensive Pflege an Bahnstrecken und Straßenrändern ließen die Nahrungsquellen versiegen. Spärlich bewachsene Brachen, wie die Haubenlerche sie für den Nachwuchs braucht, sind selten geworden. Selbst auf Bau- und Ödlandflächen in Gewerbegebieten sprießt heutzutage üppiges Grün. Wurde doch für solche Flächen häufig ehemaliges Ackerland erschlossen, das jahrzehntelang reichlich gedüngt wurde. Die Haubenlerche weiß sich aber auch zu helfen, hat Biologe Röller festgestellt. Zumindest manchmal. So hat sich dieser Vogel auf Flachdächern einen Ersatz-Lebensraum erobert, der seinen bescheidenen Ansprüchen entgegenkommt. In der Pfalz wurde die Art vor wenigen Jahren auf einem Gebäude in einem Neustadter Industriegebiet beobachtet. Und in einem Wohngebiet in Ottersheim bei Landau ist sie den Hausherren ebenfalls schon aufs (Flach-)Dach gestiegen. Von solchen Brutplätzen erfahren Wissenschaftler wie Oliver Röller aber meist nur zufällig. Stößt doch ihr Forscherdrang bei privaten Grundstücken spätestens am Gartenzaun an seine Grenze. Deshalb bittet der Biologe um die Mithilfe von aufmerksamen Bürgern: „Gerade in Wohngebieten hat man als Bewohner in der Regel deutlich bessere Einblicke in Gärten, Hinterhöfe, auf Flachdächer und so weiter.“ Wenn entsprechende Vorkommen bekannt werden, könnte womöglich auch ein sinnvolles Konzept entwickelt werden, damit diese Vogelart in der Pfalz noch eine Zukunft haben kann. Das Erkennungsmerkmal der Haubenlerche ist laut Röller der Federschmuck auf dem Kopf. Diese Haube weist eine spitze, struppige Form auf. Die nur wenig kleinere und mancherorts auf den Wiesen und Feldern noch häufiger zu beobachtende Feldlerche kann zwar ebenfalls ihr Kopf-Gefieder aufstellen. Aber ihre Haube ist stumpf und kann komplett angelegt getragen werden. Auch ist der Schnabel der Haubenlerche länger als bei der Feldlerche. Das Rückengefieder ist graubraun. Zur Beobachtung empfiehlt der Haßlocher Biologe unbedingt ein Fernglas. Denn die Haubenlerche hebt sich von einem Ackerboden oder auf Schotter kaum ab. Hat man sie erkannt, erweist sie sich als wenig schüchtern: Nicht selten lässt sie den Menschen bis auf wenige Schritte an sich herankommen. Zusammen mit der Umweltwissenschaftlerin Annalena Schotthöfer bittet Biologe Röller, der in Haßloch das „Institut für Naturkunde in Südwestdeutschland“ betreibt, die RHEINPFALZ-Leser um Hinweise. Die Brutzeit läuft derzeit, vielleicht gibt es in der Pfalz doch noch mehr Brutpaare als bisher bekannt. Wer den Vogel in seinem Wohngebiet oder an Ortsrändern entdeckt oder wer schon Vorkommen kennt, kann sein Wissen per Mail an kontakt@natur-suedwest.de weitergeben. „Wir freuen uns über jeden Hinweis“, versichert Röller. „Wir nehmen Kontakt mit den Melderinnen und Meldern auf und fahren in die entsprechenden Gebiete, um die dortigen Vorkommen zu überprüfen und genau zu erfassen.“