Rheinland-Pfalz „Die Politik guckt jetzt mal hin“

340 Schüler besuchen die Bruchwiese-Gemeinschaftsschule in Saarbrücken – die 2012 im Saarland eingeführte Gemeinschaftsschule um
340 Schüler besuchen die Bruchwiese-Gemeinschaftsschule in Saarbrücken – die 2012 im Saarland eingeführte Gemeinschaftsschule umfasst drei Bildungsgänge, die zum Hauptschulabschluss, zur mittleren Reife und nach 13 Jahren zum Abitur führen. Daneben gibt es weiter das Gymnasium, wo das Abitur nach zwölf Jahren erfolgt.

«Saarbrücken». „Freundschaft“, „Regeln“, „Erfolg“, „Benehmen“, „Respekt“, „Spaß haben“ – diese Aufschriften prangen am lilafarbenen Tor vor der Schule. Wer die Bruchwiese-Schule in Saarbrücken St. Johann, also in der Innenstadt, besuchen will, geht hier entlang. Es ist 10 Uhr, die erste große Pause ist gerade vorbei. Vor der Sporthalle stehen Schüler, an ihren Taschen und Rucksäcken hängen Turnschuhe – sie warten wohl auf den Beginn des Sportunterrichtes. Sie unterhalten sich auf Deutsch mit ausländischem Akzent. 340 Schüler besuchen diese Gemeinschaftsschule. 166 von ihnen sprechen schlecht oder sogar gar kein Deutsch, sagt Schulleiterin Pia Götten. Unter ihnen seien auch 74 Flüchtlings- und EU-Zuwandererkinder. Pia Götten sitzt in einem Besprechungsraum neben dem Sekretariat. Lange braune Haare, schwarze Hornbrille, schlank und elegant gekleidet. Seit mehr als 30 Jahren ist sie nun Lehrerin. Im vergangenen Sommer haben sie und das Kollegium einen Hilferuf in Richtung saarländisches Bildungsministerium und an die Ministerpräsidentin abgesetzt. In einem Brandbrief schilderten die Lehrer unvorstellbare Situationen: Betrunkene Schüler, Gewalt auf dem Schulhof und gegen Lehrer, Angriffe mit Messern, und die schlimmsten Kraftausdrücke sollen da von Seiten der Schüler gefallen sein. Vor Weihnachten wurde der Brief öffentlich. Das Entsetzen war groß, nicht nur im Saarland, sondern deutschlandweit. Die Schüler, die das Kollegium an den Rand der Belastbarkeit gebracht haben, seien nicht mehr da, sagt Pia Götten. Ein Jugendlicher werde zuhause beschult, ein anderer sei auf einer Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung, ein weiterer sei umgezogen, und einer wurde per Gesamtkonferenz der Schule verwiesen. Außerdem habe das Bildungsministerium mehr Lehrer geschickt, so dass in schwierigen Klassen eigentlich permanent zwei Lehrkräfte anwesend sein könnten. Gäbe es nicht den Krankenstand. Heute müssten Lehrer zu viele unterschiedliche Aufgaben lösen, klagt Götten. Vom Schreiben von Schulfahrten- und Inklusionskonzepten, über die Dokumentation von Vorfällen an der Schule bis hin zu Telefonaten mit Polizei, Jugendamt und Schulpädagogischem Dienst. „Das alles soll so nebenbei auch noch umgesetzt werden, zusätzlich zu unserer eigentlichen Aufgabe, dem Unterrichten.“ Der Erziehungsauftrag werde in einigen Elternhäusern nicht erfüllt. Die Schulleiterin: „Wenn wir das auch noch leisten sollen, dann brauchen wir viel mehr Unterstützung.“ Wenige Meter vom Besprechungsraum entfernt sitzen die drei Schülersprecher zusammen: Aldina, Angelina und Marwan. Sie sind alle 15 Jahre alt. Aldina ist in der zehnten Klasse. Angelina und Marwan sind in der neunten. Alle Drei wollen Abitur auf der Bruchwiese-Schule machen. Die Aufregung um ihre Schule können sie nicht recht verstehen. Sie fühlen sich wohl. „Die Lehrer sind für einen da, die Schüler sind für einen da. Ich finde, die Schule ist auch nicht kalt; ich finde, es gibt viele Schulen, die sind kalt von den Farben her – unsere Schule ist einfach eine bunte Schule“, sagt Angelina. In ihrer Klasse könnten alle Deutsch. Aldinas vier Geschwister waren schon auf der Schule. Sie gehe sehr gerne hier her, sagt sie. Marwan war vorher auf einer anderen Schule. Die Schüler der Bruchwiese-Schule seien viel offener, hätten sich direkt für ihn interessiert. Und trotzdem, manche Vorfälle bekommen auch die Drei mit. Als einer Schülerin auf dem Schulhof ein Messer an den Hals gedrückt wird, steht Marwan zum Beispiel daneben. „Ehrlich gesagt, ich habe nichts gemacht, weil da stand halt ein Typ mit dem Messer, und ich wusste nicht, wie ich reagieren soll.“ Doch er sagt, das seien Einzelfälle. „Die Schule ist toll.“ Marwan möchte Physiotherapeut werden oder Kinderarzt. Angelina interessiert sich für die Arbeit einer Automobilkauffrau, und Aldina möchte zur Kriminalpolizei. Es gongt. Aldina steht auf. Sie hat jetzt Französisch. „Wir schreiben einen Vokabeltest“, sie lacht. Schulleiterin Pia Götten wünscht sich, dass mehr Geld für die Bildung ausgegeben wird. „Wir möchten jedem Kind möglichst dort Hilfe geben können, wo es sie braucht. Letztendlich wollen wir eine Basis vermitteln, um die Schüler auch lebensfähig zu machen, auch später im Beruf.“ Aus ihrer Sicht ist das kein saarlandspezifisches Problem. Bundesweit müsste dem Bildungssystem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. „Ich glaube, dass unsere Briefe – auch andere saarländische Gemeinschaftsschulen haben Post an das Bildungsministerium geschickt – wach rütteln. Die Politik guckt jetzt mal hin.“ Ein Tag im Januar: Abgeordnete des saarländischen Landtags sitzen in einem Klassenzimmer der Bruchwiese-Schule. Mehrere Bänke wurden zu einem großen Tisch zusammengeschoben. Götten und ihr Stellvertreter sitzen am Tischende. Rund 20 Menschen sind versammelt: Lehrer, Politiker, Elternvertretung. Es ist Freitagmorgen, und die bildungspolitischen Sprecher der CDU- und SPD-Fraktionen im Landtag wollen sich ein Bild von der Situation machen. Die Forderungen von Götten sind klar: Unter anderem eine zusätzliche pädagogische Fachkraft in jeder Klasse. Nur so könne ein auffälliger Schüler auch mal aus der Klasse genommen werden, ohne die Aufsichtspflicht zu verletzen. Für jede Klassenstufe wünscht sie sich zudem einen Förderschullehrer. Aber auch der Datenschutz macht der Schulleiterin Sorgen: „Wir brauchen eben Informationen, wenn wir Schüler bekommen, die aus mehreren Regelschulen schon per Gesamtkonferenz entlassen wurden.“ Die Schule müsse wissen, welche Geschichte das Kind habe – nicht um es zu brandmarken, sondern um es dort abzuholen, wo es stehe. Nur so könne man dem neuen Schüler ihm entsprechende Möglichkeiten zur Verfügung stellen. „Sonst müssen wir bei Null wieder anfangen.“ Die Gruppe aus der Landespolitik lässt sich die Schule zeigen. Vor verschiedenen Klassenräumen bleibt die Schulleiterin stehen: „Das ist jetzt eine Flüchtlingsklasse“. Sie gehen hinein. Jürgen Renner (SPD) und Frank Wagner (CDU) stellen sich vor. Ein kurzes Gespräch. Nach fünf Minuten ist alles vorbei. Dieses Spiel wiederholt sich mehrere Male. Am Ende versprechen die Politiker, sich zu kümmern. Renner sagt, man habe es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun: „Lehrkräfte sind aber keine Psychologen, Therapeuten oder Integrationshelfer. Sie müssen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.“ Er glaubt, man brauche eine Stärkung der Zusammenarbeit von Jugendhilfe, Schule und sozialer Arbeit. Wagner fügt hinzu, dass man innerhalb der großen Koalition im Saarland ein Konzept erstellen wolle, um den Schulen zu helfen. Er kündigt an, schon in diesem Halbjahr erste Reaktionen auf den Weg bringen zu wollen. Dabei geht es wohl auch um die Zusammenarbeit zwischen Bildungsministerium und Sozialministerium. Kaum sind die Politiker weg, fährt ein Polizeiwagen auf den Schulhof, parkt direkt vor der Treppe am Eingang. Vier Polizisten steigen aus. Es war wieder ein Vorfall an der Schule - ähnlich wie in dem Brandbrief geschildert. Mehr will Pia Götten, die Schulleiterin, nicht dazu sagen. Info www.gems-bruchwiese.de

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