Rheinland-Pfalz
Deutlicher Anstieg bei Verbreitung von Missbrauchsfotos
Mit einem Mal war es da: Auf dem Handy des 16-jährigen Paul ploppt ein Bild auf, das ihm sein Kumpel soeben über eine Chatgruppe geschickt hat. Darauf zu sehen: ein junges Mädchen, nackt. Vor ihr steht ein ebenfalls nackter Mann, der an seinem Geschlechtsteil spielt. Ohne weiter darüber nachzudenken, leitet Paul das Bild an seinen besten Freund Jan weiter. „Schau mal, das hat ein Kumpel eben in unserer Chatgruppe geschickt. Krass, oder?“
So oder so ähnlich könnte ein Fall aussehen, der später auf dem Schreibtisch der rund 130 Ermittler in Rheinland-Pfalz landet, die sich im LKA und in den einzelnen Polizeipräsidien mit sexuellem Kindesmissbrauch befassen. Denn das Mädchen auf dem Foto ist zwölf Jahre alt, das Bild gilt damit als Kinderpornografie. Darunter fallen laut Strafgesetzbuch unter anderem Inhalte, die sexuelle Handlungen von, an oder vor einem Kind unter 14 Jahren zeigen. Mit dem unbedarften Weiterleiten des Bildes an seinen Freund hat Paul eine „strafrechtlich relevante Handlung“ begangen. Und dafür drohen mitunter empfindliche Strafen: Die Verbreitung, der Erwerb oder der Besitz kinderpornografischer Inhalte können mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren geahndet werden.
Mehr Fälle im Jahr 2020
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Fälle bei der Verbreitung kinderpornografischer Inhalte in Rheinland-Pfalz im Jahr 2020 nach Angaben des Innenministeriums deutlich angestiegen. Während das LKA 2019 exakt 681 solcher Fälle verzeichnet hat, waren es im vergangenen Jahr 1038. Auch in der Pfalz sind die Zahlen gestiegen. Im Bereich des Polizeipräsidiums Rheinpfalz in Ludwigshafen wurden 2020 insgesamt 211 Fälle erfasst (2019: 150), beim Polizeipräsidium Westpfalz in Kaiserslautern waren es 80 (2019: 50).
Einen Grund für den steilen Anstieg der Fallzahlen sehen die Ermittler des LKA unter anderem in der zunehmenden Nutzung von Smartphones und anderen mobilen Endgeräten, die eine schnelle Verbreitung solcher Inhalte erleichtern. So würden kinderpornografische Inhalte auch in Chatgruppen von Schülern wie dem fiktiven Paul geteilt. Auch wenn es laut Innenministerium dabei häufig nicht um pädophile Neigungen, sondern um eine sinkende Hemmschwelle und ein mangelndes Unrechtsbewusstsein gehe, handele es sich bei solchen Fällen um strafrechtlich relevante Handlungen, die angezeigt werden müssten und die in die Statistik eingingen. Konkrete Angaben dazu, wie viele Fälle auf unbedarfte Jugendliche und wie viele auf echte Täter zurückgehen, gab es vom Ministerium nicht.
Hinweise aus den USA
„Für uns gilt es herauszufinden, ob jemand mit einer pädophilen Neigung dahinter steckt, der vielleicht auch bereit ist, ein Kind zu missbrauchen oder sogar schon ein Kind missbraucht hat. Oder ob es sich wirklich um einen unbedarften Jugendlichen handelt“, sagt Spezialermittlerin Anja Klein von der Polizei Bad Kreuznach. Einige Jugendliche würden sich der Tragweite ihres Tuns erst bewusst, wenn die Polizei vor der Tür stehe und Handy sowie Computer als Beweis sicherstellen. „Für uns hat die oberste Priorität, jeden Fall von sexuellem Missbrauch an Kindern aufzudecken“, betont Klein. Und hinter jedem Bild stehe ein Kind, das missbraucht wurde. Das bedeute, dass sich die Ermittler auch mit solchen Fällen intensiv befassen müssten. Hinweise kämen dabei auch von Internet-Providern und Behörden in den USA, so LKA-Präsident Johannes Kunz. Diese würden beim Bundeskriminalamt gebündelt und dann an die jeweiligen Bundesländer weitergeleitet.
Belastende Arbeit für Ermittler
Dabei kommen die Ermittler häufig auch Menschen auf die Schliche, die sich ihrer Taten sehr wohl bewusst sind. Material finde die Polizei in allen sozialen Schichten, berichtet Klein. Und davon jede Menge. „Es ist keine Seltenheit, dass wir Geräte mit 40.000 bis 100.000 Dateien mitnehmen.“ Bei den Ermittlungen gelte Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Die Spezialisten müssten somit oft stundenlang Bild- und Videomaterial sichten.
„Gerade wenn man dann hört, wie ein Kind weint oder Schmerzen ausdrückt, nimmt einen das schon mit“, sagt Klein. Für die Ermittler gibt es deshalb Supervisionsangebote, mit denen sie das Gesehene verarbeiten können. Aber auch das helfe nicht immer. „Es gibt auch Kollegen, die das jahrelang gemacht haben, und bei einem bestimmten Bild wird es ihnen einfach zu viel.“ Hinter der belastenden Arbeit stehe aber eine Motivation: „Wir wollen Missbrauchsfälle aufdecken, die Täter ihrer Strafe zuführen und weitere Fälle verhindern.“