Rheinland-Pfalz Der blutrote Randalierer-Trunk

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„Voller Überraschungen – die Pfalz!“ Das ist in diesem Jahr das Thema des großen Fotowettbewerbs für Leserinnen und Leser der RHEINPFALZ. Die schönsten Aufnahmen erscheinen im RHEINPFALZ-Fotokalender 2016. Die zwölf Siegerbilder werden zudem mit Geldpreisen belohnt. Unsere Begleitserie zum Fotowettbewerb zeigt Beispiele, wie und wo die Pfalz immer wieder aufs Neue überrascht. Heute: ein Rotwein mit üblem Ruf, der nur noch selten angebaut wird und offiziell überhaupt nicht existiert.

Bestimmt werden sie gleich randalieren. Dunkelrot ist der Trunk in ihren Gläsern. „Stierblut“ nennt ihn der Volksmund, weil er so wild machen soll. Oder, noch deutlicher: „Händelstifter“ und „Möbelzerstörer“. Offiziell heißt der Wein Kilianer. Das klingt harmlos. Harmlos wirken einstweilen auch die drei Männer, die in Dudenhofen auf einer schattigen Terrasse sitzen und an ihm nippen. Dabei sind sie nicht nur Konsumenten, sondern auch Produzenten. Ohne sie und ihre Mittäter wäre der berüchtigte Tropfen wohl längst verschwunden. Einst war er in der Vorderpfalz weit verbreitet. Heute ist es nur noch eine Gruppe von Dudenhofenern, die partout nicht vom Kilianer lassen will. Auch wenn es ihn eigentlich gar nicht gibt. Denn offiziell für den Weinbau zugelassen ist er nicht. Aber Kommunalpolitiker halten ihre schützende Hand über das Treiben in der weinbaurechtlichen Grauzone. Oder sind sogar selbst darin verwickelt. Einer der drei Kilianer schlürfenden Herren auf der schattigen Terrasse heißt Clemens Körner, ist Christdemokrat, war früher Bürgermeister von Dudenhofen und regiert jetzt als Landrat den Rhein-Pfalz-Kreis. „Wir verkaufen den Kilianer ja nicht“, sagt er beschwichtigend. Und fügt, noch keine Tische zertrümmernd, aber spitzbübisch grinsend, hinzu: „Wir geben ihn nur gegen eine Spende in festgesetzter Höhe ab.“ Immerhin: Früher war das alles noch viel illegaler als heute. Denn da war der Anbau nicht nur nicht richtig erlaubt, sondern richtig verboten. Dabei hat ein Vertreter der Staatsgewalt dem blutroten Trunk sogar seinen Namen gegeben: Der Dudenhofener Polizeidiener Kilian Vonderschmitt brachte anno 1881 die ersten Stöcke aus Erfurt in die Vorderpfalz. Wer die Geschichte des berüchtigten Rotweins weiter zurückverfolgt, schweift noch viel weiter in die Ferne. Fritz Schumann, der Ordensmeister der Pfälzer Weinbruderschaft, berichtet: Im Erbgut der Kilianer-Stöcke stecken vor allem nordamerikanische Wildreben. Die liefern eine Geschmacksnote, die Schumann mit dem feinen Fachbegriff „Fox-Ton“ umschreibt. Im Schwäbischen gibt es dafür einen Dialektausdruck, der auf das nicht ganz so feine Wort Katzenpisse zurückgeht. Wohlwollendere Gaumen sollen damit aber auch Erd- und Himbeer-Aromen verbinden. Doch auf feine Geschmacksnuancen kam es Vorderpfälzern Bauern nicht an, wenn sie am Rand ihrer Obst- und Spargelfelder ein paar Rebstöcke setzten. Hauptsache, sie machten nicht viel Arbeit und brachten genug Wein für den häuslichen Bedarf. Der scheint in Dudenhofen von jeher hoch gewesen zu sein. Landrat Körner randaliert immer noch nicht, fasst dafür Jahrhunderte alte Visitationsprotokolle des Speyerer Bischofs in einem Satz zusammen: „Mir däde zu viel saufe und zu wenig schaffe.“ Da kam die Rebe mit ihren wilden Vorfahren gerade recht. Denn sie ist nicht nur immun gegen Pilzkrankheiten, sondern auch sonst recht robust. Die drei Kilianer schlürfenden Herren behaupten: In schlechten Jahren schlichen vermeintlich feine Winzer vom Haardtrand nach Dudenhofen, um Kilianer zu kaufen. Den mischten sie dann heimlich in ihre edleren Weine, damit die mehr Farbe bekamen. Nur gegen die mitsamt den neuen Sorten aus Amerika eingeschleppte Reblaus war auch der Kilianer nicht gefeit. Weshalb es bald Anbauverbote hagelte. Doch erst die Nationalsozialisten nahmen 1935 den Kampf gegen den Kilianer mit aller Macht auf. Das bescherte ihnen wütende Vorderpfälzer. Der Dudenhofener „Ortsbauernführer“ schickte seinen Protestbrief direkt auf den Obersalzberg, „zu Händen des Führers“. An der Linie der Machthaber änderte das nichts, doch völlig ausgerottet war der Kilianer auch 1945 nicht. Vor dem endgültigen Aus stand er erst nach der Jahrtausendwende. Da war in Dudenhofen noch ein größerer Kilianer-Wingert übrig: ein gemeindeeigenes Grundstück, rund 1000 Quadratmeter groß, mit etwa 160 Stöcken. Der bisherige Pächter wollte es nicht mehr. Körner, damals noch Bürgermeister, fand einen potenziellen Nachfolger. Der nebenbei sagte: „Als erstes reiß’ ich die Reben raus.“ Da suchte der Kommunalpolitiker lieber Mitstreiter, um die Kilianer-Tradition weiterzuführen. Eine Truppe von ungefähr 20 Leuten bewirtschaftet bis heute den Wingert und hegt weitere, in der Gemarkung verstreute Stöcke. Zu dieser Arbeitsgemeinschaft gehören auch Gerhard Birkle und Giovanni Molisse, die beiden Herren, die mit Körner auf der Terrasse sitzen, Kilianer schlürfen und trotzdem nach wie vor nicht auf Händel aus sind. Obwohl der tiefrote Wein bemerkenswert viel Alkohol enthält. Und bemerkenswert viele Gerbstoffe. Gefälliger als früher scheint er schon, seit ihn die Lebenshilfe in Bad Dürkheim professionell ausbaut. Birkle versichert: Aus keinem anderen Tropfen lässt sich so ein guter Glühwein machen. Und Körner erspürt Ähnlichkeiten zu Regent-Weinen. Wer selbst schmecken will, muss zu einem der Dudenhofener Feste kommen: Rebblütenfest im Frühjahr, Kilianer-Straßenfest im Frühsommer, Weinlesefest bei der Kerwe am 17. Oktober. Oder er findet einen der wenigen Dudenhofener, die noch selbst keltern – wie Birkle. Oder Molisse, der dritte Kilianertrinker auf der schattigen Terrasse. Er ist an den Hängen des Vesuvs aufgewachsen, hat eine Dudenhofener Frau lieben und den Dudenhofener Wein schätzen gelernt. „Mit einem guten italienischen Essen dazu, da schaffen meine Frau und ich zusammen eine Flasche“, erzählt er. „Aber dann fällt man sofort ins Bett.“ Vorher noch zu randalieren, ist offenbar gar nicht möglich.

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