Rheinland-Pfalz Das glaubt doch kein Schwein
„Do werd die Wuzz geschlacht, do werd die Worscht gemacht“ gehört sicher zu den bekanntesten Liedern des Pfälzer Volksmusikers und Mundartdichters Kurt Dehn (1920 - 2000). Bis heute sorgt die beliebte Schunkelweise dafür, dass viele Pfälzer bei „Schwein“ vor allem an Schlachtfest, Hausmacher und Saumagen denken. Und diese deftigen Spezialitäten natürlich „saugut“ finden. Oder „saulecker“. Doch es ist kein Geheimnis, dass außerhalb der Pfalz gerade der Saumagen mitunter als „saueklig“ empfunden wird. Und es sind nicht nur Vegetarier oder Fünf-Sterne-Gourmets, die so denken. Wir wollen aber an dieser Stelle gar nicht weiter nach den Gründen für diese Geschmacksverirrung forschen, sondern uns einem anderen Rätsel zuwenden. Wie kann es sein, dass dieses Wörtchen „sau“ so vortrefflich Gutes und Schlechtes herausstreichen kann? Die Vorsilbe verstärkt Eindrücke wie Empfindungen – und stört sich dabei überhaupt nicht an Gegensätzen. Übersteigert wird Negatives wie Positives: Einmal ist es sauwarm, dann wieder schweinekalt. Ob etwas saubillig oder sauteuer ist, dürfte relativ sein. Bei saufrech oder saufroh sowie saugrob oder saulieb schon weniger. Das Schwein erscheint in seiner Vielfalt einzigartig. Dass tierische Elemente in Wortverbindungen auftauchen, ist zwar nicht ungewöhnlich. Mitmenschen können so bärenstark, bienenfleißig oder wieselflink sein. Doch eben nicht bärenschwach, bienenfaul oder wiesellahm. Der Fuchs ist schlau, der Hund ist treu, das Schaf ist dumm. Und das Schwein? Das Schwein fällt immer wieder aus seiner Rolle. Es kann Glücks- und Sparschwein sein. Auf der anderen Seite muss es aber auch dafür herhalten, wenn jemand nicht aufräumt („Was für ein Sauhaufen!“), unleserlich schreibt („Welche Sauklaue!“) oder übers schlechte Essen klagt („Schweinefraß“). „Wir beschimpfen zwar andere Menschen als Schweine, aber wir haben auch unseren eigenen inneren Schweinehund und müssen mit ihm zurechtkommen und dergleichen mehr“, sagt der Kulturwissenschaftler Professor Thomas Macho, der in seinem Buch „Schwein“ der Beziehung des Menschen zu diesem Tier von der Antike bis heute nachgespürt hat. Sein Fazit: „Das Schwein ist eine Art Doppelgänger des Menschen.“ Deshalb verwundert es zunächst nicht, dass „Schwein“ hierzulande auch ein Nachname ist – in einem Ort der Pfalz sogar mehr als sonstwo in Deutschland. So hat die Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz herausgefunden, dass fast alle Träger eines solchen Namens in Jockgrim wohnen – oder zumindest in unmittelbarer Umgebung dieses Südpfälzer Künstler- und Zieglerdorfes. Dort ballen sich die 51 Telefonanschlüsse, die es bundesweit mit dem Namen „Schwein“ gibt. Sapperlot! Wer aber jetzt an Schlachtfest und Hausmacher denkt, liegt völlig verkehrt. Als die Franken im 6. Jahrhundert unter dem Merowingerkönig Chlodwig auch in die Vorderpfalz kamen, gründeten sie dort auch Schweinheim. Benannt wurde das Dorf nach dem fränkischen Anführer „Sweino“. Später zog es die Schweinheimer ins benachbarte Jockgrim, das wegen seiner Befestigung mehr Sicherheit versprach. Das einzige Überbleibsel der einstigen fränkischen Siedlung ist heute das „Schweinheimer Kirchel“. Die romanische Kapelle am Rande des Bienwaldes lohnt einen Besuch. Und am Ende des Ausflugs wird irgendwo in Jockgrim und Umgebung ganz bestimmt auch ein guter Saumagen aufgetischt ... | Rolf Schlicher