Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Cybercrime – wie Ermittler den Tätern das Handwerk legen

Wer viel im Internet unterwegs ist, solle eine „gewisse Grundskepsis“ an den Tag legen, sagen die LKA-Spezialisten.
Wer viel im Internet unterwegs ist, solle eine »gewisse Grundskepsis« an den Tag legen, sagen die LKA-Spezialisten.

Einbrüche in Wohnhäuser, Überfälle auf der Straße oder Betrügereien am Telefon – Kriminalität kennt viele Formen und Tatorte. Einer davon: das Internet. Cybercrime nimmt stark zu. Im rheinland-pfälzischen Landeskriminalamt beschäftigen sich Spezialisten mit diesem Phänomen.

Die Methoden, mit denen Kriminelle im virtuellen Raum versuchen, Daten und in letzter Konsequenz das Geld unbekümmerter Internetnutzer zu ergaunern, sind extrem vielfältig: „Quishing“ heißt eine Masche, bei der QR-Codes potenzielle Betrugsopfer auf eine Internetseite locken, um Passwörter und persönliche Infos abzugreifen („Phishing“). „Sextortion“ nennt sich ein weiteres Phänomen, bei dem organisierte Banden vorwiegend Männer über soziale Netzwerke wie Instagram zu gewagten Bildern verführen und dann Geld erpressen. Die gewaltige Zunahme solcher Fälle hat dazu geführt, dass die rheinland-pfälzische Polizei in ihren fünf regionalen Präsidien eigene Kommissariate für Cybercrime eingerichtet haben. Und auch im Mainzer Landeskriminalamt (LKA) arbeiten immer mehr Spezialisten an der Bekämpfung solcher Straftaten.

Räuber und Gendarm

Die Methoden, denen sich die Fachleute im Staatsdienst gegenübersehen, sind nicht nur vielfältig, sondern extrem raffiniert. Die Ermittler haben es nach Einschätzung von LKA-Präsident Mario Germano mit hochprofessionellen Tätern zu tun, die ihre Vorgehensweise ständig verfeinerten. Habe man vor Jahren eine nachgebaute Banken-Webseite noch an Fehlern im Detail oder einer verdächtigen Adresse erkennen können, seien die betrügerischen Homepages inzwischen perfekt kopiert. Während bei Straftaten im „echten Leben“ die Gefahr, erwischt zu werden, groß sei, könnten Cyber-Kriminelle aus dem Verborgenen mit recht geringem Aufwand operieren. Und wenn nur einer von 1000 Empfängern einer Phishing-Mail auf diesen Betrugsversuch hereinfällt, hat sich der aus Sicht der Täter schon gelohnt. Chefermittler Germano vergleicht das alles mit dem sehr analogen Spiel „Räuber und Gendarm“.

Für Nutzer sei es jenseits von Geschichten vom angeblich märchenhaften Erbe eines verschollenen Onkels aus Südamerika, die wohl schon mal in jedes E-Mail-Postfach geflattert sind, relativ leicht, sich vor solchen Betrügereien zu schützen. Einfach die Betreffzeile einer verdächtigen Nachricht in die Suchmaschine kopieren – das reicht in vielen Fällen schon aus, um eine Masche zu enttarnen, sagt Germano. Er empfiehlt eine „gewisse Grundskepsis“. Es sei im negativen Sinne faszinierend, dass manches immer noch funktioniere.

Agieren aus dem Ausland

Die Schwierigkeit für Ermittler nicht nur in Rheinland-Pfalz ergibt sich nach Darstellung des LKA aus dem Umstand, dass die meisten Täter vom Ausland aus agierten. Das sei zuweilen „mit Hürden verbunden“. Deshalb liege der Schwerpunkt der Arbeit auf der Prävention – was einerseits bedeutet, die Bürger über Gefahren im Netz zu informieren, und andererseits im Wettlauf mit den Tätern technisch auf gleicher Höhe oder im Idealfall ein bisschen voraus zu sein. Nicht zuletzt deshalb beschäftigen sich die Experten auch in Mainz sehr intensiv mit dem populären Thema der generativen Künstlichen Intelligenz (KI).

Denn was für das schnelle Abrufen von Texten und Informationen über Bots wie ChatGPT oder Perplexity funktioniert, hat längst auch gesprochene Sprache sowie Fotos und Videos erreicht. Laut Mario Germano sind in Deutschland bereits erste sogenannte Deep-Fakes aufgetaucht. Der englische Begriff beschreibt mit KI erzeugte Trugbilder, bei denen mit der technischen Nachahmung von Stimme und Gesicht der Eindruck erzeugt wird, ein reelles Gegenüber vor sich zu haben. Vom Enkeltrick bis hin zur Fälschung kinderpornografischer Darstellungen sei vieles denkbar und möglich. Die kriminelle Energie der Täter reiche sogar so weit, Meta-Daten zu kopieren – beispielsweise das typische optische Rauschen, das digitale Kameras erzeugen.

Hoher Schaden bei Firmen

Wie hoch der Schaden ist, den Privatleute aufgrund von Internetkriminalität erleiden, ist schwer zu beziffern. Für den Bereich der Wirtschaft beziffert der Branchenverband Bitkom in seiner Wirtschaftsschutzstudie die finanziellen Folgen von Cyberattacken auf Firmen in Deutschland mit 206 Milliarden fürs vergangene und sogar 266,6 Milliarden Euro fürs laufende Jahr – ein Anstieg um knapp 30 Prozent innerhalb kürzester Zeit. Von Eindringlingen, die in Firmennetzwerken Daten klauen oder diese verschlüsseln, sind Großkonzerne genauso betroffen wie kleine Betriebe.

Von den Fällen, die bei der Zentralen Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) des LKA landen, wissen die Beamten, dass erfolgreiche Angriffe auf EDV-Systeme schnell existenzbedrohend sein können – gerade wenn es um sehr sensible Informationen gehe etwa wie bei Arztpraxen. Aus Angst vor drohendem Imageverlust entscheide sich mancher dann dazu, das von kriminellen Hackern geforderte Lösegeld zu zahlen – nicht selten in Cyberwährungen wie Bitcoin, die es den Ermittlern zusätzlich erschwerten, Geldflüsse nachzuvollziehen.

Erfolg bei Cyberbunker

Umso mehr freuen LKA-Präsident Mario Germano echte Wirkungstreffer wie beispielsweise 2019 das Ausheben des Cyberbunkers in Traben-Trarbach, den Täter als eine Art Rechenzentrum für ihre nationalen und internationalen Machenschaften genutzt hatten. Um solchen und ähnlichen Umtrieben auf die Schliche zu kommen, braucht es nach Germanos Überzeugung in den Ermittlungsbehörden eine gute Mischung aus klassisch ausgebildeten Polizeibeamten, zu deren Studieninhalten mittlerweile auch Internetkriminalität zählt, und echten „IT-lern“ – Cyberanalysten und Cyberkriminalisten.

Diese Kombination garantiert Germano zufolge, dass mit Ermittlerblick und technischem Wissen an Fällen gearbeitet werde. Um Spezialisten zu gewinnen, findet am Samstag, 16. November, ein Infotag statt. Was müssen Bewerber neben ihrer Computerkompetenz mitbringen? Der LKA-Chef sagt es so: Sie bräuchten eine „hohe intrinsische Motivation“, sich – platt formuliert – für das Gute einzusetzen. „Rein aus monetären Gründen“ komme niemand zur Polizei.

LKA-Chef Mario Germano.
LKA-Chef Mario Germano.
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