Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Corona: Wie gesund ist ein Genesener?

Abstrichprobe eines Patienten wird im Labor beim sogenannten PCR-Tests analysiert.
Abstrichprobe eines Patienten wird im Labor beim sogenannten PCR-Tests analysiert.

Rund 90 Prozent der Corona-Infizierten gelten in Rheinland-Pfalz inzwischen wieder als genesen. Doch sind es tatsächlich so viele? Und was bedeutet überhaupt „genesen“: Dass der Einzelne wieder völlig gesund ist, oder heißt dies nur, dass er die Ansteckung glücklicherweise überlebt hat?

Am 27. Februar war in Rheinland-Pfalz erstmals ein Mensch positiv auf das Corona-Virus getestet worden – im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern wurde die Erkrankung bei einem 32-jährigen Mann festgestellt. Inzwischen gibt es landesweit 6486 laborbestätigte Infektionsfälle.

Angaben zur Anzahl der Personen, die in Rheinland-Pfalz nach einer Infektion wieder als genesen gelten, nennt das Landesuntersuchungsamt in Koblenz erst seit dem 15. April. Zu diesem Zeitpunkt wurden damals 55 Prozent der Infizierten als genesen eingestuft, heute sind es 89,9 Prozent. Diese beachtliche Steigerung ist einer der Gründe, weshalb Kontaktbeschränkungen gelockert und die Schließung vieler Einrichtungen aufgehoben wurden.

Die Definition des Landesgesundheitsamtes

Doch es gibt Widersprüchlichkeiten: Vergangene Woche gab das Landesuntersuchungsamt in Koblenz beispielsweise die Anzahl der Genesenen für den Landkreis Germersheim mit 133 an. Das Gesundheitsamt des Kreises stufte dagegen selbst nur 121 der Infizierten als genesen ein. Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Einschätzung? Das Landesgesundheitsamt arbeitet quasi mit einer Schablone: Als genesen gilt, wer sich infiziert hat und nach 21 Tagen nicht verstorben ist. Wer ins Krankenhaus musste, wird erst nach 28 Tagen für gesund erklärt, sofern er nicht gestorben ist.

Das heißt: Im Prinzip schätzt das Landesgesundheitsamt die Anzahl der Genesenen nur. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig, denn exakte Informationen fehlen: Eine Gesundtestung, also ein zweiter Test nach der Quarantänephase, war nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) von Anfang an nicht vorgesehen.

Inzwischen werden aber Ausnahmen gemacht. Christian Jestrabek, Amtsarzt beim Gesundheitsamt Germersheim, erläutert dessen Vorgehen so: „Da inzwischen die Testkapazitäten deutlich größer geworden sind, kann man es durchaus vertreten, dass alle, die in einem risikobehafteten Bereich arbeiten – wie beispielsweise Krankenschwestern oder Altenpflegerinnen –, in einem bestimmten Rhythmus freigetestet werden.“ In diesen Fällen kommt es also mittlerweile zu einem zweiten Test.

Die Definition des Gesundheitsamtes

Dabei sei aufgefallen, dass Menschen bei einem zweiten Abstrich nach 14 Tagen noch Virusmaterial gehabt hätten, sagt Jestrabek. Was das bedeutet, beschreibt der Amtsarzt mit einem Beispiel. Der PCR-Test zum Nachweis des Coronavirus sei so etwas ähnliches, wie man es aus den Krimis kenne: „Da nimmt man ein Haar aus der Bürste und weist nach, dass der Täter im Raum war – aber das Haar sagt ja nichts darüber, dass der Täter noch lebt.“ Genauso sei dies beim Abstrich: Wenn das Ergebnis dabei nach 14 Tagen positiv sei, könne niemand ehrlicherweise sagen, ob der Betreffende noch Viren habe oder nur totes Virenmaterial, also die Erbinformation des Virus.

Das bedeutet die unterschiedliche Praxis für die Fallzahlen

Das Gesundheitsamt Germersheim verfährt aber in diesen Fällen so, dass es solche erneut positiv getesteten Personen als Vorsichtsmaßnahme weitere sieben Tage in Quarantäne schickt und dann nochmals einen Abstrich vornimmt. Für die landes- oder bundesweite Statistik bedeutet dies: Infizierte, die das Landesuntersuchungsamt möglicherweise schon für genesen erklärt hat, befinden sich vor Ort noch in weiteren Quarantäne-Runden.

Jestrabek: „Wenn in unserer Liste geheilt steht, sind das Leute, die aus der Quarantäne richtig und real herausgenommen worden sind und nicht mehr infektiös sind.“ Dies sei die Erklärung dafür, dass die Anzahl der Genesenen niedriger sein könne als die Rechenwerte des Landesuntersuchungsamtes, und zwar immer dann, wenn sich ein Infizierter nicht verhalte wie eine statistische Größe.

Was genesen tatsächlich bedeutet

Doch wer für gesund befunden wird, sei es nun nach der Rechenmethode des Landesuntersuchungsamtes oder nach der Praxis des einzelnen Gesundheitsamtes, muss sich deshalb nicht unbedingt tatsächlich gesund fühlen. „Gesundet heißt, derjenige stellt keine Infektquelle mehr dar“, stellt Jestrabek klar. Und über gesundheitliche Folgeschäden sei damit ehrlicherweise nichts ausgesagt – dies sei auch individuell sehr verschieden.

Amtsarzt im Gesundheitsamt Germersheim: Christian Jestrabek.
Amtsarzt im Gesundheitsamt Germersheim: Christian Jestrabek.
swzstand17.5
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