Corona-Impfung RHEINPFALZ Plus Artikel Chaos mit Warteschleife

Körperlich fit: Maria beim Akkordeonspielen.
Körperlich fit: Maria beim Akkordeonspielen.

Wenn die Alten sich nicht mehr selbst helfen können, dann sollten sie daheim geimpft werden. So war es vorgesehen. Es klappt aber nicht. Ein Erfahrungsbericht.

Johann und Maria sind 83 und 78 Jahre alt. Sie wohnen noch im eigenen Haus in Breitenbach im Kreis Kusel, müssen aber rund um die Uhr gepflegt werden. Seit einem schweren Sturz schläft Johann im Wohnzimmer im Krankenbett und sitzt tagsüber im Rollstuhl. Einer der beiden Lungenflügel arbeitet wieder ganz gut, er hat Parkinson, Bluthochdruck und andere Zipperlein. Meistens ist der frühere Leichtathlet und Judoka guter Laune. Er lebt oft in einer Fantasiewelt, kehrt aber hin und wieder gedanklich ins richtige Leben zurück. Maria erfreut sich körperlich bester Gesundheit, hört wie ein Luchs, sieht wie ein Adler, singt und spielt noch ab und an Schifferklavier. Aber sie lebt in einer anderen Welt. Die Demenz lässt nicht mehr zu, dass sie ihren Mann von ihren Söhnen unterscheiden oder einen ihrer sieben Enkel erkennen kann.

Rund um die Uhr versorgt

Johann und Maria – das sind meine Eltern. So heißen sie mit zweitem Vornamen. Ich will beide so schnell wie möglich gegen Corona impfen lassen. Meine Eltern können das Haus zwar nicht mehr selbstständig verlassen, aber dreimal täglich kommt eine der Frauen vom Pflegedienst vorbei, zweimal die Woche geht’s mit dem Rollstuhltaxi ins Zoar-Tagespflegeheim nach Brücken, regelmäßig schauen wir drei Kinder, der Hausarzt und der Pfarrer vorbei. Rund um die Uhr versorgt Margret, die dafür mit im Haus wohnt, meine Eltern. Vater und Mutter haben also Kontakt zu rund 30 Menschen, das brauchen sie auch, ganz isolieren geht nicht. Deshalb sollen sie vor Corona geschützt werden, zumindest Vater gehört zur Hochrisikogruppe.

Als der Impfstoff kurz vor Weihnachten zugelassen wird, rufe ich die Impfhotline Rheinland-Pfalz an, um meine Eltern für einen Besuch eines mobilen Impfteams anzumelden. Auf Anhieb erreiche ich eine freundliche Frau. Sie erklärt mir, dass tatsächlich Teams gebildet werden sollen, die pflegebedürftige Menschen, die nicht mehr ins Impfzentrum kommen können, daheim impfen. Man sei aber noch nicht so weit. Ich soll in einer Woche noch einmal anrufen.

Kein Durchkommen

Das mache ich. Die Antwort dann: Ab 4. Januar gibt’s Termine, bitte ab dann anrufen. Am Montag, 4. Januar, rufe ich gleich morgens an. Die Nummer 0800/5758100 ist besetzt. Ich rufe noch mal an, noch mal und noch mal, 30 Mal: immer besetzt.

Am Folgetag probiere ich es wieder. Meistens besetzt, aber manchmal komme ich durch – und lande in einer Warteschleife. Ich soll die 1 oder die 2 oder die 3 oder die 4 ... drücken. Ich drücke die 1, beim nächsten Mal die 2 und beim nächsten Mal die 3. Kaum habe ich eine der Ziffern gedrückt, ist das Gespräch wieder zu Ende. Zwanzigmal. Neuer Versuch am Mittwoch. 33 Versuche, kein Durchkommen.

Rundum-Service im Saarland

Das Rote Kreuz im Saarpfalz-Kreis wirbt im Netz mit einem Rundum-Service für Leute wie meine Eltern: Das DRK besorgt einen Impftermin, holt die Pfegebedürftigen daheim ab, kümmert sich um die Papiere und bringt sie geimpft wieder nach Hause. Das wäre ja auch eine Möglichkeit. Ich rufe das DRK Saarpfalz an: gilt nicht für Pfälzer. Also wähle ich die Nummer des DRK in Kusel und frage, ob die etwas Ähnliches anbieten. Tun sie nicht. Sie raten mir, mich an das Gesundheitsamt zu wenden.

Die freundliche Mitarbeiterin des Gesundheitsamts hat zwar von den mobilen Impfteams gehört, weiß aber nichts Näheres. Sie hat dazu aber eine E-Mail vom Land erhalten. Dort steht drin, Interessenten sollten eine bestimmte Telefonnummer anrufen. Sie sucht sie raus, ich notiere, bedanke mich und wähle. Kommt mir die Nummer nicht bekannt vor? Tatsächlich: Es handelt sich um die allgemeine Impfhotline. Kein Durchkommen.

Oh Schreck, ein Mensch!

Also frage ich noch mal, wie schon vor und nach Weihnachten in der Tagespflege nach, ob die nicht ein mobiles Impfteam bestellen könnten – so wie die Altersheime. Ist derzeit vom Land für ambulante Einrichtungen nicht geplant, lautet die Antwort. Donnerstag, 7. Januar: Ich wähle mal wieder die Hotline des Landes. Beim vierten Versuch: Oh Schreck, es meldet sich tatsächlich ein echter Mensch. Ich trage mein Anliegen vor. Der hilfsbereite Mann von der Hotline hat schon von den aufsuchenden Impfteams gehört. Aber die gebe es eben noch nicht. Er schlägt vor, die Eltern ganz normal fürs Impfzentrum anzumelden.

Das hieße: Papa ist über 80, bekäme wohl schon einen Termin im Januar, müsste zweimal mit dem Rollstuhltaxi nach Kusel zum Impfen, ich müsste zweimal mit wegen Medikamentenplan, Aufklärung und Unterschriften und so. Im Februar oder März das ganze Prozedere für Mama noch einmal, weil Mama mit 78 für einen Januar-Termin noch zu jung ist. Käme sie überhaupt ins Impfzentrum rein? Denn Maske trägt sie nicht. „Sachen gibt’s“, sagt sie, wenn sie jemanden mit Maske sieht, lacht und schüttelt den Kopf, „so ein Quatsch!“. Abstand halten ist auch nicht so ihr Ding, sie versteht den Grund ja nicht. Beide ins Impfzentrum bugsieren? Irgendwie keine gute Idee.

Der Hausarzt weiß noch nichts

Den Hausarzt anrufen, rät Ministerpräsidentin Malu Dreyer in einem Brief an meinen Vater, der am Freitag eintrifft. Den Hausarzt hatte ich schon angerufen. Natürlich hat der Hausarzt noch keinen Impfstoff. Und er weiß wie alle Hausärzte noch nicht, ob er in drei Wochen, in drei Monaten oder in einem halben Jahr welchen bekommt.

Die Alten sollen zuerst geimpft werden. Ja. Aus gutem Grund. Ist aber gar nicht so einfach.

Einst im Mai: Maria und Johann bei ihrer Hochzeit im Mai 1963.
Einst im Mai: Maria und Johann bei ihrer Hochzeit im Mai 1963.
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