Rheinland-Pfalz
BASF-Prozess: Angeklagter soll aussagen
Am Freitag soll der Angeklagte im Prozess um das BASF-Explosionsunglück zum ersten Mal selbst reden
In einen blauen Wäschekorb packten Ermittler im Oktober 2016 die Einmachgläser mit Bodenproben, die sie am zweiten Tag nach der Katastrophe an der Unglücksstelle entnommen hatten. Und in den folgenden Wochen ließen sie auf grünen Polizei-Lastwagen noch ganz andere Beweisstücke aus dem verwüsteten Rohrgraben im Ludwigshafener BASF-Nordhafen abtransportieren: tonnenschwere Pipeline-Stücke, die bis heute in einer Lagerhalle der Bereitschaftspolizei in Enkenbach-Alsenborn (Kreis Kaiserslautern) ruhen. Schließlich war vier Tage nach dem Inferno an einer dieser Leitungen ein kleiner Flex-Schnitt entdeckt worden, der für die Suche nach der Unglücksursache einen entscheidenden Hinweis lieferte: Seit Anfang Februar steht in Frankenthal ein Mannheimer vor Gericht, der als Monteur einer Fremdfirma eine Pipeline zerlegen sollte. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er versehentlich ins Nachbarrohr schnitt und so ein Feuer entfachte. Dessen Hitze ließ dann weitere Leitungen bersten – in der Feuerwalze starben fünf Menschen, Dutzende weitere wurden verletzt.
Wonach der Anwalt sucht
Ob er die Anklage noch widerlegen will, hat Carsten Tews, der Verteidiger des Mannheimers, im Prozess bislang offengelassen. Doch auch so wird dort erkennbar, wofür er sich besonders interessiert: Er sucht nach Hinweisen darauf, dass der Brand ausgebrochen sein könnte, auch ohne dass sein Mandant einen Fehler gemacht hat. Der hätte demnach doch das richtige, für die Demontage geleerte Rohr bearbeitet. Und dort hätte es auf einmal gebrannt – etwa, weil aus dem restlichen Leitungssystem wieder eine gefährliche Chemikalie eingedrungen war. Allerdings haben Zeugen bis hin zu einem Tüv-Gutachter mittlerweile ausgeschlossen, dass es eine undichte Anschlussstelle zu anderen Pipelines gegeben haben könnte. Verteidiger Tews scheint aber noch auf andere Erklär-Modelle zu setzen, die seinen Mandanten entlasten sollen. Am Freitag jedoch lässt er den Angeklagten erst einmal selbst zu Wort kommen. Der Mannheimer hatte Ermittlern nach dem Unglück zunächst gesagt: Er weiß nicht mehr, was genau er getan hatte, ehe auf einmal eine Stichflamme aufloderte und ihn auch selbst schwer verletzte.
Was der Angeklagte sagen wird
Und im Prozess hat der Mann bislang geschwiegen. Denn erst einmal wollte er hören, was die Zeugen berichten. Allerdings hat sein Anwalt nach RHEINPFALZ-Informationen hinter den Kulissen schon verraten: Auch die Aussagen der Monteur-Kollegen und einiger für die Baustelle zuständigen BASF-Leute haben die Erinnerungslücken seines Mandanten nicht gefüllt. Demnach wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch an diesem Verhandlungstag noch gelten: Beim Angeklagten selbst ist nichts über die entscheidenden Sekunden in Erfahrung zu bringen. Aber immerhin können ihn die Juristen fragen, wie gut er auf seine Aufgabe am Nordhafen vorbereitet worden war. Schließlich hat der Prozess schon gezeigt, dass im Zusammenhang mit Sicherheitsvorkehrungen geschludert wurde. Derartige Nachlässigkeiten im Umfeld könnten die Richter milde stimmen – falls sie den Angeklagten verurteilen. Noch allerdings kann der Verteidiger auch Theorien ausarbeiten, die zeigen: Dass es für das Unglück eine andere Ursache als einen Fehler seines Mandanten gegeben haben könnte, ist zumindest nicht auszuschließen.
Was den Boden interessant macht
Tews könnte dafür zum Beispiel vorbringen, dass im vermeintlich geleerten Rohr noch Inhalt zurückgeblieben war. Der allerdings hätte sich dann ausgerechnet an der Stelle gesammelt, an der die Flex seines Mandanten die Rohrwand durchtrennte. Was eigentlich auch schon ausgeschlossen wurde, weil für eine minutenlang lodernde Stichflamme ziemlich viel Brennstoff hätte zusammenkommen müssen und die Leitung an anderen Stellen bereits komplett zerteilt war. Weshalb der Verteidiger inzwischen dazu tendieren soll, sich dem Boden im Rohrgraben zu widmen. Die Idee dahinter: Wenn dieser Untergrund mit brennbaren Chemikalien getränkt war, hätten die Flex-Funken eines Monteurs dort ganz ohne dessen Schuld ein Feuer entfachen können. Im Prozess könnte daher das Interesse an den Bodenproben wachsen, die Polizisten zwei Tage nach der Katastrophe entnommen hatten. Doch in den Akten steht nicht, was mit ihnen passiert ist. Dabei wurden sie nach RHEINPFALZ-Informationen über die Ludwigshafener Stadtverwaltung an einen Gutachter weitergereicht, sie scheinen also analysiert worden zu sein.
Wofür die Proben gut waren
Doch für die Ergebnisse haben sich die Ermittler gar nicht mehr interessiert. Denn ihnen dämmerte schnell: Mit diesen Proben war vielleicht zu klären, ob durch das Unglück etwas in den Untergrund gesickert ist und nun beseitigt werden muss. Über den Boden-Zustand vor der Katastrophe hingegen konnten ihnen hinterher die Einmachgläser im blauen Wäschekorb keine Erkenntnisse liefern.