Asselheim
Brandgefährliches von Irmgard von Mühlenfels in der Galerie Roter Turm
Menschen hätten nicht die Größe, sämtliche Folgen ihres Handelns abzuschätzen, ob es ums Heiraten geht oder um Waffenlieferungen, sagt die Künstlerin. Sie drückt diesen Aspekt variantenreich durch Hasardeure aus, also Draufgänger, die sich total überschätzen, ähnlich den Erbauern des Turms zu Babel aus der alttestamentarischen Geschichte: Scherenschnitt-Figuren, die sich übereinander stapeln und dabei nur punktuell (zum Beispiel mit einer Zehenspitze) mit dem nächsten verbinden. Aus diesen äußerst instabilen Konstrukten fallen einzelne heraus und stürzen hinab. Von Mühlenfels betont jedoch: „Weltpolitik ist nicht mein Thema.“ Die Wahl-Mannheimerin malt und zeichnet, erschafft dreidimensionale Objekte, fotografiert und schreibt. Nach 2021 stellt sie nun zum zweiten Mal im „Roten Turm“. Zu sehen sein werden rund 30 Bilder, bei denen den Betrachtern vollkommen freie Interpretationsmöglichkeiten gelassen werden.
Die kleinen Dinge im Rinnstein
Es gehe ihr um die kleinen Dinge des täglichen Lebens, die sich ihr präsentieren und die sie für ihre künstlerische Resonanz gebraucht. So wie das abgebrannte Zündhölzchen, das eines Tages zu ihren Füßen im Rinnstein lag. Ihr sei dabei sofort in den Sinn gekommen, dass sich dieses winzige, unscheinbare Etwas für Gutes und für Böses einsetzen lässt. Das hätten Streichhölzer und Worte gemeinsam: Beide könnten viel bewirken, dabei ebenso liebevoll wie zerstörerisch sein – beispielsweise eine Kerze entzünden und etwas Freundliches sagen oder ein Haus niederbrennen und beschimpfen.
Hervorheben möchte die Künstlerin aber vor allem das Positive. So stecken ihre menschlichen Hasardeure auch mal die Köpfe zusammen. „Sie bilden ein Team“, meint die zweifache Mutter, die von sich selbst sagt, dass sie neugierig sei und deshalb gern spiele. Und was beraten die Gestalten? Vielleicht geben die Arbeiten mit Worten darüber Auskunft.
Geheimnisvolle Buchstaben
Mit unterschiedlichen Utensilien, vom feinen Stift bis zum dicken Pinsel, in verschiedenen Schrifttypen und Farben gestaltet sie Bilder mit Buchstaben, die in allen Dimensionen übereinander geschrieben sind – in mehreren Zeilen und in vielen Schichten. Manchmal ist das Ergebnis nicht mehr zu entziffern. Die Komposition der Linien ist mitunter derart verdichtet, dass der Inhalt ein Geheimnis bleibt. „Das macht Hoffnung“, findet von Mühlenfels. Die aus Linz am Rhein stammende Schneiderin, die auch als Übersetzerin tätig war, besuchte die Kunstschule Mannheim-Ludwigshafen von Karl Rödel (1907 bis 1982). Später ging sie auch an die Akademie der Künste in Schwäbisch Hall. „Da hatten wir alle Optionen kreativen Schaffens, von Aktmalerei über Plastizieren und Radierung bis Zeichnen“, erinnert sie sich gern zurück. Von Mühlenfels bildete sich zudem durch zahlreiche Workshops und Kurse, auch im europäischen Ausland, weiter. „Das Lernen hört nie auf“, meint die temperamentvolle Wahl-Mannheimerin.
Die Ausstellung
Die Arbeiten von Irmgard von Mühlenfels sind zu sehen im „Roten Turm“, Eistalstraße 6, Asselheim, vom 7. Juni bis zum 5. Juli, jeden Sonntag von 16 bis 19.30 Uhr oder nach Vereinbarung (Telefon 0621 407133). Vernissage ist am Samstag, 6. Juni, 17 Uhr.