Rheinland-Pfalz Ankläger: Es war Notwehr

Spurensicherung: Eine Beamtin untersucht im vergangenen Oktober das Anwesen in Kirchheim, in dem ein 25-Jähriger seiner Mutter t
Spurensicherung: Eine Beamtin untersucht im vergangenen Oktober das Anwesen in Kirchheim, in dem ein 25-Jähriger seiner Mutter tödliche Verletzungen zufügte und dann von Polizisten erschossen wurde.

«Frankenthal/Kirchheim.»Um das Leben einer schwerverletzten 56-Jährigen ringen die Rettungskräfte noch, die am 19. Oktober in ein Anwesen in Kirchheim (Kreis Bad Dürkheim) geeilt sind. Doch sie kämpfen vergeblich: Die Frau stirbt, nachdem ihr eigener Sohn sie mit Stichen und Schlägen schwer verletzt hat. Der 25-Jährige wiederum ist schon tot, als die Retter eintreffen. Denn auf ihn haben Streifenbeamte aus Grünstadt geschossen. In Notwehr oder doch rechtswidrig? Das hat in den folgenden Monaten die Frankenthaler Staatsanwaltschaft zu untersuchen. Vier Projektile aus der einen, zwei aus der anderen Waffe Allerdings müssen die Strafverfolger dabei auf weitergehende Informationen der beiden Polizisten verzichten. Denn formal gelten der 56 Jahre alte Mann und seine 31-jährige Kollegin als Beschuldigte. Also haben sie das Recht, die Aussage zu verweigern – und das tun sie auch. Anwälte raten bisweilen zu solcher Schweigsamkeit, wenn ihre Mandanten etwas zu verbergen haben. Und immerhin hatten die beiden Beamten gleich sechsmal auf den 25-Jährigen geschossen: Vier Projektile stammen aus der Dienstwaffe der 31-Jährigen, zwei weitere aus der ihres Kollegen. Andererseits hatte der 25-Jährige beide mit einer Schere schon am Kopf verletzt. Obendrein lernen Polizisten in der Ausbildung, dass sie bei einer Stichwaffen-Attacke so lange schießen müssen, bis der Angreifer zusammenbricht. Und der Verzicht auf eine offizielle Stellungnahme kann für Betroffene auch naheliegen, wenn sie davon ausgehen dürfen, dass sie ohnehin entlastet werden. Außerdem liegt den Ermittlern im Kirchheim-Fall vor, was die beiden Beamten gefunkt und was sie Kollegen vor Ort berichtet haben. Dazu kommen Tatort-Analysen und Gutachten. Der 25-Jährige hatte Drogen und Medikamente im Blut Eine nach seinem Tod bei dem 25-Jährigen entnommene Blutprobe zeigt: Er hatte Amphetamine, Cannabis und Antidepressiva genommen. Dieser Cocktail sowie Berichte aus seinem Umfeld und die Krankenakte des jungen Mannes lassen die Staatsanwaltschaft davon ausgehen, dass er tatsächlich ausgerastet ist. Ihre Rekonstruktion des Kirchheimer Dramas sieht so aus: Um 8.07 Uhr alarmiert die 56-Jährige die Polizei, weil sie Angst vor ihrem Sohn hat. Sie sagt am Telefon: Er müsse abgeholt werden, sei psychotisch und aggressiv. Doch als die beiden Beamten – nach offiziellen Angaben „wenige Minuten später“ – vor Ort eintreffen, hat er seiner Mutter schon schwerste Verletzungen zugefügt. Und er attackiert mit seiner Schere die Polizisten. Die feuern daraufhin erste Schüsse ab, doch ihre Treffer können den 25-Jährigen zunächst nicht stoppen. Weshalb sie nach kurzem Zögern erneut abdrücken, so jedenfalls deuten die Ermittler die Aussagen der Ohrenzeugen: Nachbarn, die es knallen hörten und die laut Staatsanwaltschaft tendenziell von zwei Schuss-Wellen mit kurzer Pause dazwischen berichten. Für die Ankläger ist damit klar: Es war Notwehr. Die Polizisten mussten tatsächlich sechsmal schießen, um ihr eigenes Leben zu verteidigen. Und das der schwerverletzten 56-Jährigen, der die Rettungskräfte dann doch nicht mehr helfen konnten.

x