Rheinland-Pfalz Alles worscht?

Nur zu gern wischen Kinder Vergleiche mit früher, als die Welt der Großeltern und selbst der Eltern gefühlt anstrengender und entbehrungsreicher war, leichtfertig vom Tisch. „Ach frühhher! Mammma...!“ heißt es dann – und schon die Hand wedelt das Thema ins Abseits. Letztens aber hörten meine Kinder am Küchentisch gespannt zu, als meine syrische Freundin von ihrer Familie erzählte, die der Bürgerkrieg über die Kontinente verstreut hat. „Ich habe einmal so gelebt wie ihr“, sagte die Syrerin. Mit zwei Autos, einem schönen Haus in Damaskus, gutem Job und der Aussicht, dass alle drei Kinder einmal studieren. Ihre Tochter verschwand in ihrem zweiten Studienjahr in Syrien für mehrere Wochen im Gefängnis, als gegen einen Kommilitonen wegen des Verdachts des Widerstands gegen die Staatsgewalt ermittelt wurde. Niemand wusste, wo sie war. Als sie rauskam, plante die Familie die Flucht. Die mittlerweile geschiedene Frau ging mit ihren Kindern in die Türkei. Die Tochter arbeitet noch immer dort, zuerst kamen die beiden Söhne in die Pfalz, dann die Mutter. Einer der Jungs war damals, 17-jährig, als Fürsprecher für andere minderjährige syrische Flüchtlinge in die RHEINPFALZ-Lokalredaktion Bad Dürkheim gekommen und hatte eine unglaubliche Geschichte erzählt. Von Jungs, ebenfalls minderjährig, die als anerkannte Flüchtlinge zwar ein Recht auf den Nachzug ihrer Familien hatten. Und davon, dass das Recht zu erlöschen drohte, da der 18. Geburtstag nahte und die Papiere teils nach über 15 Monaten noch immer nicht bearbeitet waren. Am Ende konnte zumindest eine Familie sich noch glücklich in den Armen liegen. Und auch jene Syrerin, von der hier die Rede ist, kam noch rechtzeitig von der Türkei in die Pfalz. Ihre Jungs sprechen gut Deutsch. An ein Studium ist dennoch erst einmal nicht zu denken. Dem einen fiel die Schule schwer, er sucht eine Ausbildung. Der andere, er wollte einmal in die IT-Branche, fehlt mit einem syrischen Schulabschluss bislang die Zugangsberechtigung zu einem Studium – und das Geld. Stattdessen hat er in Cafés und Pizzerien gejobbt. Sein Traum: ein eigener Laden. Die Gastronomie sei ohnehin kein einfaches Feld, lernt er bei der Beratung der IHK in Kaiserslautern. Und wie soll er, der Fremde ohne Eigenkapital und Sicherheiten, bei Banken an Geld kommen? Unterstützung für Existenzgründer? Wohl eher etwas auf dem Papier, muss er erfahren – zumindest in dieser Branche. Und: die Mieten für einen schönen Laden in Lautern – vierstellig. Und erst Mannheim: Selbst wenige Quadratmeter sind nicht mehr bezahlbar für einen wie ihn am Berufsanfang. Unterdessen lernt die Mutter Deutsch. Der Alltag fällt ihr nicht leicht. Eine etwas größere Wohnung sucht sie mit Sozialleistungen seit mehr als einem Jahr vergeblich. In der Essensausgabe einer Tafel wurde sie angeschnauzt. Sie ging nie wieder hin. Von konservativen syrischen Frauen wird sie – ohne Kopftuch – für ihr Auftreten gerügt. Sie selbst schaut mitunter kritisch auf eigene Landsleute. Mit den Bildungsfernen unter ihnen kann sie, die studierte Arabischlehrerin, nichts anfangen. Dafür hat die 50-Jährige die erste Sprachprüfung gemeistert. Im Sommer folgt die zweite. Dann ein Praktikum in einem Kindergarten, einer Schule? Weiter lernen! Unvermittelt hält die Syrerin mir das Handy hin. Ein Video läuft. Sie lacht. „Verstehst du das?“ Da spricht einer von „Brootworscht“, die ihm nicht „worscht“ ist, und dem Unterschied zum „Worschtebrot“. Sie lächelt, aber sie versteht nicht die Bohne. Es wird dauern, bis es soweit ist. Und wir am Küchentisch verstehen, dass nichts worscht ist. Früher nicht und heute nicht. Sie will irgendwann wieder zurück in ein befriedetes Syrien. Ein Land, das sie Freunden aus der Pfalz und den USA zeigen will. In der Kolumne „Am Küchentisch“ schreiben Redakteure des Südwest-Ressorts über die Pfalz, ihr Familienleben und den Redaktionsalltag.