Insul RHEINPFALZ Plus Artikel Ahrflut: Nach vier Jahren ist der Wiederaufbau längst nicht erledigt

Blick in eins der Fachwerkhäuser, die freiwillige Helfer derzeit sanieren: Die Linie, ab der Putz abgeschlagen wurde, markiert d
Blick in eins der Fachwerkhäuser, die freiwillige Helfer derzeit sanieren: Die Linie, ab der Putz abgeschlagen wurde, markiert den Wasserstand bei der Ahrflut.

Vier Jahre sind seit der verheerenden Flut im Ahrtal vergangen. Der Wiederaufbau ist längst nicht erledigt. 300 junge Leute arbeiten an Fachwerkhäusern im Örtchen Insul.

Lina Platz legt ihre Hand dorthin, wo im komplett entkernten Erdgeschoss des Fachwerkhauses noch Reste des weißen Kalkputzes zu erkennen sind. „Ungefähr bis hier stand damals das Wasser“, sagt sie. Mit „damals“ meint die 22 Jahre alte Kunstglaserin die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021, als die Ahr zum reißenden Strom wird, 135 Menschen ihr Leben und viele Bewohner ihr Hab und Gut verlieren. Insul im Kreis Ahrweiler gehört zu den Örtchen am Fluss, die vor vier Jahren besonders betroffen waren. Wo bis zur Flut eine mittelalterliche Brücke übers Wasser führte, steht nun ein Ersatzbauwerk des Technischen Hilfswerks. Die frühere Straße endet an einer Abbruchkante.

Durchs Erdgeschoss gerauscht

Und auch wenn das 470-Einwohner-Dorf sich an diesem Sommertag so idyllisch und auch ein bisschen verschlafen präsentiert: Den Wiederaufbau hat Insul noch lange nicht geschafft. Insbesondere gilt das für einige der historischen Gebäude, die an der Hauptstraße und der Brückenstraße stehen. Die Ahr ist einmal ins Erdgeschoss gerauscht, hat die Jahrhunderte alte Konstruktion durchnässt und noch einen Haufen Dreck hinterlassen. Diese enormen Schäden fachmännisch zu beseitigen, die alten Gemäuer wieder bewohnbar zu machen, wirkt beim Blick in die Räume wie ein aussichtsloses Unterfangen.

Das wäre es auch, würde nicht die Deutsche Stiftung Denkmalschutz seit 2023 mit Fluthilfecamps der sogenannten Jugendbauhütten dafür sorgen, dass jeweils zwei Wochen lang insgesamt 300 junge Leute anpacken und – angeleitet von Fachleuten – den Eigentümern der ramponierten Immobilien den Glauben an eine Rückkehr in die eigenen vier Wände zurückgeben.

Camp-Teilnehmerin Lina Platz erklärt die Arbeitsweise in den Jahrhunderte alten Gebäuden in Insul.
Camp-Teilnehmerin Lina Platz erklärt die Arbeitsweise in den Jahrhunderte alten Gebäuden in Insul.
Auf drei Baustellen gleichzeitig wird in dem kleinen Ahrtal-Dörfchen gleichzeitig gearbeitet.
Auf drei Baustellen gleichzeitig wird in dem kleinen Ahrtal-Dörfchen gleichzeitig gearbeitet.
Lehmziegel auf Lehmziegel: Nach wenigen Tagen sind schon große Fortschritte zu sehen.
Lehmziegel auf Lehmziegel: Nach wenigen Tagen sind schon große Fortschritte zu sehen.
Einzelne Elemente, die für die Reparatur des Fachwerks gebraucht werden, entstehen komplett in Handarbeit.
Einzelne Elemente, die für die Reparatur des Fachwerks gebraucht werden, entstehen komplett in Handarbeit.
Bis zum Ende des Fluthilfecamps sollen alle Außenwände dieses Gebäudes wieder verschlossen sein.
Bis zum Ende des Fluthilfecamps sollen alle Außenwände dieses Gebäudes wieder verschlossen sein.
Insul hat rund 470 Einwohner. Derzeit wird auf drei Baustellen parallel gearbeitet.
Insul hat rund 470 Einwohner. Derzeit wird auf drei Baustellen parallel gearbeitet.
Tagsüber wird hart gearbeitet und abends im Camp gemeinsam gegessen.
Tagsüber wird hart gearbeitet und abends im Camp gemeinsam gegessen.
Vor vier Jahren wurde die Ahr bei Insul zum reißenden Strom, der große Schäden im Dorf hinterlassen hat.
Vor vier Jahren wurde die Ahr bei Insul zum reißenden Strom, der große Schäden im Dorf hinterlassen hat.
Wo früher eine mittelalterliche Brücke übers Wasser führte, steht jetzt ein Ersatzbauwerk.
Wo früher eine mittelalterliche Brücke übers Wasser führte, steht jetzt ein Ersatzbauwerk.

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Arbeiten im Urlaub

Lina Platz ist eine von denjenigen, die jetzt wieder rund um den vierten Jahrestag der Ahrflut in neongrünen Shirts an drei Projekten im beschaulichen Insul hämmern, sägen und verputzen. Vor vier Jahren hatte sie ihr Freiwilliges Soziales Jahr als Helferin im Denkmalschutz absolviert, dann ihre Lehre als Kunstglaserin in einem Betrieb in Bad Bergzabern (Kreis Südliche Weinstraße) begonnen. Um bei den Fluthilfecamps dabei sein zu können, hat sie sich – wie viele andere Mitstreiter auch – Urlaub genommen und steht jetzt vor dem Start ins Studium. Das gemeinsame Arbeiten, das Zusammenleben in großen Zelten und der respektvolle Umgang der Teilnehmer miteinander – das alles berührt und begeistert die junge Frau gleichermaßen. „Es hat ein bisschen Festivalcharakter.“

Der größte Antrieb aber ist, wie sie der stellvertretenden Ministerpräsidentin Katharina Binz (Grüne) bei deren Besuch vergangene Woche in Insul berichtet: „Die jetzigen Bewohner sollen das gleiche Ahrtal erleben können wie ihre Eltern und Großeltern.“ Platz hat erlebt, dass die Wirkung der Camps über die konkreten Fortschritte auf den einzelnen Baustellen weit hinausreicht. Vielfach hätten die Betroffenen der Flut auch die Gelegenheit genutzt, ihre Geschichten zu erzählen, ihre Gefühle loszuwerden. „Vielleicht vertraut man sich jungen Leuten etwas leichter an“, vermutet die 22-Jährige. Insofern trage die Aktionen auch etwas zum gegenseitigen Verständnis der Generationen bei.

Gefühl fürs Material

Neben dem Zwischenmenschlichen lernen sie und die anderen junge Männer und Frauen aber auch in ihren jeweiligen Berufen einiges dazu. Handwerk sei vielfach so stark auf den Einbau konfektionierter Teile beschränkt, dass das Werkeln an den Häusern in Insul eine Rückkehr zu althergebrachten Fertigkeiten bedeute, sagt Angela Krug von der Bonner Geschäftsstelle der Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste, die den Freiwilligendienst mitorganisiert. Elemente wie eine Holzschwelle für die Fachwerkscheune in der Brückenstraße herzustellen, dafür brauche es Geschick und Gefühl fürs Material.

Steffen Skudelny, Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, freut sich, als er an den Balken die dreieckigen Leisten entdeckt, die der Wand später zusätzliche Stabilität geben sollen. „Solche Details sind beeindruckend.“ Die mehreren Hunderttausend Euro Kosten für Material, Unterbringung und Verpflegung der Helfer würden über Spenden eingeworben – aus Skudelnys Sicht eine lohnende Investition, um für den Erhalt historischer Bauwerke künftige Fachleute zu begeistern.

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