Rheinland-Pfalz Überraschungsfund in Nizza

Stillleben eines venezianischen Malers – entdeckt auf einem südfranzösischen Flohmarkt.
Stillleben eines venezianischen Malers – entdeckt auf einem südfranzösischen Flohmarkt.

«KAISERSLAUTERN.» Einen Rembrandt hat an diesem Nachmittag leider niemand auf dem Dachboden gefunden, doch die Auswahl ist nicht schlecht: Ölgemälde, Radierungen, Zeichnungen, Aquarelle und ein Farbholzschnitt. Heinz Höfchen ist zufrieden. Sensationsfunde erwartet er überhaupt nicht. Der Leiter der grafischen Abteilung des Museums Pfalzgalerie in Kaiserslautern interessiert sich für jedes Kunstwerk, das ihm gezeigt wird. Die Publikumsberatung, die Höfchen einmal monatlich in der Galerie anbietet, ist sein Steckenpferd. „Ich weiß ja vorher nie, was die Leute vorbeibringen“, sagt er. „Es ist jedes Mal spannend.“ Heute kommt das beste Bild zum Schluss. Markus Gräf war mit seiner Frau eine Woche in Nizza und hat dort auf dem Flohmarkt ein großformatiges Stillleben gekauft. 200 Euro war dem Kaiserslauterer das Gemälde wert. Heinz Höfchen zieht die Luft hörbar ein. Sehr genau studiert er die Malerei und schmunzelt ein wenig über den auf antik getrimmten Rahmen. „Da haben Sie nichts falsch gemacht“, sagt er. „Der Rahmen ist neu, aber das Bild ist alt. Mit sehr schönem Craquelé.“ Das Ölgemälde zeigt auf seiner Oberfläche deutliche Altersspuren, ein maschenartiges Netz von kleinen Rissen oder Sprüngen, das sogenannte Craquelé. Auch beim Namen kann Hübchen weiterhelfen. Die Signatur könnte vom venezianischen Maler Matteo Marinelli stammen, der im 18. Jahrhundert Heiligenbilder malte. Gräfs Bild ist ein Stillleben mit Krug, prallen Früchten und Weingläsern. Höfchen rät dem Ehepaar, jetzt nach einem schlichten Rahmen aus dieser Zeit Ausschau zu halten: „Dann haben sie etwas richtig Gutes.“ Angetan ist der Kunsthistoriker auch von dem kleinen Gemälde, das eine Südwestpfälzerin behutsam aus ihrer Tasche holt. Sie hat es von ihrer Oma in Waldfischbach geerbt und will es weiterhin in Ehren halten. Sehenswert ist schon der verschnörkelte Goldrahmen. Die echte Malerei – Kätzchen, die sich auf einem Sofa räkeln – wurde verglast. „Sehr nett gemalt“, sagt Höfchen. Er tippt auf Ende 19. Jahrhundert: „Vielleicht ein Maler der Münchener Schule. In der Pfalz gab es damals keine Katzenmaler.“ In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seien häufig Katzen gemalt worden, erzählt er. „Die Menschen mochten das.“ Bis zu 1000 Euro könnte das Bild wert sein, schätzt der Fachmann. „Ich würde es auch nicht verkaufen“, sagt er. „Das ist etwas fürs Herz.“ Seit 1985 gibt es die Publikumsberatung in der Pfalzgalerie. Höfchen und die damalige Leiterin Gisela Fiedler-Bender entwickelten die Idee gemeinsam. „Wir konnten keine Hausbesuche machen, um uns Bilder anzusehen“, so Höfchen. „Die Leute mussten herkommen.“ Anfangs seien Interessenten aus ganz Deutschland angereist. „Damals waren wir die einzigen, die das angeboten haben. Inzwischen ahmen uns viele Museen nach.“ Geschätzt werden die Bilder und Skulpturen nicht. Zwar wollen viele Ratsuchende wissen, was ihre Kunstwerke wert sind. Doch Höfchen gibt bestenfalls vage Hinweise, wenn er weiß, welchen Preis ein vergleichbares Werk bei einer Auktion erzielt hat. Dreimal in über 30 Jahren saß Höfchen bei seiner Publikumsberatung alleine da. Meist kommen zwei bis drei Leute, manchmal sind es 20. Wenn Ölgemälde aus dem Kaufhaus vorbeigebracht werden, muss der Kunstliebhaber die hoffnungsvollen Erben enttäuschen. Das sei dann halt leider der kleine, aber feine Unterschied zwischen Kunst und Kitsch. Der 64-Jährige hat bei seiner Beratung aber auch schon Picasso-Grafiken sowie Gemälde von Max Slevogt oder Otto Dill zu Gesicht bekommen. Die Pfalzgalerie kauft allerdings nur noch zeitgenössische Kunst. Höfchens Auskunft nach kann der Bestand aus Kostengründen nur noch auf diesem Weg erweitert werden. Die Galerie ist stolz darauf, dass sie in den 1960er Jahren für 30.000 Mark ein Schnittbild des italienischen Avantgardekünstlers Lucio Fontane erworben hat, das heute rund zehn Millionen Euro wert ist. So viel Glück hat Jürgen Funk aus Enkenbach-Alsenborn nicht. Das Ölgemälde, von dem er sich trennen möchte, ist das Werk eines unbekannten Hobbymalers aus den 1950er Jahren. „Macht nichts“, sagt er. Funk will das Bild trotzdem verkaufen. Das hübsche Motiv finde garantiert einen Liebhaber, meint Höfchen. Eine Überraschung erlebt Gerhard Söhnchen aus Landstuhl. Die dunkle Gebirgslandschaft vom Trödelmarkt, die von seiner Frau in die Diele verbannt wurde, entpuppt sich als Werk aus dem 19. Jahrhundert. Höfchen empfiehlt, das Bild reinigen zu lassen. „Sie werden staunen, wie hell das Sonnenlicht auf die Kapelle scheint.“ Auch der schwarze Rahmen sei es wert, aufgearbeitet zu werden. Bei einem der beiden Drucke, die Michael Wachter bei einer Haushaltsauflösung gefunden hat, handelt es sich um eine Architekturskizze von Horst Römer. Sie zeigt die Adlerapotheke in Kaiserslautern. Ute Gilbert ist von ihrem Garten direkt zur Pfalzgalerie gefahren, um einen Farbholzschnitt begutachten zu lassen. Sie strahlt, als sie hört, dass er von einem namhaften Pfälzer Künstler ist. Rolf Müller-Landaus „Helle Mondlandschaft“ aus den 1950er Jahren wurde von einem Bekannten günstig auf dem Flohmarkt ergattert und ist jetzt um die 1000 Euro wert. INFO Nächste Publikumsberatung in der Pfalzgalerie Kaiserslautern am 5. Dezember, 14.30 bis 17 Uhr. Kosten: 5 Euro. Keine Anmeldung erforderlich.

Stiefmütterlich behandelt: Fundstück aus dem 19. Jahrhundert.
Stiefmütterlich behandelt: Fundstück aus dem 19. Jahrhundert.
Heinz Höfchen betrachtet mit Ute Gilbert den Farbholzschnitt.
Heinz Höfchen betrachtet mit Ute Gilbert den Farbholzschnitt.
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