Pfalz
Überlastete Bereitschaftspraxen: Wird Ostern so schlimm wie Weihnachten?
Wohin soll ich mich wenden, wenn ich über die Feiertage krank werde und einen Arzt brauche?
Für potenziell lebensbedrohliche Erkrankungen sind natürlich Notärzte und der Rettungsdienst zuständig. Wer hingegen eigentlich ein Fall für den Hausarzt wäre, muss nachts oder an Feiertagen zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung. Der ist über die Einheitsnummer 116117 erreichbar. Am Telefon meldet sich dann medizinisch geschultes Personal, das übers weitere Vorgehen entscheidet: Dem Patienten wird gesagt, ob er auf Hausmittel setzen, in eine Bereitschaftspraxis oder gar ins Krankenhaus soll. Es kann auch ein Mediziner für einen Hausbesuch vorbeigeschickt werden.
Wie gut hat das System über Weihnachten und den Jahreswechsel funktioniert?
Da war es völlig überlastet. Telefonisch war zeitweise kein Durchkommen, die Patienten wurden per Ansage direkt in die Bereitschaftspraxen geschickt. Dort bildeten sich dann lange Schlangen. Kranke mussten auf der Straße ausharren, die Wartezeit wurde phasenweise auf bis zu sechs Stunden beziffert.
Wo war das Problem?
Der Ansturm war außergewöhnlich groß: Zwischen Heiligabend und Neujahr kamen laut einer Auswertung knapp 50 Prozent mehr Menschen in die Bereitschaftspraxen als im gleichen Vorjahreszeitraum. Die Kassenärztliche Vereinigung kritisierte danach zunächst die Patienten: Viele Menschen seien wegen Bagatell-Beschwerden aufmarschiert. Einige Wochen später verlegte sie sich dann auf Kritik an der Politik, beklagte allgemeinen Ärztemangel und forderte Arbeitgeber dazu auf, zum Jahreswechsel künftig auf ärztliche Krankschreibungen zu verzichten. Der Unternehmer-Landesverband allerdings konterte: Weil die „allermeisten“ Firmen ohnehin erst ab dem dritten Fehltag so eine Bescheinigung einfordern, laufe die Forderung „volle Lotte ins Leere“.
Hatte die Kassenärztliche Vereinigung selbst Fehler gemacht – etwa indem sie zu wenig Personal für die Bereitschaftsdienste organisierte?
Die Kassenärztliche Vereinigung hat keine eigenen Fehler eingestanden, sich stattdessen auf fehlende Information berufen: Weil Praxen Schließungen erst ab einer Woche Dauer melden müssen, habe sie nicht gewusst, wie viele Hausärzte rund um Weihnachten tatsächlich außer Dienst sind.
Wie ist die Ausgangslage diesmal?
Jakob Emrich ist Allgemeinmediziner in Ludwigshafen und im Vorstand des Medizinerverbands Go-Lu mit 160 Mitgliedern im Raum Ludwigshafen, Frankenthal und Bad Dürkheim. Er sagt: Die aktuelle Infektionswelle hatte ihren Höhepunkt im Februar und Anfang März. Sie wird sich nun vermutlich weiter abflachen, aber noch bis über Ostern hinaus anhalten. Gleichzeitig sind in der Kar- und Osterwoche wieder viele Praxen geschlossen, wobei deren Patienten normalerweise zunächst von Nachbarärzten versorgt werden sollen. Die Bereitschaftsdienst übernimmt von 19 bis 7 Uhr sowie an den Wochenend- und Feiertagen.
Eine noch nicht ganz überstandene Krankheitswelle und viele geschlossene Praxen: Unterm Strich könnte über Ostern also wieder einiges auf die Bereitschaftspraxen zukommen. Sind sie besser gerüstet als vor Weihnachten?
Der Landes-Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) sagte Mitte Januar im RHEINPFALZ-Interview: Die Kassenärztliche Vereinigung „hat uns zugesagt, dass sie an solchen Tagen mehr Personal einsetzen wird“. Tatsächlich wird zum Beispiel die Bereitschaftspraxis in Landau am Karfreitag und über Ostern im Tagesdienst mit mehr Personal und damit in Maximalbesetzung antreten. Nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gilt das auch für andere Anlaufstellen in der Pfalz. Einen Richtwert, wie lange Patienten maximal warten sollten, gibt es laut KV nicht.
Was könnte die Kassenärztliche Vereinigung sonst noch besser machen?
Pfälzer Medizinern fällt da einiges ein. Die Südpfalz-Docs – ein Zusammenschluss überwiegend junger Ärzte in der Region – empfehlen dem Bereitschaftsdienst Telefon- und Videosprechstunden. Manches ließe sich so schnell abklären, und den Patienten bliebe das stundenlange Ausharren im Wartezimmer erspart. Außerdem könnten so Ärzte eingebunden werden, die keinen kompletten Nachtdienst in einer Zentrale übernehmen wollen, aber die Kollegen dort von daheim aus entlasten. Der Go-Lu-Arzt Emrich aus Ludwigshafen bemängelt, wie die Kassenärztliche Vereinigung den Bereitschaftsdienst organisiert. Ein Beispiel: Wer dafür vorgesehen ist und dann ausfällt, muss selbst eine Kollegen-Liste abklappern und so Ersatz finden. Das klappe aber nicht immer. Emrich meint: Damit die Bereitschaftsdienst-Plätze auch wirklich besetzt werden, sollte sich Kassenärztliche Vereinigung um die Vertreter-Suche kümmern.
Was sagen das Landes-Gesundheitsministerium und die Kassenärztliche Vereinigung zu solchen Anmerkungen?
Das Gesundheitsministerium hält sich raus, ein Sprecher erläutert: Die Kassenärztliche Vereinigung habe „bei der Organisation des vertragsärztlichen Bereitschaftsdienstes einen weiten Gestaltungsspielraum“. Zur Videosprechstunden-Idee gib’s dann aber doch einen Wink aus Mainz: Das Ministerium stehe „allen Formen der Telemedizin aufgeschlossen gegenüber“, wenn Patienten auf diesem Weg besser versorgt und Ärzte entlastet werden können. Auch die Kassenärztliche Vereinigung selbst hatte dafür Mitte Januar schon Offenheit erkennen lassen und fürs laufende Jahr einen Videosprechstunden-Pilotversuch angekündigt. Wie weit die Vorbereitungen dafür mittlerweile gediehen sind, lässt sie im Moment aber offen. Den Start will sie noch bekanntgeben.