Rheinland-Pfalz Über die Etikette vor den Etiketten

91-84629920.pdf

O tempora, o mores! Oh Zeiten, oh Sitten! Wie sich unser Leben doch verändert hat. Früher saßen die Pfälzer zufrieden mit einem Schoppen auf harten Biergarnituren, heute nippen sie auf trendigen Sitzmöbeln an ihren Stilgläsern. Früher trugen sie ihr Geld zur Bank und holten ihren Wein aus dem Keller. Demnächst tragen sie beides zur Bank und erhalten nur den deponierten Wein zurück. Im Juli soll es so weit sein. Dann wird in Wachenheim die erste Pfälzer Weinbank eröffnet. Ähnliche Depots für gut betuchte Weinfreunde gibt es bereits im Rheingau, in Frankfurt und in Hamburg. Weitere sind in Mainz und Wien geplant. Zum besseren Verständnis: Die „Winebank Pfalz“ ist ein Franchise-Unternehmen. Der exklusive Club bietet seinen zahlenden Mitgliedern die Möglichkeit, über 40.000 Flaschen Wein unter optimalen, klimatischen Bedingungen im historischen Gewölbekeller des ehemaligen Rettinger Hauses zu lagern. Dazu wurden in den fast 400 Jahre alten Wachenheimer Keller sieben Tresore mit 320 Fächern eingebaut. Daneben gibt es begehbare Tresorschränke, die bis zu 2700 Flaschen fassen können. Sie sind so groß, dass sich die Mieter mit Tisch und Stühlen dorthin zurückziehen können, um ihre Weine in aller Ruhe zu probieren. Wer ein Fach mietet, wird automatisch Clubmitglied. Das kostet je nach Größe des Tresorfachs zwischen 49 und 164 Euro monatlich. Ins kleinste Fach passen 35 Flaschen, die größten sind für maximal 150 Weinflaschen gedacht. Für den großen Tresorschrank müssen jeden Monat stolze 900 Euro berappt werden. Knapp 50 Fächer sind bislang vergeben, eines davon an eine junge Sommelière mit Platzproblemen. Gedacht sind die Tresore für Sammler und Weinliebhaber, die mehr Wein kaufen, als sie trinken und daheim lagern können. Im Nachhinein betrachtet, finden sich in der Pfalz ja schon Facebook-Gruppen und andere Clubs, die sich intensiv und genießerisch mit dem Thema Wein befassen. Wozu also auch noch Winebanker in Wachenheim werden? Aber wahrscheinlich wird es für Golfspieler irgendwann unumgänglich sein, neben Sportwagen und Segelboot auch noch einen gut gefüllten Weintresor zu besitzen. Schließlich wirbt die Pfälzer Weinbank dezidiert mit ihrer Exklusivität. Noch ist der Umbau nicht ganz fertig, doch Geschäftsführer Christoph König verspricht seinen künftigen Mitgliedern ein stilvolles Ambiente im restaurierten Ensemble aus dem Spätbarock. Oben erwartet den Jäger und Sammler besonderer Weine ein repräsentativer Empfangsraum mit einer Deckenhöhe von acht Metern. Darunter befinden sich die beiden miteinander verbundenen Gewölbekeller sowie eine blitzblanke Theke. Auf dem Boden Buntsandstein, dazu elegante Gläser, indirekte Beleuchtung – alles architektonisch wirkungsvoll in Szene gesetzt. Wer ein Fach mietet, kann nicht einfach im Blaumann oder Winzerkittel in den Keller stolpern. Die Etikette vor den Etiketten muss gewahrt werden. Zwar ist weder Sakko noch Krawatte vorgeschrieben, erwartet wird jedoch ein gepflegtes Erscheinungsbild. Dafür kann man seine gebunkerten Weine rund um die Uhr vor Ort probieren oder mit nach Hause nehmen. Dank Members Card stehen den Mitgliedern alle Weinbanken offen. O tempora, o mores!

x