Tiere RHEINPFALZ Plus Artikel Wellensittiche und die „Endlosschleife“

Äste, Äste, Äste: Wer seinen Wellensittichen etwas Gutes tun will, sollte ihnen Knabberspaß mit Grün gönnen.
Äste, Äste, Äste: Wer seinen Wellensittichen etwas Gutes tun will, sollte ihnen Knabberspaß mit Grün gönnen.

Wellensittiche sind an sich unkomplizierte Mitbewohner – wenn man ihren Ansprüchen gerecht wird. Was passieren kann, wenn man sich die bunten Vögel ins Haus holt, schildert der Auftakt unserer Serie rund um Wissenswertes über die gefiederten Australier.

Wellensittiche sind an sich unkomplizierte Mitbewohner – wenn man ihren besonderen Ansprüchen gerecht wird. Was passieren kann, wenn man sich die bunten Vögel ins Haus holt, schildert der Auftakt unserer Serie rund um Wissenswertes über die gefiederten Australier. Manchmal sucht man sich tierische Mitbewohner nicht selbst aus – sie ziehen ein, weil es die Umstände erfordern, ihnen eine neue Heimat zu geben. So geschehen mit den beiden Wellensittichen einer Verwandten, die ins Seniorenheim zog und ich mich – einigermaßen erfahren in der Betreuung gefiederter Hausgäste – anbot, die Herrschaften aufzunehmen.

Zu Hunderten leben Wellensittiche in ihrer Heimat Australien in Schwärmen zusammen.
Zu Hunderten leben Wellensittiche in ihrer Heimat Australien in Schwärmen zusammen.

Zunächst wird die Checkliste rausgeholt. Wichtigste Punkte: Ist die vorhandene Voliere groß genug für zwei? Kann gefahrlos Freiflug gewährt werden? Wie machen wir das mit der Betreuung in Urlaubszeiten? Alles okay. Trotz Katze. Die ist Freigängerin. Ist sie im Haus, bleibt die Volierentür zu – wenn kein menschliches Wachpersonal da ist. Ein eigenes, abgeschlossenes Vogelzimmer ist zurzeit leider nicht möglich.

Alleinsein geht nicht

Bald aber zeigt sich, dass Volieren mit Spitzdach denkbar ungeeignet sind, wenn man den Vögeln einen sicheren, hohen Lande- und Spielplatz jenseits von Schränken und Regalen bieten will. Eine neue, größere (und teure) muss her. Außerdem kündigt sich bald „Nachwuchs“ an. Bei einer guten Freundin sind kurz hintereinander drei Sittiche an Altersschwäche gestorben. Zurück ist ein Vögelchen – ebenfalls im reiferen Alter von etwa acht Jahren – geblieben.

Rosie, Sam und Merry dürfen raus aus dem Käfig.
Rosie, Sam und Merry dürfen raus aus dem Käfig.

Alleinsein, das geht bei Schwarmtieren überhaupt nicht. Die grüne Dame darf also zu den beiden Herren einziehen, die sie alsbald nach Belieben kommandiert. Einen der beiden erwählt sie sich als Schmusepartner. Ein Glücksfall, denn es ist wie bei uns Menschen auch bei Wellensittichen nicht selbstverständlich, dass sich alle miteinander vertragen.

Lautstarkes Geschwätz

Apropos Schmusen: Wer Männchen und Weibchen zusammen hält, sollte ihnen möglichst keine Nistmöglichkeiten bieten. Es sei denn, man will ernsthaft züchten, was seit einigen Jahren ohne behördliche Genehmigung möglich ist. Ohne die dafür nötige Erfahrung kann das allerdings für Tier und Mensch schnell in einem Fiasko enden. Hygiene, Ausschluss von Erbkrankheiten, Ernährung und ausreichendes Platzangebot sind nur vier von vielen Punkten, die hier eine Rolle spielen.

Nicht zu vergessen – Wellensittiche sind in Gesellschaft äußerst mitteilungsbedürftig. Das „Geschwätz“ kann in der Familie schnell zum Streitpunkt werden, wenn man sein eigenes Wort nicht versteht. Andererseits hat das leisere Vogel-„Geknusper“, das in der Dämmerung einsetzt, eine beruhigende Wirkung nach einem stressigen Arbeitstag.

Vögel als Fußgänger

Aber auch das schönste Miteinander kann schnell enden. Dass ein Wellensittich alt wird, kann man zunächst gar nicht so leicht sehen. Die grüne Dame namens Lola zum Beispiel ist mit ihren zehn Jahren noch flott unterwegs. Ihre kaum jüngeren Lebensgefährten dagegen sind weniger mobil, plustern sich plötzlich auf, schlafen häufiger und stellen kurz hintereinander von heute auf morgen das Fressen ein. Am folgenden Tag liegen sie tot auf dem Sitzbrett. Etwa acht Jahre sind sie alt geworden. Und Lola ist schon wieder allein.

Die grüne Dame war bisher die neugierigste unter den Sittichen.
Die grüne Dame war bisher die neugierigste unter den Sittichen.

Gruppenhaltung von Wellensittichen bedeutet im Prinzip eine Art „Endlosschleife“: Bleibt einer alleine übrig, muss zu seiner Gesellschaft mindestens ein weiterer angeschafft werden. Schön wäre es, wenn man einen seriösen Züchter, keinen „Vermehrer“, an der Hand hat, oder sich im Tierheim erkundigt. Leider gibt es da für Lola im Augenblick in der Umgebung keine neuen Partner. Es muss zudem schnell gehen, sonst trauert sie. Wer im Zoo-Fachhandel kauft, sollte sicher sein, dass die Wellensittiche dort aus seriöser Zucht stammen und tierärztlich untersucht worden sind.

Schneller Abschied

Sam und Frodo sind es. Und – wen wundert’s – auch diesen beiden jungen Männern zeigt Lola gleich, wo es langgeht. Frodo ist ihr Erwählter, und er füttert sie aufopferungsvoll, als ihr das Alter schließlich doch zu schaffen macht. Sie ist munter, fliegt aber nicht mehr und wird zur „Fußgängerin“. Die Voliere wird umgebaut, sodass Lola mithilfe von Treppen und Stangen das bequeme Sitzbrett gut erreichen kann. Sie lebt noch gut ein Jahr. Der Abschied von ihr kommt innerhalb von nur einem Tag. Dann der Schock: Nur ein Jahr später wird Frodo krank. Die Tierärztin diagnostiziert einen großen Tumor im Bauchraum. Nicht heilbar.

Wer Kinder im Haushalt hat, sollte sie unbedingt auf den Tod des geliebten Tieres vorbereiten. Nicht nur das Alter kann sich unterschiedlich auswirken, auch Krankheiten gibt es bei Wellensittichen leider viele. Nicht immer sind sie bei Vögeln schnell zu erkennen. Auch bei Frodo nicht. Er plustert sich nur vermehrt auf, aber das kann auch beginnende Mauser sein. Wellensittichhalter sollten daher gut auf Verhaltensänderungen aufpassen und sich nicht scheuen, einen Tierarzt aufzusuchen. Am besten einen, der sich mit Federvieh auskennt. Auf verschiedenen Plattformen im Internet wie etwa welli.net gibt es Adressen hierzu.

Zum Glück lernt man bei Tierärzten auch Menschen kennen, die im Tierschutz unterwegs sind und die Problematik der „Endlosschleife“ kennen. Beim Tierschutzverein leben immer wieder Wellensittiche als Abgabe- und Fundtiere. Zwei davon, Rosie und Merry, leben jetzt mit Sam in Harmonie zusammen. Sams bester Kumpel Frodo hat sich in der ersten gemeinsamen Nacht, die die Neulinge zur Eingewöhnung noch im eigenen Käfig neben der Voliere verbracht haben, still und leise auf die Reise gemacht. Als habe er geahnt, dass sein Freund nicht alleine zurückbleibt.

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