Gesundheit
Warum bei Kosmetik weniger mehr ist
Zehn verschiedene Hautpflegeprodukte? „Das ist viel zu viel“, sagt Utta Petzold, Dermatologin bei der Krankenkasse Barmer. „Ich empfehle, so wenige Pflegeprodukte wie möglich zu verwenden.“ Wer es damit übertreibt, kann dem Ökosystem seiner Haut schaden – vor allem dann, wenn die Mittel nicht auf den tatsächlichen Bedarf der Haut abgestimmt sind, nicht zum Hauttyp passen oder unverträglich sind.
„Eine gesunde Haut, die nicht spannt, braucht nichts – außer Sonnenschutz“, sagt Christiane Bayerl, Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Wichtig sei aber die abendliche Reinigung. „Eine Umfrage hat ergeben, dass etwa 70 Prozent der Jugendlichen am Wochenende ins Bett geht, ohne Make-up, Schweiß und Schmutz aus dem Gesicht zu entfernen. Das ist natürlich nicht gut“, so die Professorin. Schminkreste und Talg verstopfen nämlich die Poren, sodass leicht Pickel entstehen können.
Warum die Kosmetik zur Haut passen muss
Abgesehen davon können auch Luftschadstoffe der Haut anhaften und ihr zusetzen. Inzwischen weiß man, dass Feinstaub die Haut reizt und Krankheiten wie Neurodermitis befördert. Zudem lassen uns Schadstoffe auf Dauer alt aussehen: Schon vor Jahren zeigten Forscher der Universität Düsseldorf in einer Studie mit 400 älteren Frauen, dass es wahrscheinlich einen Zusammenhang zwischen Umweltbelastung und Hautalterung gibt. So hatten Teilnehmerinnen, die an ihrem Wohnort vielen Luftschadstoffen ausgesetzt waren, auch mehr Altersflecken als solche, die in einer weniger verschmutzten Umwelt lebten. Daher empfiehlt Bayerl, die Gesichtshaut abends sanft zu reinigen. „Wasser allein reicht nicht. Man sollte schon eine waschaktive Substanz verwenden“ sagt die Expertin der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Geeignet sind Produkte mit einem pH-Wert von etwa 5. Anders als Seife greifen sie den Säureschutzmantel der Haut, der ebenfalls in diesem Bereich liegt, nicht an.
Und das reicht? Es kommt darauf an. „Es ist individuell ganz verschieden, was die Haut braucht“, sagt der Münchner Hautarzt Christoph Liebich. Trockene Haut zum Beispiel benötige Unterstützung. Cremes mit Fett- und Feuchtigkeitsfaktoren, die speziell für trockene Haut entwickelt wurden, können die natürliche Schutzbarriere stärken. Welches Produkt das richtige ist, hängt von weiteren Gegebenheiten ab: Im Winter sind tendenziell fettreichere Cremes empfehlenswert, da Kälte und Heizungsluft die Haut zusätzlich austrocknen.
Wichtig ist, dass die Produkte zum Hauttyp passen. Wer sich unsicher ist, profitiert von einer Beratung durch eine Dermatologin oder einen medizinischen Kosmetiker. Manches ist aber auch offensichtlich: „Wenn zum Beispiel Teenager die Anti-Aging-Creme der Eltern verwenden, kommt es schnell zu Pickeln oder anderen Problemen“, sagt Liebich. Produkte für reife Haut sind – unter anderem – eher fetthaltig und daher für ohnehin fettige Haut völlig ungeeignet. Vor diesem Hintergrund sorgten im Frühjahr Tiktok-Videos für Aufregung, in denen Kinder teure Anti-Falten-Cremes anpriesen.
Aber nicht nur zu viel Fett, auch zu viel Feuchtigkeit kann ein Problem sein. Eine Überversorgung mit Moisturizern und feuchtigkeitsspendenden Masken führt dazu, dass die Hornschicht der Haut aufquillt. Ein solches „zu viel“ an Pflege oder auch die Verwendung ungeeigneter Produkte kann zum Beispiel eine „periorale Dermatitis“ auslösen: lästige Pusteln, die sich im ganzen Gesicht zeigen können. „Früher dachte man, Kortisonbehandlungen seien die Ursache. Inzwischen ist klar, dass auch Überpflege zu diesen Hautproblemen führen kann. Das Ökosystem der Haut wird überlastet“, sagt Utta Petzold von der Barmer.
Worauf man nicht verzichten sollte
Wer vor diesem Hintergrund sämtliche Kosmetika einsparen möchte, sollte auf eines nicht verzichten: das Gesicht täglich mit Sonnenschutzmittel einzucremen. „Ein hoher Lichtschutzfaktor ist das A und O bei der Gesichtspflege“, sagt der Münchner Hautarzt Liebich. Das hat medizinische und kosmetische Gründe: Sonnencreme beugt sowohl Hautkrebs als auch Falten und vorzeitiger Hautalterung ein Stück weit vor. Reicht auch eine Tagescreme mit Lichtschutzfaktor? Optimal ist das nicht. Solche Pflegeprodukte schützten zwar vor UVB-, aber meist nicht ausreichend vor UVA-Strahlung, warnt Christiane Bayerl. „Sie können daher eine klassische Sonnencreme nicht ersetzen“, so die Ärztin. Auf der sicheren Seite ist man, wenn man auf das UVA-Siegel (ein Kreis mit den Buchstaben UVA) achtet. Nur Produkte, bei denen der UVA-Schutz mindestens ein Drittel des UVB-Schutzes beträgt, dürfen dieses Siegel tragen.
Außer Sonnenschutz ist der Verzicht auf das Rauchen das beste Mittel, um einer Hautalterung vorzubeugen. Wer etwas gegen bestehende Fältchen tun möchte, sieht sich mit einer gigantischen Flut an Produkten konfrontiert, die von ihren Herstellern vollmundig angepriesen werden. Haben sie überhaupt eine Wirkung? Viel sollte man von ihnen nicht erwarten. Immerhin ist für einige Stoffe nachgewiesen, dass sie Anti-Aging-Effekte haben. Das heißt aber nicht, dass Cremes, die einen solchen Stoff enthalten, ebenfalls wirken – es kommt auf Dosierung, Zusatzstoffe und viele weitere Faktoren an.
„Am besten untersucht sind Vitamin-A-Säure-Präparate wie Retinol und Retinaldehyd. Sie regen unter anderem den Kollagenaufbau an“, sagt Bayerl. Frauen mit Kinderwunsch oder Schwangere sollten sicherheitshalber aber auf den Stoff verzichten, da Vitamin-A-Säure das ungeborene Kind schädigen kann. Außerdem macht sie lichtempfindlich, sodass man die Produkte nur abends anwenden und tagsüber Sonnencreme auftragen sollte.
Ein ebenfalls bewährter Anti-Aging-Klassiker ist laut Bayerl Vitamin C, das die Haut elastischer macht und gegen Pigmentflecken wirken kann. Darüber hinaus gibt es weitere Vitamine, pflanzliche Polyphenole und Hormone, bei denen Effekte gezeigt wurden. Auch Hyaluronsäure dient als Feuchtigkeitsspender und kann die Haut vorübergehend frischer aussehen lassen. Theoretisch gibt es also viele Möglichkeiten – aber wie könnte eine Gesichtspflege für die reife Haut ganz praktisch aussehen? Bayerl schlägt Folgendes vor: morgens ein Produkt mit einer „Radikalfängermischung“ (etwa Vitamin C, E, Niacin) und darauf Sonnenschutz auftragen, abends Retinol-Creme. Das klingt um einiges einfacher als ein Zehn-Punkte-Plan. Die gewonnene Zeit könnte man in Schlaf investieren – auch der soll schließlich schön machen.