Gesundheit RHEINPFALZ Plus Artikel Vollnarkose: Die große Angst, nicht mehr aufzuwachen

Wissen ist die beste Beruhigung: Wer sich genau über seine Narkose informiert, macht sich oft weniger Sorgen.
Wissen ist die beste Beruhigung: Wer sich genau über seine Narkose informiert, macht sich oft weniger Sorgen.

Fragen und Antworten: Der Bewusstseinsverlust bei einer Vollnarkose bereitet vielen Menschen Sorge. Experten erklären, wie sie mit den Bedenken der Patienten umgehen und was bei einer Vollnarkose genau passiert. Wichtig zu wissen: Auch Patienten können dazu beitragen, dass eine Narkose ohne Komplikationen abläuft.

Noch mehr Papiere, noch mehr Risiken und mögliche Nebenwirkungen: Spätestens wenn die Einverständniserklärung zur Vollnarkose unterschrieben werden muss, wird es den meisten Patienten mulmig. Schließlich begeben sie sich freiwillig ins künstliche Koma, sind den Ärzten während der Operation komplett ausgeliefert. Und wer garantiert einem, dass man nach dem Eingriff wirklich wieder aufwacht?

Viele Patienten fürchten die Vollnarkose mehr als die eigentliche Operation. Zu Recht?
Nein – zumindest nicht, was das Risiko bei der Vollnarkose anbelangt. Diese gilt der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin zufolge als sehr sicher. In Zahlen ausgedrückt liegt die Wahrscheinlichkeit, an einer Vollnarkose zu sterben bei weit unter einem Prozent – genauer zwischen 0,008 und 0,009 Prozent, wie der Bundesverband für ambulantes Operieren erklärt. Nur einer von 136.000 Patienten ohne schwere Vorerkrankungen überlebt die Operation aufgrund der Vollnarkose nicht. Bei rund zehn Millionen Vollnarkosen pro Jahr wären das also 73 Tote jährlich. Häufiger sind Todesfälle aufgrund von Komplikationen bei der Operation. Und zum Vergleich: An einer Grippe oder Lungenentzündung sterben jedes Jahr rund 21.000 Menschen.

Warum ist die Angst vor der Vollnarkose dennoch so weit verbreitet?
Die Vollnarkose bedeutet einen kompletten Kontrollverlust. „Sonst ist man es gewohnt, in jeder Lebenslage Herr über seinen Körper zu sein. Bei der Narkose wird anders als beim Schlafen auch noch das Bewusstsein ausgeschaltet. Man begibt sich für die Dauer der Operation komplett in fremde Hände, das sorgt verständlicherweise für Unbehagen“, sagt Frank Wappler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum der Universität Witten-Herdecke in Köln.

Und wie kann man den Patienten dieses Unbehagen nehmen?
Vor jeder Narkose gibt es ein Vorgespräch zwischen Patient und Narkosearzt. „Wenn Patienten große Angst haben, sind sie dort entweder sehr ruhig oder reden sehr viel“, sagt Narkosearzt Frank Wappler. Auf solche Patienten kann der Anästhesist dann besonders eingehen, ihnen erklären, wie sicher Narkosen sind, aber auch durch gezielte Fragen beispielsweise zu Vorerkrankungen die Narkose individuell anpassen. „Außerdem ist ein Narkosearzt in Deutschland während der gesamten Operation dabei und überwacht den Patienten und die Monitore“, sagt Frank Wappler. Dort lässt sich beispielsweise anhand von Blutdruck und Puls ableiten, dass ein Patient tief schläft und keine Schmerzen verspürt.

Gibt es Patienten, die trotz Vollnarkose während der Operation aufwachen?
„Das passiert wirklich höchst selten“, sagt Chefarzt Wappler. Um das zu verhindern, gebe es schließlich die ausführlichen Vorgespräche vor einer Narkose. Denkbar seien solche Fälle beispielsweise, wenn ein Patient direkt am Unfallort ins künstliche Koma versetzt werden muss und daher keine ausreichenden Informationen zu Gewicht oder Vorerkrankungen vorliegen. Oder auch bei einem Kaiserschnitt, bei dem die Medikamente wegen des Babys möglichst sparsam dosiert werden. Auch Kinder haben verschiedenen Studien zufolge doppelt so häufig während einer Operation wache Phasen wie Erwachsene, weil ihr Körper die Medikamente schneller abbaut und es deshalb schwierig ist, eine konstante Dosierung zu halten.

Was genau passiert bei einer Vollnarkose?
Verwendet werden meist drei Medikamentengruppen, die dafür sorgen sollen, dass der Patient nichts fühlt, nichts spürt und ganz entspannt ist. Verabreicht werden deshalb ein Hypnotikum, also ein Schlafmittel, um das Bewusstsein auszuschalten, ein Schmerzmittel sowie ein Muskelrelaxans. Das Muskelrelaxans ist ein Medikament, das die Muskeln lockert, sodass ein Beatmungsschlauch eingeführt und eine Wunde am entspannten Körper zugenäht werden können. All diese Medikamente sind der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin zufolge sehr zuverlässig und sehr gut dosierbar. Bevor die Operation beginnt, informiert der Anästhesist das gesamte Team noch einmal darüber, wie alt der Patient ist, welche Vorerkrankungen er hat und an welchem Knie beispielsweise operiert werden soll. Dadurch sollen falsche Eingriffe oder ein Eingriff am falschen Patienten verhindert werden.

Gibt es Alternativen zur Vollnarkose?
„Bei allen Eingriffen unterhalb des Bauchnabels sind häufig auch Teilnarkosen möglich, also beispielsweise bei Operationen am Fuß und am Knie und bei einem Kaiserschnitt“, sagt Anästhesist Wappler. Insbesondere bei schmerzhaften und aufwendigen Eingriffen an Kopf, Brust und Bauch gilt die Vollnarkose aber als die sicherere Variante beziehungsweise ist unverzichtbar, weil sich dadurch alles besser steuern und überwachen lässt.

Mit welchen Nebenwirkungen muss man bei einer Vollnarkose rechnen?
„Als Hypnotikum wird meist Propofol eingesetzt, das hat überschaubare Nebenwirkungen und sorgt für angenehme Träume“, sagt Wappler. Am häufigsten klagen Patienten nach einer Vollnarkose über Übelkeit oder einen rauen Hals wegen des Beatmungsschlauchs. Bei älteren Patienten kann es vorübergehend zu Verwirrtheit kommen.

Kann man als Patient auch etwas dazu beitragen, dass eine Narkose ohne Komplikationen abläuft?
Ja. Ehrlich sein, wenn es um Fragen nach Körpergewicht, Medikamenten, Allergien, Alkohol und Rauchen geht. Denn solche Fragen werden gestellt, um die Narkosemittel richtig dosieren zu können. „Nur wenn das möglich ist, ist man nach einer Operation auch schnell wieder ansprechbar. Der Kreislauf stabilisiert sich rascher, und der Körper muss nicht unnötig viel Narkosemittel abbauen“, erläutert Wappler. Auch an die Vorgaben, wann zuletzt vor der Operation gegessen oder getrunken werden darf, sollte man sich halten. Und egal, wie aufgeregt man vor der Vollnarkose ist: Selbst Beruhigungsmittel zu schlucken, ist keine gute Idee. „Angstpatienten bekommen vom Anästhesisten ein Beruhigungsmittel, welches sich mit dem Narkosemittel verträgt“, sagt der Mediziner.

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