Politik Zwischen Ukraine und Russland tobt der Propagandakrieg

Höchst lebendig: Arkadi Babtschenko (rechts) zeigte sich gestern gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko.
Höchst lebendig: Arkadi Babtschenko (rechts) zeigte sich gestern gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko.

Der Mord an dem russischen Journalisten Arkadi Babtschenko in Kiew hat sich als eine Inszenierung des ukrainischen Geheimdiensts entpuppt. Die Russen sind empört, die Ukrainer wieder einmal enttäuscht von ihrer Regierung.

Bis Mittwoch stellte sich die Geschichte um Babtschenko so dar: Man lauerte ihm im Treppenhaus auf, schoss ihm dreimal in den Rücken, er starb im Notarzt-Wagen. Am Dienstagabend erlag der russischen Schriftsteller, Kriegsberichterstatter und Blogger in Kiew einem Mordanschlag. Dann aber trat das vermeintliche Opfer auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Staatssicherheitsdienst SBU auf. Es stellte sich heraus, dass das Attentat von ukrainischen Geheimdienstlern inszeniert worden war. „Soweit ich weiß, wurde diese Operation zwei Monate vorbereitet. Mich informierte man vor einem Monat“, erklärte Arkadi Babtschenko. Nach Darstellung von SBU-Chef Wasili Grizak hatte der russische Geheimdienst einem ukrainischen Donbass-Veteranen 30.000 Dollar geboten, um Babtschenko zu ermorden. Babtschenko erzählte, die Auftraggeber hätten dem gedungenen Killer und seinen Helfershelfern eine Fotografie von ihm gezeigt, die es nur in zwei Exemplaren gebe: in seinem russischen Ausweis und in den Unterlagen des russischen Passamts. Diese Tatsache beweise, dass die staatliche Dienste Russlands an dem Mordplan beteiligt gewesen seien. Der Killer sei verhaftet worden. Zwischen Kiew und Moskau tobt nun ein Propagandakrieg wegen des vermeintlichen Mordes. Der ukrainische Regierungschef Wolodomir Groisman teilte gestern mit, er sei überzeugt, dass die „totalitäre Maschine Russlands“ Babtschenko seine Ehrlichkeit und Standhaftigkeit nicht verziehen habe. Russlands Außenminister Sergej Lawrow konterte, solche Vorwürfe noch vor Beginn der Ermittlungen folgten einem Muster, das international derzeit üblich sei. Die ukrainische Öffentlichkeit ist allerdings verunsichert. Es wird über die Identität der Hintermänner und ihre Kontakte nach Russland spekuliert – und heftig über den Sinn der fingierten Erschießung gestritten. SBU und Staatsanwaltschaft gelten als korrupt und übergriffig. „Jetzt wirft man uns überall in der Welt vor, wir produzierten Fake News“, beklagt ein ukrainischer Diplomat. Arkadi Babtschenko gilt als Kämpfernatur und Pazifist. Der 41-Jährige ist unerschrocken und ein erklärter Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Babtschenko nahm als russischer Soldat an beiden Tschetschenienkriegen teil und verfasste bedrückende Erzählungen darüber. Als Kriegsberichterstatter im Donbass 2014 schlugen ihn ukrainische Fallschirmjäger zusammen und simulierten seine Erschießung. Der Grund: Sein Partner, ein Kiewer TV-Journalist, hatte gegen die Vereinbarung verstoßen, keine Fotos mit den Gesichtern der Soldaten im Internet zu veröffentlichen. 2013/2014 verbrachte Babtschenko drei Monate auf dem Kiewer Maidan, den Sieg der ukrainischen Aufständischen über den korrupten Präsidenten Viktor Janukowitsch schilderte er in Reportagen auf der Internet-Plattform Facebook. Seit 2010 wuchs seine Leserschaft dort auf 190.000 Abonnenten, die seine Arbeit durch Spenden finanzieren. 2017 verließ Babtschenko Russland Richtung Kiew, weil er sein Leben bedroht sah. Der Journalist verteidigte gestern die Inszenierung. Schließlich sei die Gefahr eines Anschlags real gewesen, schrieb er auf Facebook. Bei seiner Frau und seinen Freunden entschuldigte sich Babtschenko jedoch . Die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte, mit dem vorgetäuschten Mord sei die Öffentlichkeit in die Irre geführt worden. „Solche Inszenierungen sind ein Stich ins Mark der Glaubwürdigkeit des Journalismus“, warnte Vorstandssprecher Michael Rediske.

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