Nachruf
Zum Tod von Thomas Oppermann: Klug und pragmatisch
Als Thomas Oppermann vor Kurzem ankündigte, nach der Bundestagswahl dem Parlament Ade zu sagen, tat er etwas Ungewöhnliches. Er erwähnte, was ihm in seiner bis dato 30 Jahre währenden Politik-Karriere nicht gelungen ist.
Der Niedersachse wäre am liebsten Bundesinnenminister geworden, doch den Traumjob verpasste er. Die Sozialdemokratie hatte einfach zu viele Niedersachsen wie Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier oder Hubertus Heil, die nach höheren Ämtern strebten. Als Innenminister hätte Oppermann gerne eine „fortschrittliche und kontrollierte Migrationspolitik durchgesetzt“. Doch es sollte nicht sein.
Ein pointierter Kritiker der schwarz-gelben Koalition
Sein jäher Tod am Sonntagabend riss den erst 66-Jährigen aus einem gleichwohl erfolgreichen Politikerleben. Der SPD-Politiker brach Minuten vor einem geplanten Interview mit dem ZDF zusammen. Zur Todesursache gab es zunächst keine Informationen. Seine stärkste Zeit war die als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. In dieser wenig bekannten, doch eminent wichtigen Funktion koordinierte Oppermann die Fraktionsgremien und hatte für die Abstimmungsdisziplin zu sorgen – kein angenehmer Job. Dabei ließ er selten eine Gelegenheit aus, seine Fraktion als Hort des gegenseitigen Einvernehmens darzustellen, was nicht immer so ganz der Realität entsprach.
Oppermann machte sich zwischen 2011 und 2013 einen Namen als pointierter Kritiker der damals regierenden schwarz-gelben Koalition. Zu den regelmäßigen Pressegesprächen in den Sitzungswochen kam der politische Generalist exzellent präpariert, hatte kluge Argumente parat und formulierte druckreif.
Er konnte auch „mit Watte werfen“
Fortan hatte der jugendlich und sportlich wirkende Politiker eine beachtliche Fernsehpräsenz. 2013 erhielt er den Titel des meisteingeladenen Talkshow-Gastes. Die Linken in der SPD-Fraktion hatten nicht immer Freude mit dem Mitte-Politiker. Der Jurist und ehemalige Richter wollte sich keiner Ideologie unterwerfen und setzte alles daran, dass die SPD wieder Regierungspartei werden konnte. Kaum bahnte sich die große Koalition an, stellte Oppermann das Dauerfeuer ein und „warf mit Watte“, wie die „taz“ einmal schrieb. Er sah die Sache eben pragmatisch.
Wie sich Oppermann selbst wahrnahm, offenbarte er im Wahlkampf 2013 einem ZDF-Team. Auf einer Skala von null (gar nicht) bis zehn (sehr stark) ordnete sich Oppermann so ein: „Ehrgeizig? Neun. Arrogant? Drei. Humorvoll? Neun. Egoistisch? Sieben. Vorlaut? Acht. Belehrend? Drei.“ Es gab SPD-Fraktionsmitglieder, die über diese Selbsteinschätzung die Augenbrauen hoben – außer beim Punkt „Ehrgeiz“.
„Edathy-Affäre“ war eine echte Krise
In eine echte Krise brachte ihn sein Agieren in der „Edathy-Affäre“. Oppermann hatte vertrauliche Informationen über justiziable Vorwürfe gegen den SPD-Mann Sebastian Edathy, die er sich vom Bundeskriminalamt bestätigen ließ – ein grenzwertiges Verhalten. Oppermann stolperte trotz Rücktrittsforderungen nicht über den Fall und wurde mit großer Mehrheit von der Fraktion in seinem Amt bestätigt.
Als Fraktionschef von 2013 bis 2017 trat der Vater von drei Töchtern und einem Sohn nicht mehr als der Angriffslustige in Erscheinung, schließlich war die SPD Regierungspartei. Sein einstiger Rivale von der Union, Fraktionschef Volker Kauder, lobte ihn als verlässlichen Koalitionspartner. In der Flüchtlingskrise warb Oppermann dafür, mehr für die Innere Sicherheit zu tun und die Anzahl der Flüchtlinge dauerhaft zu reduzieren.
Oppermann trat Ende 2017 sein letztes Amt an, das des Bundestagsvizepräsidenten. Er setzte sich vehement für eine Wahlrechtsreform ein und sprach sich sogar dafür aus, bei Uneinigkeit der Koalition den Fraktionszwang aufzuheben, um ein Modell der Opposition zu wählen.