Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Zeit der Knappheit

Fürs Bauen und zur Zementherstellung braucht es enorme Mengen an Sand. Doch selbst der ist nicht in unendlichen Mengen in der en
Fürs Bauen und zur Zementherstellung braucht es enorme Mengen an Sand. Doch selbst der ist nicht in unendlichen Mengen in der entsprechenden Qualität vorhanden.

Die meisten der heute Lebenden konnten bisher unter einem überquellenden Angebot an Waren wählen. Corona hat diese Fülle schrumpfen lassen. Und es zeichnen sich bereits neue Einschränkungen ab.

Viele Menschen in Deutschland machen derzeit Bekanntschaft mit einem Phänomen, das sie bislang nur vom Hörensagen kannten: Knappheit. Ob im Baumarkt, beim Auto- oder Fahrradhändler oder im entsprechenden Onlineshop – oft lautet die Auskunft: Dieses Teil (oder gleich das ganze Modell) ist nicht lieferbar. Den Herstellern fehlen Computerchips – weshalb in der deutschen Automobilwirtschaft immer mal wieder die Bänder stillstehen; es mangelt der Baubranche nicht nur an Holz, sondern auch an anderen Materialien.

Die Gründe für diese Mangelwirtschaft sind vielfältig. Meist lassen sie sich letztlich auf Corona zurückführen. Durch die Pandemie kam es zu Verwerfungen in den Lieferketten. Weil die Nachfrage in China und den USA überraschend schnell anzog, sind Angebot und Nachfrage nicht mehr ausgeglichen; es fehlt an Transportkapazitäten.

Derzeit beschäftigt vor allem der Mangel an Impfstoff

Die Knappheit, die die Deutschen am meisten beschäftigt, ist jedoch der Mangel an ausreichend Impfstoff. Dies ist eine spezielle Form der Knappheit. Doch hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, was daraus folgen kann: Neiddiskussionen und Verteilungskämpfe. Dies trifft auch im globalen Maßstab zu, wo über acht Milliarden Menschen um ein (noch) sehr knappes Gut konkurrieren.

Sicher wird sich die wirtschaftliche Lage nach Abflauen der Pandemie wieder beruhigen. Somit unterscheidet sich diese Art der Knappheit von einer weit gravierenderen Form des Mangels, die damit zu tun hat, dass ein Ende nicht absehbar ist – und damit, dass die betroffenen Güter unersetzbar sind.

Bereits 1972 sorgte ein Buch mit dem Titel „Grenzen des Wachstums“ weltweit für Furore. Wissenschaftler untersuchten im Auftrag des „Club of Rome“ Ursachen und Folgen des ständigen Wachstums der Weltbevölkerung, den Verbrauch an Rohstoffen und die damit einhergehende Umweltverschmutzung. Sie entwarfen ein beklemmendes Bild der Welt bis 2050. Heute weiß man, dass der Planet in vielen Bereichen besser dasteht als befürchtet. Weil der Mensch erfindungsreich ist. Doch der Homo sapiens ist eben nicht überall gleichermaßen erfolgreich.

Wegen des Klimaschutzes drohen Verteilungskämpfe

Beispiel Holz: Derzeit fehlt es vor allem an Schnittholz fürs Bauen und Konstruieren. Mittelfristig könnte es an geeignetem Holz fehlen, weil schnell wachsenden Baumarten (allen voran die Fichte) ersetzt werden müssen durch Laubbäume, die besser an das wärmer werdende Klima angepasst sind – die aber viel langsamer wachsen. Auch an anderer Stelle droht bisher unbekannte Knappheit: Trinkwasser in Deutschland wurde mancherorts bereits rar, weil es zu wenig regnet und der Grundwasserspiegel fiel. Im Weltmaßstab zeichnet sich ab, dass die Versorgung mit Phosphor (Pflanzennährstoff) und Sand, der fürs Herstellen von Zement geeignet ist, zum Problem werden kann.

Zu den knapper werdenden Gütern gehört recht besehen auch die Atmosphäre um den Erdball. Dorthin ist bis jetzt einfach der gesamte „Abfall“ an Gasen, die beim Verbrennen von Öl, Kohle und Gas entstehen, verbracht worden. Doch soll das Klima geschützt werden, geht das nicht mehr. Es muss neu über Produktion, Verkehr, Wohnen – den Alltag – nachgedacht werden. Wegen des Klimaschutzes drohen also ebenfalls Verteilungskämpfe. Und sei es nur über Fragen wie: Wie teuer soll Fliegen werden? Wer kann sich noch ein Ticket leisten?

Wenn man sich also im Baumarkt oder im Computerladen darüber ärgert, dass nicht mehr alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, sollte man sich vor Augen halten, dass Knappheit – in welcher Form auch immer – zum Wegbegleiter werden könnte.

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