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Zehn Jahre Arabellion: Die Zeichen stehen auf Sturm
Ayat ist eine junge Fotografin in der irakischen Stadt Ramadi. Ihre Familie musste vor dem Terror des „Islamischen Staats“ fliehen, fand in Bagdad Unterschlupf. Nun ist der IS besiegt, und Ayat arbeitet in einem Fotostudio als einzige Frau. „Ich konzentriere mich nicht auf die Zerstörung, sondern auf das neue Leben“, erzählt sie Karim El-Gawhary, der seit 1991 Nahost-Journalist ist und seit 2005 auch für die RHEINPFALZ arbeitet.
Bei El-Gawharys Geschichten ist es wie mit Ayats Fotos: Natürlich handeln sie auch von den Krisen und Kriegen, von denen es so viele gibt zwischen Tripolis, Kairo und Bagdad; aber er will uns mit einfühlsamen Schlaglichtern aus dem ganz normalen Leben ganz normaler Menschen erklären, was nun ist und was kommt.
Kein „Arabischer Winter“
„Repression und Rebellion“ heißt das neue, das inzwischen fünfte Buch aus der Feder des Sohns eines Ägypters und einer Deutschen. Es ist sein bestes und auch sein ambitioniertestes. Dem Studioleiter des ORF in Kairo gelingt nichts weniger, als Revue passieren zu lassen und zu analysieren, was in der arabischen Welt seit dem Tod von Mohamed Bouazizi in Tunesien vor bald zehn Jahren geschehen ist. Wie aus der Arabellion, dem Arabischen Frühling, unfassbares Leid entstand, aber dennoch kein „Arabischer Winter“ folgte, sondern vielmehr eine Zeitenwende begann, die noch lange nicht vorbei ist. Die uns in Europa aufrütteln muss: Was bedeuten diese politischen, wirtschaftlichen, demografischen und kulturellen Umbrüche für uns, die wir die unmittelbaren Nachbarn sind? El-Gawhary spricht zurecht von einer „Schicksalsgemeinschaft“.
Dieses Buch hält, was der Klappentext verspricht: Es springt nicht von Event zu Event, es ist langsam, es fließt, es schaut von oben, es fährt mitten herein. Wobei langsam nicht mit langweilig zu verwechseln ist: Die 224 Seiten sind kurzweilig. Weil sie von Menschen wie Ayat, der Fotografin, erzählen. Es kommt so manche Person vor, die RHEINPFALZ-Leser aus Reportagen auf der Seite 3 wiedererkennen werden. Aber er zeigt auch die großen Linien auf, untermauert seine Thesen mit Studien und Statistiken. Wussten Sie, dass 80 Prozent der Jugendlichen in der arabischen Welt die Religion und ihre Institutionen sehr kritisch sehen? Dass jeder dritte Ägypter mit weniger als 1,30 Euro am Tag überleben muss?
Der Geist der Revolution
„Repression und Rebellion“ ergänzt perfekt die tägliche RHEINPFALZ-Lektüre. Sunniten, Schiiten, der IS, Kronprinzen in Riad und Abu Dhabi – El-Gawhary beschreibt das so allgemeinverständlich wie klug und präzise. Was ab 2010 in der arabischen Welt passiert ist, vergleicht er mit der Zeit nach dem Wiener Kongress 1815, als die Monarchien Europas die Folgen der Französischen Revolution zurückdrehen wollten. Der Geist der Revolution lebte weiter!
Wie geht es weiter in Syrien, im Libanon, Saudi-Arabien, dem Sudan? Die Zeichen stehen auf Sturm, befürchtet El-Gawhary. „Weil die einen ihre Macht haben und die anderen fast nichts mehr zu verlieren.“ Der Graben zwischen Regierenden und Volk, die von Corona und fallenden Ölpreisen verschärfte wirtschaftliche Misere, die Korruption, die Waffenverkäufe der Amerikaner und Europäer nach Nahost – das alles mache neue Aufstände, neue Flüchtlingsbewegungen noch wahrscheinlicher.
Das Alte ist gescheitert – die arabischen Autokraten sind Teil des Problems und keine Lösung. Aber das Neue kann sich noch nicht durchsetzen. Europa sollte das nicht egal sein. Junge Menschen wie Ayat hoffen auf ein neues Leben. Aber viele wollen auch nur einfach weg: In Jordanien allein sechs von zehn Jugendlichen.