Politik WM-Migranten

Das Dorf Ketrowaara in den Wäldern Kareliens hat nicht einmal 100 Einwohner, es gibt keine Fußball-Kneipe. Das nächste WM-Stadion in Sankt Petersburg liegt 320 Kilometer entfernt. Dort verlor am Freitag Marokko sein erstes Spiel gegen Iran. Schon eine Woche vorher griffen russische Grenzer bei Ketrowaara vier Marokkaner mit Eintrittskarten und Fan-Pässen auf. Sie waren auf dem Weg zur fünf Kilometer nahen finnischen Grenze, um so auf EU-Gebiet zu gelangen. Die Grenzbehörden Finnlands haben am vorigen Wochenende drei weitere Marokkaner sowie einen Nigerianer mit einem gefälschten brasilianischen Pass festgenommen, als sie versuchten, die Grenze zu überqueren. Sie alle erklärten, sie wollten um Asyl bitten. So wie ein weiterer nicht ganz echter Fußballfan ungenannter Nationalität, der sich auf dem Flughafen Helsinki der Polizei stellte. Er sagte, er habe sich seine Eintrittskarte und den dazugehörigen Fan-Pass nur beschafft, um ohne Visum nach Russland einreisen und danach in Finnland Asyl beantragen zu können. Falsche Fußballfans als Flüchtlinge sind ein neues Phänomen. Beim Confed Cup im vergangenen Jahr war davon nichts zu bemerken. In Internet-Netzwerken, so die Polizeibehörde Europol, wurde schon seit Längerem über die Möglichkeit diskutiert, während der WM über Russland illegal in die EU einzureisen. Einige versuchen offenbar auch, über Weißrussland, das seine Grenze zu Russland nicht kontrolliert, nach Polen und die baltischen EU-Staaten zu gelangen. Alexei Sitenkow von der weißrussischen Polizei teilte gestern in Minsk mit, man habe im Grenzgebiet zu Litauen vier Marokkaner festgenommen, weitere Marokkaner in den beiden Tagen vorher sowie an der polnischen Grenze einen Pakistaner. „Und sie alle sind große Fußballliebhaber“, fügte er ironisch hinzu. Organisierte Schlepper, heißt es vom Staatsgrenzkomitee, köderten Migranten mit der Behauptung, der russische Fan-Pass erlaube ihnen auch die Einreise in die EU-Länder. Knapp ein Dutzend WM-Migranten in einer Woche: Masseneinwanderung ist das allerdings nicht. Die vier Marokkaner, die bei Ketrowaara festgenommen wurden, müssen übrigens ein Bußgeld zahlen und werden nach Hause geschickt. Ihr Team, das nach zwei Niederlagen am Montag noch gegen Spanien antreten darf, kommt etwas später heim.