Russland
Wladimir Putin: Auch bei treuen Anhängern wachsen die Zweifel
Wladimir Putin griff nach den Händen seiner Nebenmänner, legte sie übereinander, schaukelte das Bündel aus Fingern und Armen im Takt der „Russland, Russland!“-Rufe, die der Saal skandierte. Putins Augen strahlten: Vergangene Woche erklärte der russische Präsident im Kreml die zumindest teilweise besetzten Regionen in der Ukraine feierlich zu russischem Staatsgebiet. Er ist etwas rundlich geworden, sein Gesicht wirkt leicht geschwollen. Aber Putin ist kein Greis, noch immer kann er stundenlang fulminant räsonieren.
Kein Vergleich zu Boris Jelzin, als der, 69, herzkrank und alkoholabhängig, Silvester 2000 Putin mit schleppender Stimme zu seinem Thronfolger ausrief. Der präsentierte sich den Russen von Anfang als Mann deftiger Sprüche und Taten.
Euphorie nach Krim-Annektion auf dem Höhepunkt
Die meisten Russen waren stolz auf Putin. Und der hatte Fortune. In seinen ersten zwei Amtsperioden kletterte der Ölpreis von unter 20 auf über 100 Dollar, die Durchschnittslöhne stiegen jährlich um über 50 Prozent. Bis heute stört es nur eine Minderheit, dass er nach Einschätzung des schwedischen Wirtschaftsexperten Anders Oslund über Strohleute ein Vermögen von 100 bis 130 Milliarden Rubel beiseite geschafft hat. „Den Russen hat es immer imponiert, wie reich Putin ist“, sagt der Moskauer Geschichtslehrer Maxim. „Und wer kann, klaut im kleinen Stil selber.“
Als Putin 2014 die Krim annektierte, gipfelte die Zustimmung in sowjetnostalgischer Euphorie. Putin ist wie ein Großteil der Russen Kind einer Gesellschaft ohne ein funktionierendes Wertesystem. Er predigt die Überlegenheit der „traditionellen russischen Werte“. Aber konkret kann er nur sehr globale Tugenden nennen: Mitleid, Kinderliebe, Achtung vor der Familie. Dabei liegt die Scheidungsrate in Russland mit 73 Prozent deutlich über den 46 Prozent in den USA.
Teilmobilmachung löste Schock aus
Eine weitere russische Nationaltugend ist laut Putin Wahrheitstreue. „Sie lügen wie Goebbels“, beschuldigt er den Westen. Aber seine eigenen Unwahrheiten sind berühmt. Putins Flunkerei von 2014, die russischen Soldaten auf der Krim seien örtliche Landsturmmänner, die ihre Ausrüstung in Military-Läden gekauft hätten, feierte die vaterländische Öffentlichkeit hinterher als Kriegslist.
Auch daran, dass er noch diesen Februar verkündete, man plane nicht, ukrainische Gebiete zu besetzen, wollte sich bei den Annexionsfeierlichkeiten niemand erinnern. Doch selbst Kernwähler waren geschockt, als er am 21. September die Teilmobilmachung „zur Verteidigung des eigenen Vaterlandes“ ausrief. Obwohl sein Verteidigungsminister am gleichen Tag versicherte, man habe in der Ukraine in sieben Monaten nur 5000 Mann verloren, aber 50.000 Feinde vernichtet.
Drohung mit der Atombombe
Seit Jahren hütet Putin einen weiteren vaterländischen Wert: die Atombombe. Schon 2007 erklärte er, Russlands traditionelle Konfession und sein Nuklearschild seien die Grundvoraussetzungen für die Sicherheit des Landes. 2018 versicherte er noch, Russland werde Atomwaffen nur als Antwort auf einen Nuklearangriff anwenden, dabei aber die Apokalypse in Kauf nehmen. „Bei einer Bedrohung der territorialen Unversehrtheit unseres Landes“, drohte er bei der Ankündigung der Annexion, „werden wir zweifelsohne alle uns zur Verfügung stehenden Mittel benutzen. Das ist kein Bluff.“
Ein langjähriger Mitarbeiter Putins sagt dem Rechercheportal Faridaily, für Putin gäbe es kein Zurück. „An jeder unangenehmen Weggabelung wird er die Eskalation bis zu den Atomwaffen wählen.“ Allerdings neigen solche kremlnahen Quellen dazu, Journalisten die Wahrheiten zuzuflüstern, die Putin selbst gern in die Welt setzen würde.
Am Ende der Annexionsfeierlichkeiten rief Putin der Menschenmenge auf dem Roten Platz zu: „Wir sind stärker geworden, weil wir zusammen stehen. Wir haben die Wahrheit hinter uns, in der Wahrheit aber liegt die Kraft, also der Sieg!“ Nach dem Absingen der Nationalhymne schüttelte Putin einige Hände, mit eher kaltem Gesichtsausdruck. Dann ging er allein ab, in die entgegengesetzte Richtung wie seine Begleiter. Ein kleiner Mann, unterwegs in seinem eigenen Tunnel.